Fahrradbau in Mitteldeutschland Bei Diamant brummt es – Mifa in der Krise

In Lockdown-Zeiten gehörten die Fahrradhersteller zu den Gewinnern. Vergangenes Jahr wurden in Deutschland laut Zweirad-Industrie-Verband mehr als fünf Millionen Fahrräder und E-Bikes verkauft. Doch nicht alle profitieren vom Boom. Bei Diamant in Sachsen brummt es, Mifa in Sachsen-Anhalt kommt gerade aus der dritten Insolvenz. Erreicht der Boom auch die Sangerhausener?

Fahrrad
Fahrradmontage bei Diamant im sächsischen Hartmannsdorf Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die große Montagehalle wirkt leer. Wo einst Hunderte für die Mitteldeutschen Fahrradwerke (Mifa) gearbeitet haben, schrauben nur noch 75 Leute Fahrräder zusammen. Der einstige Vorzeigebetrieb ist arg geschrumpft. Die Managerin Tao Wang hat die Fahrradfabrik in Sangerhausen aus der Insolvenz gerettet, der dritten binnen sechs Jahren.

Was wir hier vorgefunden haben, war ziemlich heruntergekommen. Wir werden die Firma wieder nach vorne bringen, dass die Produktion wieder schön anläuft und die Kapazität wieder nach oben gefahren wird, dass die Leute wieder voll beschäftigt werden.

Mifa-Chefin Tao Wang

Viele Jahre hat Mifa für Discounter gebaut. Doch billig konnten auch andere. Für den Neustart gab es nun einen neuen Namen: Zweirad Union eMobility. Wang will mit Elektrorädern die Wende schaffen. Doch auch auf dem Wachstumsmarkt für E-Bikes ist die Konkurrenz hart.

Diamant hat erfahrenen Partner

150 Kilometer entfernt, im sächsischen Hartmannsdorf, sitzt der andere große ostdeutsche Fahrradbauer Diamant. Bei ihm herrsche Hochbetrieb, sagt der amerikanische Chef Brian Schumann. "Ob Citybikes, Trekkingräder, Mountainbikes oder Elektroräder: Wir haben gerade überall Nachfrage."

Diamant Fahrrad Verpackung
Diamant-Räder werden zum Versand in Kartons gepackt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Diamant will in diesem Jahr mehr Räder verkaufen als je zuvor und den Rekord aus DDR-Zeiten von 275.000 Rädern im Jahr brechen. Produktionsmanager Tom Mickeleit führt durch die Halle. Es wird geschraubt, geölt, montiert. Pro Mountainbike hätten seine Leute eine Stunde Zeit, erzählt Mickeleit. Für jedes Elektrorad anderthalb Stunden.

Aktuell gehen zwischen 1.300 und 1.500 pro Tag vom Band. Tendenz stark steigend. Unsere Räder gibt es nur im Fachhandel. Und die Zusammenarbeit mit Trek, wo Synergien entstehen, ist auch nicht zu verachten.

Diamant-Manager Tom Mickeleit

Diamant - über 100 Jahre Fahrradgeschichte

Historische Diamantrad-Reklame
Historische Diamantrad-Reklame aus dem Jahr 1908 Bildrechte: Diamant Fahrradwerke GmbH
Historische Diamantrad-Reklame
Historische Diamantrad-Reklame aus dem Jahr 1908 Bildrechte: Diamant Fahrradwerke GmbH
Historische Diamantrad-Reklame
Historische Diamantrad-Reklame aus dem Jahr 1912 Bildrechte: Diamant Fahrradwerke GmbH
Historische Diamant-Reklame
Historische Diamantrad-Reklame aus dem Jahr 1935 Bildrechte: Diamant Fahrradwerke GmbH
Historische Diamantrad-Reklame
Historische Diamantrad-Reklame aus dem Jahr 1924 – durch Erfolge im Rennsport erfuhr die Marke Bekanntheit. Bildrechte: Diamant Fahrradwerke GmbH
Diamant Reklame
Historische Diamantrad-Reklame aus dem Jahr 1959: In der DDR wurde die Produktion und auch die Werbung für verschiedene Marken verknüpft. Bildrechte: Diamant Fahrradwerke GmbH
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Dieses Thema im Programm: Umschau | 11. Mai 2021 | 20:15 Uhr

Historische Diamantrad-Reklame Rennfahrer
Historische Reklamen der Marke Diamant im Wandel der Jahrhunderte Bildrechte: Diamant Fahrradwerke GmbH

Seit 18 Jahren gehört Diamant zum US-Fahrradhersteller Trek. Die neuen Eigentümer bewahrten die Marke. Diamant-Räder kommen nach wie vor aus Hartmannsdorf. In der Fabrik verbindet sich Ost-Wissen mit US-Management.

Mickeleit erläutert: Eigentlich seien alle per Du. Es sei ein sehr offenes Klima mit flachen Hierarchien. Die Mitarbeiter machten Sport-Events zusammen: Sie kickten mit dem Chef und man fahre zusammen Fahrrad. Es werde viel gefeiert.

Know-How in Sangerhausen macht Hoffnung

Bis auch Mifa wieder feiern kann, dauert es vermutlich noch. Die Marke ist verblasst und wurde zuletzt zu Gunsten einer Auftragsfertigung aufgegeben. Die letzten beiden Manager kamen aus der Autoindustrie. Tao Wang hat zumindest Zweirad-Erfahrung. Sie führte schon einen Nürnberger Hersteller für E-Roller aus der Insolvenz.

Sangerhausen ist ein sehr guter Standort. Die Mitarbeiter haben Expertise. Ich glaube, dass wir nirgendwo in Deutschland so viele Fahrradexperten wie hier finden werden.

Mifa-Managerin Tao Wang

Rund 30.000 Räder will Wang dieses Jahr in Sangerhausen produzieren lassen. Nächstes Jahr sollen es schon 50.000 bis 100.000 sein. Vielleicht ist es der Beginn einer Aufholjagd. Sehr wahrscheinlich ist es die letzte Chance.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 14. Mai 2021 | 08:52 Uhr

4 Kommentare

part vor 4 Wochen

Egal ob Mifa oder Diamant, beide hatten früher eine bessere Rahmen- Ergonomie als manch heutiger teurer Drahtesel, wobei bei Diamant schon immer die Qualität der verarbeiteten Teile gestimmt hat. Mifa hatte teilweise nur lackierte Felgen im Gegensatz zu den Alus bei Diamant. Ich wünsche den Sangerhäusern trotzdem gutes Gelingen und ein unbedingtes Weiterbestehen.

AufmerksamerBeobachter vor 4 Wochen

Den Spruch kenne ich auch, aber als ich 1978 das Klappi (glaube 301M) im Centrum mit abholen konnte, das war schon schick... und es hat gut gehalten und wir haben es zu zweit bis nach der Wende gefahren.

Waere schoen, wenn MIFA nicht verschwindet.

Uborner vor 4 Wochen

Mifa hat schon immer auf billig gesetzt und steht seit 20 Jahren damit in direkter Konkurrenz zu Anbietern aus Fernost. Diamant hat schon immer auf Qualität gesetzt und steht heute gut da. Das sollten sich alle kleinen Wirtschaftseinheiten mal durch den Kopf gehen lassen.Die Entwicklung der beiden mitteldeutschen Fahradhersteller war vorauszusehen und logisch. Wenn Mifa das nicht schnallt sind sie irgendwann ganz weg.

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