Schwarzarbeit Friseurverband: Schwarzarbeit boomt im Lockdown

Kaum ein Handwerk steht gerade so unter Druck wie die Friseurbranche, die wegen der Infektionslage derzeit keine Dienstleistungen anbieten darf. Die Wirtschaftshilfen für die Ladenbesitzer stehen noch aus. Zwar erhalten die Angestellten Kurzarbeitergeld, doch bei den Mini-Löhnen in der Branche fällt das mager aus. Und dann gibt es täglich Anrufe von Kunden, die gerne frisiert werden würden. Die vermutete Schwarzarbeit in der Branche können die Behörden nur schwer kontrollieren.

Eine Frau geht mit Mund-Nasen-Schutz im Frankfurter Gutleutviertel an einem Friseursalon vorbei, dessen Rollläden heruntergelassen sind.
Die Rollläden sind an einem geschlossenen Friseursalon heruntergelassen. Bildrechte: dpa

Ein Samstag im grauen Februar. Michael Müller* wird heute einen frischen Fassonschnitt bekommen. Ende Januar schrieb er auf Facebook, er suche nach einem Friseur. Er ist nicht der Einzige, der eine solche Anzeige in diesen Tagen gepostet hat, doch einer der Wenigen, die auf die Nachfrage von MDR AKTUELL reagieren.

Er habe mehrere Angebote bekommen, schreibt der Metallarbeiter aus Mecklenburg-Vorpommern und sich für eine Friseurin entschieden, die zwei Ortschaften weiter wohnt: "Wir haben einen Termin vereinbart bei ihr zu Hause". Das Treffen – vorbei an Steuer und den aktuellen Schließungsregelungen  – solle mit Mund-Nasen-Schutz stattfinden, sagt er. Müllers heimlicher Ausflug in die Nachbarschaft wird jedoch nicht verborgen bleiben. Was seine Kollegen wohl sagen werden, wenn sie ihn sehen? Müller überlegt nicht lang und meint: "Ich wäre nicht der Erste, der mit frisch geschnittenen Haaren zur Arbeit kommt."

Zentralverband spricht von boomender Schwarzarbeit

Harald Esser - Präsident des Zentralverbandes Friseurhandwerk
Präsident des Zentralverbandes Friseurhandwerk: Harald Esser Bildrechte: Zentralverband Friseurhandwerk

Müllers Anzeige auf Facebook ist nicht nur Friseuren aufgefallen. Reagiert haben auch andere Facebook-Nutzer, denen die Haare genauso zu lang sind und die sich ein Ende des Lockdowns herbeisehnen. So wird Müllers Aktion mit dem Satz kommentiert: "Wegen solcher Personen wird der Lockdown immer weiter in die Länge gezogen". Eine Nutzerin rät ihm: "Setz ne Mütze auf, is Winter, gleiches Recht für alle!". Ein Dritter schreibt: "Auf Deutsch: wer hat Bock auf Schwarzarbeit."

Dass im Friseurhandwerk Schwarzarbeit mehr denn je an der Tagesordnung ist, erzählen gerade viele in der Branche, auch wenn niemand konkrete Zahlen nennen kann. "Jeder, der frisch geschnittenes Haar hat, fällt derzeit auf", sagt der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Friseurhandwerks, Harald Esser, auf MDR-Anfrage. "Schauen Sie sich um, dann sehen Sie, wie die Schwarzarbeit boomt".

Normalerweise rund eine Million Kunden pro Tag

Rund 80.000 Unternehmen zählt das Friseurhandwerk deutschlandweit mit insgesamt rund 240.000 Beschäftigten. Normalerweise versorgt die Branche nach Verbandsangaben täglich deutschlandweit eine Million Kunden. Eine Menge Kontakte also, bei denen das Coronavirus übertragen werden könnte. Seit sieben Wochen sind deshalb auch "körpernahe Dienstleistungen" in den Corona-Schutzverordnungen der Bundesländer wieder untersagt.

Auch die insgesamt über 8.000 Unternehmen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen mit rund 20.000 Beschäftigen sind seither geschlossen. Wie lange noch, ist unklar. Viele Ladenbesitzer verweisen auf ihre bisherigen Hygienekonzepte in den Salons: Stetig Maske tragen, desinfizieren, Abstand halten - nur jeder zweite Kundenplatz im Geschäft darf noch genutzt werden. Man kenne keine Kunden, die sich beim Friseur mit dem Coronavirus angesteckt haben, hört man von den Besitzern. Stimmt das tatsächlich? Um das deutschlandweit zu ermitteln, müsste man alle Gesundheitsämter anrufen. Doch diese können laut Robert Koch-Institut nur etwa ein Sechstel der insgesamt gemeldeten COVID-19 Fälle einem Ausbruch zuordnen. "Damit fehlen für eine Vielzahl der Fälle Informationen zur Infektionsquelle", heißt es vom RKI.

