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Hinter den Abraumhalden stehen die Kühltürme vom Braunkohlekraftwerk Jänschwalde. In dem Tagebau werden werden rund elf Millionen Tonnen Braunkohle im Jahr gefördert. Bildrechte: dpa

Versorgungssicherheit und die G7"Gasersatzreserve" – Der steinige Weg aus der Kohle

von Claudia Reiser, MDR AKTUELL

Stand: 23. Juni 2022, 09:37 Uhr

Rund 40 Prozent des weltweiten Stroms werden nach wie vor mit Kohle erzeugt, die Förderung hat in den vergangenen Jahren sogar weiter zugenommen. Auch in Deutschland wird es angesichts der Energiekrise einen neuen Kohle-Boom geben. Obwohl feststeht: Kein Energieträger ist klimaschädlicher. Was heißt diese Entwicklung für die langfristigen internationalen Klimaschutzziele – und die Verhandlungen auf dem G7-Gipfel?

"Höchste Priorität hat der weltweite Ausstieg aus der Kohleverbrennung in Kraftwerken." So lautet eine zentrale Aussage in den aktuellen Stellungnahmen der G7-Wissenschaftsakademien. Es ist üblich, dass die Nationalakademien den Staatschefs im Vorfeld der Treffen ihren Blick auf die zentralen Gipfelthemen mitteilen – also wissenschaftlichen Rat mitgeben. In diesem Jahr hat dabei die Leopoldina mit Sitz in Halle die Federführung.

Doch das, was man aktuell in der Welt beobachten kann, entspricht in keiner Weise dem Rat der Wissenschaftler, im Gegenteil. 2021 stieg die Kohleverstromung weltweit an, insbesondere China und Indien setzen traditionell auf das Sedimentgestein, aber auch westliche Staaten wie Australien. Bereits im vergangenen Jahr haben die hohen Erdgaspreise die Kohleförderung weiter vorangetrieben. Ein Trend, der sich in diesem Jahr auf steigendem Niveau fortsetzt – auch in Deutschland.

Dabei steht der Kohleausstiegs-Fahrplan für Deutschland eigentlich fest: Spätestens 2038 ist Schluss. Gerne auch eher, im Idealfall 2030. Bis zum endgültigen Aus sollen die Kapazitäten kontinuierlich heruntergefahren, Kraftwerke nach und nach vom Netz genommen werden. Ein Prozess, der bereits im Gange ist. Eigentlich.

"Wir werden sehen, dass in den kommenden Wochen und Monaten der Kohleverbrauch wohl ansteigen wird", sagt Michael Kellner von den Grünen MDR AKTUELL. Der aus Gera stammende Bundestagsabgeordnete ist Parlamentarischer Staatssekretär bei Klimaschutzminister Habeck.

Michael Kellner (Grüne) ist Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium. Bildrechte: dpa

Ursache für die zumindest kurzzeitige Kohle-Renaissance ist der Gasengpass. Gas hatte in der deutschen Ausstiegsstrategie aus Kohle- und Atomstrom eine Schlüsselrolle inne: Bis ausreichend erneuerbare Energien und auch Speichermöglichkeiten dafür zur Verfügung stehen, sollten kurzzeitige Stromlücken im Netz mithilfe von Gasturbinen geschlossen werden. Diese wurden – teils unter Protest von Klimaschützern – in Deutschland gefördert, sollten vermehrt gebaut – und später auf grünen Wasserstoff umgerüstet werden.

Doch nun gehen diese Pläne nicht mehr auf. "Die Brücke mit Gas ist deutlich kürzer geworden", sagt Kellner. Als Industrie-Rohstoff und zum Heizen gibt es für Gas kurzfristig kaum Alternativen. Bei der Stromerzeugung schon – da kommt die Kohle ins Spiel.

"Gasersatzreserve" heißt der neue Plan, der im Wirtschafts- und Klimaministerium geschmiedet wurde. Er sieht vor, dass Kohlekraftwerke, die gemäß Ausstiegsplan vom Netz gehen, betriebsbereit gehalten werden. "Das heißt, dass diese Kraftwerke so im Zustand gehalten werden, dass sie schnell ans Netz gehen und schnell produzieren können. Dafür braucht man natürlich Personal, aber nur ein kleines Team", so Kellner.

Aber: Arbeitsplätze in Mitteldeutschland sind dadurch nicht gesichert. Die Pläne betreffen in Ostdeutschland nur zwei Braunkohlekraftwerke in Jänschwalde, Brandenburg. Die restlichen Kraftwerke für die Gasersatzreserve sind in Westdeutschland, die meisten davon Steinkohlekraftwerke – weil Steinkohle im Vergleich zur Braunkohle das geringere Klima-Übel ist. Dennoch, gesteht Kellner, die Gasersatzreserve "ist klimapolitisch problematisch, weil Kohle viel mehr CO2 ausstößt als Gas". Auch Steinkohle.

Und was heißt diese Entwicklung für die langfristigen internationalen Klimaschutzziele – und die Verhandlungen auf dem G7-Gipfel? Schließlich hat der Kohleausstieg nicht nur für führende Wissenschaftler der Leopoldina in Halle höchste Priorität. Auch in Glasgow wurde erstmals von allen UN-Staaten die Einleitung des Kohleausstiegs beschlossen. Nun also die Rolle rückwärts?

Glaubt man Michael Kellner, lautet die Antwort zumindest für Deutschland – Nein: "Im Kohleausstiegsgesetz wurde ein Gesamtrestbudget von CO2-Emissionen vereinbart, die noch ausgestoßen werden können. Und wenn man die jetzt einsetzt, muss man die später wieder reinholen. Also alles, was wir jetzt mehr ausstoßen, muss dann später wieder eingespart werden."

Demzufolge wäre ein Kohleausstieg zum letztmöglichen Zeitpunkt 2038 endgültig vom Tisch. Schon jetzt strebt die Bundesregierung das Ende für 2030 an. Und die G7-Umweltminister haben sich auf einem Treffen im Mai zu einem Ausstieg 2035 bekannt. Das sind die Grundlagen, auf denen die Staatschefs ab Sonntag diskutieren werden.

(..) alles, was wir jetzt mehr ausstoßen, muss dann später wieder eingespart werden.

Michael Kellner, Grüne, Parlamentarischer Staatssekretär Bundeswirtschaftsministerium

Bleibt die Frage: Ist der Ukraine-Krieg nun Treiber oder Bremser der Energiewende? Beide Richtungen sind denkbar – und auch Michael Kellner antwortet mit einem "sowohl / als auch": "Der Ausbau der erneuerbaren Energien ist jetzt auch eine Frage der nationalen Sicherheit. Wir sehen, dass insgesamt die Bereitschaft in die erneuerbaren Energien zu investieren nochmal deutlich gestiegen ist. Andererseits sehen wir, wie sehr die Fragen der Versorgungssicherheit uns beschäftigen und welche unorthodoxen Wege wir gehen müssen, um diese sicherzustellen."

Dazu zählen – neben der Renaissance der Kohle – etwa die Versuche der Bundesregierung, neue Kooperationen mit Ländern wie Katar oder dem Senegal zu vereinbaren, um fossile Energien nach Deutschland zu importieren. Oder milliardenschwere Investitionen in neue Infrastrukturen für fossile Energieträger, wie die LNG-Terminals. Alles – mit Blick auf den Klimawandel – eher rückwärtsgewandte Unterfangen.

Die Versorgungssicherheit in Zeiten von Krieg und Klimakrise – auf dem G7-Gipfel wird das ein Hauptthema sein.

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL RADIO | 23. Juni 2022 | 06:00 Uhr

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