Trotz langer Transportwege Flüssiggas klimafreundlicher als heimische Braunkohle

Ralf Geißler - MDR-Wirtschaftsredakteur
Ralf Geißler - MDR-Wirtschaftsredakteur Bildrechte: mdr

Wirtschaftsminister Habeck reist seit Monaten um die Welt, um Flüssiggas einzukaufen, um Deutschland vor dem Energienotstand zu bewahren. Allerdings fällt die Klimabilanz von Flüssiggas negativ aus und einige meinen sogar, dass heimische Braunkohle klimafreundlicher sei. Die Wissenschaft kommt aber zu einem anderen Schluss.

Schiffe fahren vor Tanks in den Hafen von Rotterdam.
Aufgrund der teils langen Transportwege von Flüssiggas per Schiff, fragen sich einige, ob es wirklich klimafreundlicher als Braunkohle ist. Bildrechte: dpa

Die Braunkohle hat einen schlechten Ruf. Sie gilt als Klimakiller Nummer eins. Trotzdem hat sie uns Jahrzehnte gewärmt, mit Strom versorgt und bei Jens Littmann den Lebensunterhalt gesichert. Littmann ist Betriebsratsvorsitzender des Kohleunternehmens LEAG.

Wenn er nun immer wieder liest, wie Deutschland versucht, Gas einzukaufen, kommen Littmann Zweifel, ob das fürs Klima wirklich so viel besser ist: "Das russische Pipeline-Gas ist vom CO2-Abdruck das einzige Gas, was die Braunkohle unterbietet. Also wenn wir das Fracking-Gas nehmen, das LNG-Gas, das einen hohen Energieaufwand hat, um das zu verflüssigen, hierher zu transportieren. Dann kann ich auch auf Braunkohle setzen."

Nun kann man das als Meinung eines Kohle-Beschäftigten abtun. Doch auch der Grünen-Politiker Hans-Josef Fell kam Anfang des Jahres zu der Einschätzung, dass importiertes Flüssiggas klimaschädlicher sei als heimische Kohle – um bis zu 30 Prozent. Haben die beiden so unterschiedlichen Männer recht? Die Antwort ist kompliziert.

Eins aber sei eindeutig, sagt Christian Böttcher vom Umweltbundesamt, Flüssiggas schade dem Klima mehr als Erdgas aus der Pipeline, denn das Gas müsse man zunächst auf unter 170 Grad bringen, damit es flüssig sei: "Dann kann man es in ein Schiff packen.

Jetzt muss das Schiff natürlich einen Transportweg zurücklegen und je weiter der Punkt der Förderung entfernt ist, desto länger fährt das Schiff und desto mehr Treibstoff verbraucht es und trägt natürlich dann zum Fußabdruck bei", erklärt Böttcher.

Trotzdem zieht eine Studie des Umweltbundesamtes das Fazit, dass selbst bei weitem Transportweg Flüssiggas fürs Klima verträglicher sei als Braunkohle.

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Mi 20.04.2022 18:54Uhr 00:40 min

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Energiewissenschaftler: Kohleausstieg richtig

Nicht ganz so eindeutig sieht das der Umweltphysiker John Burrows. Denn entscheidend sei, wie viel Methan entweiche.

Das komme bei Förderung und Schiffstransport von Flüssiggas immer wieder vor: "Methan hat ein 25 Mal größeres Treibhauspotenzial als Kohlendioxid, infolgedessen ist eine Leckage von ungefähr zwei bis drei Prozent Erdgas ausreichend, um jeglichen Vorteil der Verbrennung von Erdgas zu beseitigen." Mit moderner Technik könne man das Entweichen von Methan aber verhindern, sagt Burrows.

Laufen Förderung und Transport nach Standards ab, hält auch der Energiewissenschaftler Volker Quaschning Flüssiggas für klimaverträglicher als Kohle. Der Kohleausstieg sei weiterhin folgerichtig.

Gaskraftwerke hätten zudem den Vorteil, dass man sie flexibel hoch und runterregeln könne. Damit passten sie auch besser zu Wind- und Sonnenstrom. Aus technischen Gründen spricht laut Quaschning viel dafür, auf Gas zu setzen. Ein weiterer Grund: "Wir können dieses Gas längerfristig durch grüne Gase ersetzen: Aus Überschussstrom von Sonne und Wind erzeugen wir dann Wasserstoff oder grünes Methan und das kann dann klimaneutral das Erdgas ersetzen", sagt Quaschning.

Doch bis es die grünen Gase in ausreichender Menge gibt, wird Deutschland noch viel Flüssiggas einkaufen müssen. Flüssiggas, das Umweltschützer einmal vehement bekämpft haben, weil es dem Klima schadet. Nicht so sehr wie Braunkohle, aber doch weit mehr als das Gas aus der Pipeline.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 10. Oktober 2022 | 06:00 Uhr

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