Ein Kissen in einem Sessel
Hinweis auf Abstandsregeln in einem Friseursalon Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Überbrückungshilfen starten erst im Februar

Vom Gesundheitsamt Leipzig heißt es auf MDR-Anfrage, dass es seit September in der Stadt "keine Infektionen im Zusammenhang mit Friseurbesuchen“ gegeben habe. Friseur Kay Schwalenberg musste dennoch seinen Laden schließen, den er seit 17 Jahren im Südwesten von Leipzig betreibt. Der 48-jährige Friseurmeister zehrt zurzeit "von seinen Rücklagen und der Familienkasse".

Für seine Branche wird es keine pauschale Umsatzerstattung geben, wie sie Restaurants oder Kosmetiksalons im November und Dezember erhalten haben, sondern Überbrückungshilfe III. Der staatliche Zuschuss wird lediglich einen Teil der Fixkosten wie Pacht, Strom oder Versicherungen decken, nicht aber die Ausfälle bei den Einnahmen. Startschuss für die Antragstellung ist laut Bundeswirtschaftsministerium im Februar. Schwalenberg rechnet frühestens im März mit den Hilfen. Bis dahin muss er als Unternehmer alle Betriebsausgaben für seinen Laden vorstrecken, von den fehlenden Einkünften ganz zu schweigen.

Friseure fordern Gleichbehandlung mit anderen Branchen

Viele Friseure erzählen in Medien gerade von ihrer Existenzangst: Sie nehmen Schulden auf, um die Ausgaben zu schultern, sie borgen sich Geld bei Familie und Freunden. "Wir leisten unseren Beitrag bei der Pandemie-Bekämpfung, indem wir unsere Geschäfte geschlossen halten. Dass wir bei den Hilfen aber ungleich behandelt werden, ist nicht akzeptabel", sagt Zentralverbandschef Esser. Sybille Hain wird noch deutlicher. Sie sagt: "Vielen steht das Wasser schon bis zum Mund. Die haben einfach kein Geldpolster mehr". Hain ist Landesinnungsmeisterin der Friseure und Kosmetiker in Thüringen und Sachsen-Anhalt, sie vertritt seit Jahren die Branche in beiden Bundesländern. Am Mittwoch hielt sie mit Hunderten Kollegen "Mahnwachen vor Behörden" in ganz Thüringen ab, weil die Friseurläden dringend Unterstützung brauchen.

Niedriger Lohn - noch niedrigeres Kurzarbeitergeld

Ein Großteil der Branche hofft auf eine Öffnungsperspektive ab Mitte Februar – ganz gleich, ob sie Ladenbesitzer sind oder Angestellte. Laut jüngster Mindestlohnregelung verdienen die Beschäftigten monatlich rund 1.500 Euro brutto, aufgestockt wird mit Trinkgeld und Prämien vom Chef. Jetzt, wo alle Läden bundesweit dicht sind, gibt es Kurzarbeitergeld: schätzungsweise rund 750 bis 800 Euro monatlich. Wer sich hier nicht zur Schwarzarbeit ködern lässt, braucht gerade ein dickes Fell und gute Nerven, schließlich gibt es Anfragen wie Sand am Meer.

Kunden lassen im Lockdown nicht locker

Keine andere Berufsgruppe, deren Dienstleistung im Lockdown untersagt ist, ist vermutlich so gefragt wie Friseure. Ganz gleich, ob man Verbandschef Esser fragt, Landesinnungsmeisterin Hain oder Friseurmeister Schwalenberg – sie alle erzählen von täglichen Anrufen von Kunden – ob am Telefon, per SMS oder E-Mail, weil die Frisur aus der Form geraten ist. Er solle doch auf ein Bier vorbeikommen, um gleich noch die Haare zu schneiden, wurde Schwalenberg angeboten. Verbandschef Esser hörte von Kunden seines Salons in Köln, ob er Farbauffrischungen verkaufe, die er bei Auslieferung doch gleich noch zuhause auftragen könne. Sybille Hain erzählt, dass sich viele Kunden spendabel geben und auf den üblichen Ladenpreis auch gern noch etwas drauflegen würden, wenn sie jetzt im Lockdown einen Termin bekämen.

Wie also reagieren, wo die Corona-Krise doch viele Friseure vor finanzielle Probleme stellt? Die Antworten können unterschiedlicher nicht sein: Ein Teil lehnt höflich und bestimmt ab, andere schweigen betreten, nehmen am Telefon erst gar nicht mehr ab. Einige in der Branche arbeiten schwarz, werben mit Kleinanzeigen auf Facebook oder bei Ebay um Kunden. Werden sie von den Behörden erwischt, müssen sie Bußgeld zahlen.

