Luftfahrt Klimaschützer: Flughafenausbau bedeutet CO2-Ausstoß wie bei Kraftwerk

Der Flughafen Leipzig/Halle will größer werden. Doch gegen den Ausbau gibt es Widerstand: Am letzten Wochenende demonstrierten Hunderte Menschen in der Leipziger Innenstadt. Vor zwei Wochen blockierten Demonstranten die Zufahrt zum DHL-Gelände. Größte Streitpunkte waren bislang der Lärm und die Nachtflüge. Doch in Zeiten, in denen CO2-Emissionen und Klimapolitik im Blickpunkt stehen, gibt es auch wegen dieser Aspekte Kritik am geplanten Ausbau.

Luftaufnahme Flughafen Leipzig Halle
Der Flughafen Leipzig/Halle ist ein beliebter Fracht-Flughafen – vor allem, weil es hier kein Nachtflugverbot gibt. Bildrechte: IMAGO

Der Streit beginnt schon bei der Frage, wie viel CO2 der Flughafen überhaupt verursacht. Der Betreiber rechnet nach den Vorgaben der Internationalen Luftfahrtbehörde und erfasst die Emissionen in der direkten Umgebung. Was dabei rauskommt, erläutert Flughafensprecher Uwe Schuhart. "Bezogen auf die An- und Abflugstrecken von ca. 30 Kilometern liegen wir für das Jahr 2020 bei rund 135.000 Tonnen, was ungefähr der Emission einer Autobahn wie dem Schkeuditzer Kreuz entspricht."

BUND und Bürgerinitiativen kommen auf höhere Emissionswerte

Das ist viel zu niedrig angesetzt, findet Peter Büscher vom Naturschutzbund BUND, der sich gegen den Ausbau engagiert. Nicht das Schkeuditzer Kreuz sei der Maßstab, sondern das Kraftwerk Lippendorf.

Die Bürgerinitiativen rechnen anders: Sie ziehen den Kerosinverbrauch für die gesamte Flugstrecke in Betracht und dass sich Treibhausgase in zehn Kilometern Höhe rund dreimal stärker auswirken als knapp über dem Boden bei Start und Landung. In den Bürgerinitiativen gebe es Mitglieder, die jede Flugbewegung nach Flugzeugtyp, Abfluggewicht und Strecke beziehungsweise Distanz zum Zielort auswerteten. "Und dann gehen wir in den CO2-Rechner", erklärt Büscher. Dann wisse man, wie viel Liter Kerosin eine Maschine verbraten habe. So kommen die Bürgerinitiativen nicht auf einen jährlichen CO2-Ausstoß von 135.000 Tonnen, sondern von rund sechs Millionen Tonnen. Durch den Ausbau steige die Zahl sogar auf mehr als zehn Millionen – einen Wert, den gegenwärtig eben das Kohlekraftwerk im Leipziger Süden verzeichnet.

Mitteldeutsche Flughäfen arbeiten an neuer Entgeldordnung

Inwiefern passt der Flughafen-Ausbau also zu strengeren Klimazielen? Diese Frage beschäftigt auch die Landespolitik. Auf Anfragen aus dem Landtag reagierte Wirtschaftsminister Dulig zuletzt ausweichend. Eine Linie, die sein Ministerium auch bei der Anfrage von MDR AKTUELL beibehält. "Aktuell führt die Landesdirektion ein Planänderungsverfahren zum Ausbau des Flughafens (...) durch (…), bei dem die einzelnen Güter abgewogen werden. Das Ergebnis des Verfahrens bleibt abzuwarten."

Nur in einem Punkt wird Duligs Ministerium konkreter: Das Geld, das Fluggesellschaften für eine Landung auf dem Flughafen zahlen, soll sich künftig stärker nach klimapolitischen Gesichtspunkten richten. Das deutet auch Unternehmenssprecher Uwe Schuhart an. "Die Mitteldeutschen Flughäfen erarbeiten derzeit eine neue Entgeltordnung, die sowohl gewichts-, lärm- und emissionsabhängige Komponenten als auch einen Nachtzuschlag berücksichtigt. Dieses Verfahren ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen, deswegen kann ich hier noch nicht weiter ins Detail gehen."

Entgelte für Airlines in Leipzig besonders niedrig

Peter Büscher schon. Denn an den Gesprächen über die Entgelte sind auch die Bürgerinitiativen beteiligt. Dass eine dicke Antonov-Maschine mehr zahlen müsse, finde er natürlich richtig. Doch seinen Informationen zufolge werden die Entgelte künftig nur anders zusammengesetzt. An der Höhe solle sich nichts ändern. Die Fluglinien hätten wenig zu befürchten. "Weil die Gebühren in Leipzig so niedrig sind. Also, im Verhältnis zu Frankfurt oder Hannover, wo auch viel Frachtverkehr gemacht wird, sind wir bei einem Drittel und weniger." Das letzte Wort zu den Entgelten liegt aber beim Freistaat. Bei dieser Entscheidung wird sich zeigen, welchen Stellenwert der Klimaschutz beim geplanten Flughafen-Ausbau hat.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 23. Juli 2021 | 08:20 Uhr

36 Kommentare

AlexLeipzig vor 7 Wochen

eeee, ich zitiere mal Sie selbst: "Die ganze Debatte ist verlogen, solange noch das Wirtschaftswachstum als heiliger Grahl betrachtet wird."
Selbstbestimmung des "Marktes", der schon alles regelt - meinen Sie anhand Ihres eigenen Kommentars nicht auch, daß man Regulationsmechanismen braucht? Ich schrieb übrigens "das Nötige", nicht das Nötigste - ein kleiner, aber entscheidender Unterschied!

AlexLeipzig vor 7 Wochen

Tacitus, daran können Sie sehen, daß Entwicklung nicht zwangsläufig immer nur eine Richtung kennen. High-Tech stellt sich halt nicht immer nur in "schneller, höher, weiter" dar. Ich schweife jetzt bewusst etwas ab, will es dadurch aber verdeutlichen: Mir ist beispielsweise eine hochwirksame, in Deutschland entwickelte Corona-Impfung wichtiger als noch schnellere Züge, die am Bedarf vorbei gehen, oder eben noch mehr klimaschädliche Luftfracht...

Anni22 vor 7 Wochen

Der Ausbau ist kein Selbstzweck. Die Bürger kaufen, fliegen und bauen halt und wir sind jetzt schon 2-3 Millionen mehr in Deutschland. Ursache und Wirking... ALEX!

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