Fachkräftemangel Rückgang bei Handwerker-Azubis weniger stark als befürchtet

Das mitteldeutsche Handwerk zieht angesichts der Coronakrise eine positive Bilanz beim Nachwuchs. Die Zahl der neuen Azubis ist in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen 2020 weniger stark zurückgegangen als im bundesweiten Vergleich.

Eine Auszubildende arbeitet mit einem Hobel an einem Werkstück.
Nachwuchssorgen im Handwerk gibt es seit Jahren schon. Betriebe sind gezwungen, Aufträge abzulehnen, weil ihnen Fachkräfte fehlen. Bildrechte: dpa

Die Corona-Krise hat die Ausbildungssituation in ganz Deutschland weiter verschärft. Im mitteldeutschen Handwerk ist die Lage jedoch vergleichsweise gut. Viele Ausbildungspläne scheitern an Unsicherheiten in der Wirtschaft. Betriebe bieten weniger Plätze an, junge Menschen fragen weniger Stellen nach. "Wir wissen, dass viele Betriebe im letzten Jahr Abstand davon genommen haben, Azubis einzustellen, weil die Umsetzung durch die Pandemie schwer war, Schulen geschlossen waren und schließlich auch anderes zu erledigen war, als Azubis zu suchen", sagt Uwe Runge, Präsident des Handwerkstages in Sachsen-Anhalt. Der Handwerkstag ist die oberste Interessenvertretung für Handwerksbetriebe auf Landesebene.

Moderater Rückgang bei Ausbildungsverträgen in Mitteldeutschland

Laut Statistischem Bundesamt ist die Zahl der neuen Ausbildungsverhältnisse im Handwerk 2020 bundesweit um rund sieben Prozent zurückgegangen. Das sind über 9.000 neue Handwerker-Azubis weniger als 2019. Der Rückgang in Mitteldeutschland ist dabei geringer. In Sachsen lag dieser bei Neu-Lehrverträgen bei rund zwei Prozent und in Sachsen-Anhalt bei rund drei Prozent. In Thüringen konnte entgegen dem allgemeinen Trend sogar ein minimaler Anstieg verzeichnet werden.

Dazu Thomas Malcherek, Geschäftsführer des Thüringer Handwerkstages: "Das ist das Verdienst unserer Betriebe und der Handwerkskammern, die 2020 so früh wie nie zuvor die Werbetrommel gerührt haben. Weil Praktika so gut wie unmöglich waren und Messen nicht bzw. nur virtuell stattfinden konnten, fanden Beratungen per Telefon oder online statt. Zudem hat die Corona-Krise für mehr Wertschätzung Handwerksberufen gegenüber gesorgt: Insbesondere die Lebensmittelhandwerke wie Bäcker oder Fleischer zählen dazu."

Abweichungen zwischen den Gewerken

Allerdings zeigen sich starke Unterschiede zwischen den einzelnen Berufen. Dies geht aus einer Auswertung der Initiative für Gewerbevielfalt hervor. Demnach ging in Sachsen und Thüringen die Zahl der neuen Lehrverträge bei Kosmetikerinnen und Kosmetiker um 25 Prozent zurück. Im Bäckerhandwerk gab es indes in allen drei Ländern mehr neue Ausbildungsverhältnisse, während diese bundesweit insgesamt rückläufig waren. In Sachsen-Anhalt stieg deren Zahl um 38 Prozent. In Thüringen wurden für den Beruf der Zimmerin und des Zimmerers 63 Prozent mehr Lehrverträge abgeschlossen.  

Wie hat sich 2020 die Zahl der Neu-Lehrverträge in einzelnen Handwerksberufen entwickelt?