Ein Schild mit einem Piktogramm von einem Friseur hängt auf einem Markt an der polnisch-deutschen Grenze.
Ein Schild mit einem Piktogramm von einem Friseur hängt auf einem Markt. Bildrechte: dpa

Bußgelder für Schwarzarbeit im Lockdown

Die Höhe regelt jedes Bundesland in seiner Corona-Schutzverordnung anders:

  • Sachsen ahndet die Schwarzarbeit im Friseurhandwerk laut Corona-Schutzverordnung derzeit mit einem Bußgeld von 1.000 Euro – ganz gleich, ob die Dienstleistung im Laden oder in Privaträumen stattfindet. Auch gegen den Kunden kann ein Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet werden, heißt es auf Anfrage aus dem Sozialministerium in Dresden.
  • Sachsen-Anhalt sieht im Lockdown für solche Fälle ein Bußgeld von 1.000 Euro vor, bei Wiederholungstätern "verdoppelt sich der Regelsatz", heißt es aus dem zuständigen Ministerium. Kunden sind hier vom Bußgeld ausgenommen.
  • Auch in Thüringen bleiben Friseurkunden von Geldstrafen verschont. Unternehmern oder Angestellten droht dagegen ein Bußgeld zwischen 250 und 2.500 Euro, je nachdem, wie viel sie bei der Schwarzarbeit eingenommen haben. Bei besonders hohen Umsätzen kann auch "ein entsprechend höheres Bußgeld von maximal 25.000 Euro angemessen sein", heißt es aus Arbeitsministerium in Erfurt.

Ordnungsbehörden sind enge Grenzen gesetzt

Trotz der Geldstrafen in teils empfindlicher Höhe boomt der Schwarzmarkt, und das ausgerechnet jetzt, wo die Ausbreitung des Coronavirus und seiner Mutationen eingedämmt werden soll. Die Behörden setzen hier vor allem auf die Einsicht, nicht gegen Gesetze und Verordnungen zu verstoßen, sich solidarisch mit der gesamten Gemeinschaft zu zeigen. Denn den Ordnungsbehörden sind bei Kontrollen auch enge Grenzen gesetzt – zumindest in Privatwohnungen. Ein Zutritt ist hierfür nur mit Einwilligung des Bewohners der Wohnung möglich – außer, es ist Gefahr für Leib und Leben in Verzug. Sich gerade frisieren zu lassen, fällt nicht darunter. "Entscheidend ist immer, welche unzulässigen Friseurleistungen die Behörde überhaupt konkret nachweisen kann", heißt es sachlich aus dem Thüringer Arbeitsministerium.

Pinwand mit Angeboten von Frisören
Ein Symbolbild für Schwarzarbeit im Friseurhandwerk. Bildrechte: imago/Geisser

Ordnungsamt in Leipzig kontrolliert Ladenschließungen

Das Leipziger Ordnungsamt kontrollierte dieser Tage auch den Laden von Kay Schwalenberg, ob er auch geschlossen sei. Der Friseur lässt gerade renovieren, es brennt tagsüber Licht im Salon. In seiner Straße habe sich die Kontrolle sofort herumgesprochen: "Da hieß es: 'Der Schwalenberg, der wurde überprüft'." Dabei kommt Schwarzarbeit für den Leipziger Friseur nicht in Frage. Wie viele anderer seiner Kollegen in der Branche hält er sie für "unsolidarisch" und für "unlauteren Wettbewerb". Schwalenberg sagt: "Einige Kollegen bringen uns hier um unsere Aufträge, die wir nach dem Lockdown hätten." Sein Terminkalender ist ab dem 15. Februar bereits gut gefüllt, sollten die Friseurläden angesichts der Infektionslage wieder öffnen dürfen. "Falls nicht, kann es sich doch nur noch um einige weitere Tage handeln", zeigt er sich optimistisch.

"Stinksauer auf schwarze Schafe in der Branche"

Sybille Hain - Vorstand vom Zentralverband Friseurhandwerk
Landesinnungsmeisterin der Friseure und Kosmetiker in Thüringen und Sachsen-Anhalt: Sybille Hain Bildrechte: Zentralverband Friseurhandwerk

Auch Landesinnungsmeisterin Hain verurteilt die Schwarzarbeit scharf: "Wir sind stinksauer und wütend auf die schwarzen Schafe in der Branche", sagt sie. Vor Tagen bekam sie einen enttäuschten Anruf einer Kollegin aus dem Landkreis Schmalkalden-Meiningen, die das Ordnungsamt alarmiert hatte, "weil bei einer Friseurmeisterin im Ort stündlich Autos vorfuhren und die Leute schick frisiert herauskamen." Ein Bußgeld habe es dennoch nicht gegeben. Es hätten die Beweise gefehlt, ob es hier um mehr ging als um Nachbarschaftshilfe und ein paar Gefälligkeiten. "Die Kollegin macht fleißig weiter", sagt Hain, "ihr passiert doch auch nichts."

(* Name auf Wunsch von der Redaktion geändert.)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 03. Februar 2021 | 13:30 Uhr

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