Ostdeutschland besonders betroffen Diese Gefahren sieht die Bundesregierung bei einem Öl- oder Gaslieferstopp

Aktuell-Redakteure - Lucas Grothe
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Ein Lieferstopp von russischem Öl hätte vor allem Folgen für Ostdeutschland, bei Gas wäre die ganze Bundesrepublik betroffen. Das stellt die Bundesregierung in einem Bericht fest. Gleichzeitig sieht sie aber Fortschritte.

Das Gelände der PCK-Raffinerie GmbH
Das Gelände der PCK-Raffinerie in Schwedt – dort kommt das Öl aus Russland an. Bildrechte: dpa

Die Bundesregierung erwartet bei einem Lieferstopp von russischem Öl nach Deutschland deutlich höhere Preise für Kraftstoff und Heizöl sowie regional und temporäre "Mangelsituationen". Das geht aus einem Bericht des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz hervor, der dem MDR vorliegt. "Um die russischen Rohöl- und Mineralöl-Mengen auszugleichen, müssen neue Versorgungsströme aufgebaut werden, was nun von der Raffineriewirtschaft und vom Mineralölhandel vorbereitet wird", heißt es in dem für den Bundestagsausschuss für Klimaschutz und Energie verfassten Bericht weiter. Wesentliche Einflüsse auf die Stromversorgung hätte ein Ölembargo dagegen nicht.

Probleme gebe es wohl vor allem für den Osten Deutschlands: Würden alle russischen Lieferungen kurzfristig ausfallen, könnte laut dem Ministeriumsbericht die Erdöl- und Mineralölversorgung zwar für mehr als 200 Tage allein mit der Erdölreserve sichergestellt werden. Allerdings ist der Wert nur rechnerisch und "ohne Betrachtung der Transportmöglichkeiten und Rohölqualitäten". Im Bundestagsausschuss für Energie und Klimaschutz hieß es nach MDR-Informationen, dass die Ölreserven nicht aus russischem Öl bestehen würden. In den Raffinerien im Osten Deutschlands – unter anderem in Leuna in Sachsen-Anhalt und Schwedt in Brandenburg – könne es deshalb zu Problemen kommen. Denn diese sind auf russisches Öl ausgelegt, was dicker und zähflüssiger ist.

Deutschland wurde bisher zu rund 35 Prozent mit Öl aus Russland versorgt. Seit Kriegsausbruch wurde die Menge gesenkt, bis Ende des Jahres soll laut dem Plan der Bundesregierung kein Öl mehr aus Russland importiert werden. Ostdeutschland stellt dies allerdings vor Probleme, da der Osten bisher fast vollständig über die Druschba-Pipeline mit russischem Öl versorgt wurde. Derzeit wird geprüft, ob diese durch Lieferungen durch Pipelines von Rostock und Danzig aus versorgt werden können, heißt es im Ministeriumsbericht. Details werden nicht genannt.

In den beiden Städten gibt es Pipelineanschlüsse, die mit dem Druschba-System verbunden sind. Über die Anschlüsse könnte Öl von Schiffen aus eingespeist werden.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hatte am Rande von Gesprächen mit der polnischen Regierung am Mittwochmorgen gesagt, dass der Westen Deutschlands seine Ölimporte aus Russland bereits beendet habe. Die zum Total-Konzern gehörende Raffinerie in Leuna habe diesen Schritt zudem angekündigt und könne es bei Bedarf vorziehen. Das Problem liege noch bei der Raffinerie in Schwedt, die zum russischen Rosneft-Konzern gehöre. Insgesamt sei das Problem der Abhängigkeit von Russland von 35 auf zwölf Prozent gesenkt worden.

Gaslieferstopp würde massive Probleme verursachen

Weitaus größere Probleme sieht die Bundesregierung in einem anderen Bereich der Energieimporte. Denn anders als bei Erdöl und Kohle sei es beim Gas nicht offensichtlich, wie fehlende russische Erdgasmengen für den Winter 2022/23 ersetzt werden können, weder in Deutschland noch in der EU, heißt es. Die Versorgungssicherheit sei bis zum Beginn der kommenden Heizperiode sichergestellt. "Sollten russische Gaslieferungen jedoch langfristig ausfallen, ist die Sicherstellung der Versorgungssicherheit ab dem nächsten Winter in Deutschland und seinen Nachbarstaaten gefährdet." Bei einem kurzfristigen Ausfall der russischen Importe würden diese demnach durch Lieferungen aus den Niederlanden, Norwegen, anderen Quellen wie Flüssigerdgas (LNG) und Eigenproduktion ersetzt.

Russland hatte am Dienstag die Gaslieferungen nach Polen und Bulgarien gestoppt. Deutschland ist nicht betroffen. In der Bundesrepublik gilt derzeit die Frühwarnstufe des Notfallplans Gas. Sollten Importe kurzfristig wegfallen, würden im Extremfall vorrangig geschützte Kunden wie Privathaushalte und Krankenhäuser weiter versorgt, die Lieferungen an Unternehmen aber gegebenenfalls gestoppt werden.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 27. April 2022 | 17:07 Uhr

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