Quelle: Auswertung der Initiative für Gewerbevielfalt auf Grundlage von Daten des Bundesinstituts für Berufsbildung, 2021
Ausgewählte Berufe Deutschland                                           Sachsen     Sachsen-Anhalt     Thüringen     Ausgewählte Berufe
  2019 2020 Veränderung 2019 2020 Veränderung 2019 2020 Veränderung 2019 2020 Veränderung  
Maurer/-in 3.498 3.558 2% 99 108 9% 48 42 -13% 42 39 -7% Maurer/-in
Zimmerer/-in 3.945 4.320 10% 114 132 16% 42 42 0% 48 78 63% Zimmerer/-in
Bäcker/-in 2.283 2.118 -7% 141 150 6% 24 33 38% 36 42 17% Bäcker/-in
Kosmetiker/-in 264 180 -32% 24 18 -25% 3 3 0% 12 9 -25% Kosmetiker/-in

Mehr Azubis im Bauhandwerk

Die Zuwächse im Bauhandwerk schaffen günstige Rahmenbedingungen für einen anhaltenden Bauboom. Infolge der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank investieren Anleger ihr Geld bevorzugt in "Betongold". Das sorgte auch in Pandemie-Zeiten für volle Auftragsbücher.

"Die Baubranche ist relativ gut durch die Krise gekommen. Seit Jahresbeginn schmelzen die Auftragspolster jedoch deutlich, was unter anderem an der Zurückhaltung der öffentlichen Auftraggeber liegt, neue Projekte anzugehen. Und im Zuge von Kurzarbeit nehmen auch private Auftraggeber verstärkt Abstand von neuen Aufträgen", sagt Thomas Malcherek und bremst die Erwartungen mit Blick auf allgemeine Finanznöte aufgrund der Corona-Krise.

Fachkräftemangel im Handwerk

Seit Jahren kämpft das Handwerk mit Nachwuchssorgen. Einerseits gibt es generell immer weniger Schulabgänger, andererseits erscheinen vielen jungen Leuten Handwerksberufe nicht attraktiv. So bleiben seit Jahren viele Ausbildungsstellen unbesetzt. Dabei sind Handwerker stark nachgefragt. Die Kunden müssen nicht selten lange auf einen Termin warten. Betriebe sind gezwungen, Aufträge abzulehnen, weil ihnen Fachkräfte fehlen.

Zwischen 2011 und 2013 waren die abgeschlossenen Lehrverträge in den mitteldeutschen Ländern stark rückläufig. Danach erholte sich die Situation wieder leicht. Eine Tendenz, die außer in Thüringen im Krisenjahr 2020 nicht fortgeführt werden konnte. Frank Wetzel, Pressesprecher beim Sächsischen Handwerkstag, zeigt sich dennoch zuversichtlich: "Wir haben Ende April damit begonnen, monatlich die Zahl der Neu-Lehrverträge im sächsischen Handwerk für das kommende Ausbildungsjahr 2021/22 zu erfassen. Ein erstes Fazit: Die Lage am sächsischen Berufsausbildungsmarkt scheint, was das Handwerk betrifft, recht hoffnungsvoll. Um ihren Fachkräftebedarf zu decken, setzen die Handwerksbetriebe weiterhin auf eine Ausbildung im eigenen Unternehmen."

Wie hat sich die Zahl der Neu-Lehrverträge im Handwerk in den letzten zehn Jahren entwickelt?

Quelle: eigene Auswertung auf Grundlage von Informationen von Destatis, 2021
  2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020  
  Sachsen                    
Veränderung zum Vorjahr -3,0% -8,2% +0,1% +8,0% +2,2% +1,7% +7,5% -0,9% +1,5% -2,1% Veränderung zum Vorjahr
  Sachsen- Anhalt                    
Veränderung zum Vorjahr -4,5% -9,6% -10,3% +7,9% -4,1% +3,4% -1,6% +4,2% -4,0% -2,7% Veränderung zum Vorjahr
  Thüringen                    
Veränderung zum Vorjahr -8,6% -5,8% -5,8% -1,5% 0% +2,9% +3,5% +2,6% +0,6% +0,6% Veränderung zum Vorjahr

Quelle: MDR UMSCHAU (dv)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 08. Juni 2021 | 20:15 Uhr

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