Gaspreise für private Haushalte Experten rechnen mit vielen Erhöhungen erst zum Jahresanfang

Nach dem Anstieg der Gas-Großhandelspreise in den vergangen Monaten rechnen Experten zum Jahresanfang mit vielen Preiserhöhungen für Endverbraucher in Mitteldeutschland. Aktuell haben vereinzelt Versorger die Preise erhöht. Welche Unternehmen Gas in welchem Umfang verteuern werden, hängt von ihrer Einkaufstrategie ab. Doch da lassen sie sich nicht in die Karten schauen. Es gibt ein bisschen Hoffnung: Preise für Gaslieferungen im nächsten Jahr sind schon günstiger geworden.

ine Ein-Euro Münze steht aufrecht vor einer Gas-Flamme
Auch private Haushalte müssen mit Preiserhöhungen rechnen. Offen ist, wann sie kommen und in welcher Höhe. Bildrechte: dpa

  • Auch viele private Haushalte in Mitteldeutschland müssen wohl bald mehr fürs Gas bezahlen. Experten rechnen mit Preiserhöhungen zum Jahresanfang.
  • Es gibt ein wenig Hoffnung: Die Preise für Lieferungen im nächsten Jahr sind schon wieder günstiger geworden.
  • Um Energiekosten im Haushalt zu sparen, gibt es einfache Tipps.

Ein Gaszähler
Der Gasverbauch wird mit Gaszählern in den Haushalten gemessen. Bildrechte: dpa

Seit Anfang September haben insgesamt sieben der 111 regionalen Gasversorger in Mitteldeutschland ihre Preise erhöht. Die Aufschläge liegen zwischen 2,6 und 25 Prozent. Das ergab eine Auswertung der Daten des Preisvergleichsportals Verivox (Stand: 12.10.2021) durch die MDR-Wirtschaftsredaktion. Demnach wurden die Preise von vier der 33 Anbieter aus Sachsen-Anhalt und von drei der 43 aus Sachsen erhöht. Bei den 35 Thüringer Grundversorgern gibt es aktuell keine Erhöhung. Fast jeder zweite Versorger in Mitteldeutschland hatte Anfang dieses Jahres seine Preise erhöht.

Zweistellige Preiserhöhungen

Mit einem Preisaufschlag von 25 Prozent bei den Stadtwerken Stendal gab es die erste große Gas-Preiserhöhung beim mitteldeutschen Versorgern. Zweistellig fiel der Anstieg auch bei den Stadtwerken Hettstedt (16 Prozent), bei der Gasversorgung Görlitz (14 Prozent) und den Städtischen Werken Magdeburg (10 Prozent) aus. Zum 1. November haben bislang nur Gasstadtwerke Zerbst (Sachsen-Anhalt) eine Preiserhöhung angekündigt: + 2,6 Prozent.

Unternehmen halten sich bedeckt

Wie viele Versorger wann folgen, ist bislang nicht bekannt. Das hängt maßgeblich mit ihrer Beschaffungsstrategie auf den internationalen Märkten zusammen. Aus Wettbewerbsgründen halten sich die Unternehmen diesbezüglich bedeckt.

Stadtwerke Leipzig
Die Stadtwerke Leipzig sind Grundversorger in der Messestadt. Bildrechte: Stadtwerke Leipzig

Nach Einschätzung von Experten hätten viele Versorger längerfristige Verträge mit ihren Lieferanten, so dass Preissprünge nicht sofort auf die privaten Haushalte durchschlügen. Dafür spricht auch, dass Versorger und Endkunden außerhalb der Grundversorgung Verträge geschlossen haben, in denen in der Regel Preise garantiert wurden. Das heißt, Kunden, die einen Vertrag mit günstigen und garantierten Gaspreisen besitzen, profitieren bis zum Vertragsende davon. Zudem ist anzumerken: Mieter in Häusern mit Gaszentralheizung werden eine mögliche Preiserhöhung erst bei der Nebenkostenabrechnung im darauffolgenden Jahr wahrnehmen.

Was ist ein Grundversorgungsvertrag? Wer keinen besonderen Gastarif vereinbart, wird als Haushaltskunde automatisch in der Grundversorgung beliefert. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn man in eine Wohnung mit Gasetagenheizung einzieht, für die kein Gasliefervertrag besteht. Die Preise in der Grundversorgung sind in der Regel hoch. Der Wechsel in einen sogenannten Sondervertrag spart Geld. Einen Grundversorgungsvertrag kann man jederzeit mit nur zwei Wochen Kündigungsfrist beenden. Die Grundversorger bieten meistens ebenfalls Sonderverträge an.

Preisexperten: Erhöhungswelle zum 1. Januar

Verivox-Pressesprecher Dr. Thorsten Storck rechnet damit, dass die Meldungen zu Preiserhöhungen Mitte November kommen werden: "Erfahrungsgemäß gibt es die meisten Preisänderungen jeweils zum 1. Januar eines Jahres. In den meisten Fällen gilt eine Ankündigungsfrist von sechs Wochen." In Mitteldeutschland hat Anfang dieses Jahres fast jeder zweite Versorger die Preise erhöht.

Verbraucherschützer: Großer Preisanstieg spricht für Erhöhungen

Verbraucherschützer gehen davon aus, dass alle Anbieter die Gaspreise erhöhen werden. Dafür spricht aus Sicht des Energieexperten Lorenz Bücklein von der Verbraucherzentrale Sachsen der außergewöhnlich hohe Preisanstieg am Markt. Nach Auskunft der Energiebörse EEX hatte der Großhandelspreis TTF EGSI am 6. Oktober einen Höchststand erreicht. Mit 115 Euro je Megawattstunde hat er sich seit Jahresanfang fast versechsfacht. Am 4. Januar lag er noch bei rund 20 Euro. Aktuell liegt er bei knapp unter 100 Euro.

Was ist der TTF European Gas Spot Price? Der TTF European Gas Spot Price ist der Preis-Index für kurzfristige Lieferungen im niederländischen Marktgebiet. Dieses ist aufgrund ihres hohen Umsatzvolumens einer der wichtigsten Handelspunkte für Erdgas in Europa. Am Spot-Markt werden kurzfristige Gaslieferungen gehandelt. Im Gegensatz dazu werden auf dem Terminmarkt längerfristige Lieferverträge von bis zu sechs Jahren geschlossen.

Bundesamt verzeichnet stark steigende Importpreise

Auch die Statistik des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) bestätigt einen starken Preisanstieg. Die Behörde ermittelt regelmäßig, wie viel Erdgas an der deutschen Grenze kostet.

Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle
Das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle ermittelt Importpreise für Gas. Bildrechte: imago stock&people

Der durchschnittliche Importpreis erreichte im Mai 2020 mit 9 Euro je Kilowattstunde einen Tiefpunkt. Seitdem steigt er aber kontinuierlich. Vor einigen Tagen veröffentlichte das Amt den Wert für August 2021. Demnach lag er bei 24 Euro. Damit hat sich der Preis mehr als verdoppelt. Die Daten für September 2021 werden Anfang November veröffentlicht.

Prognose der EU-Kommission optimistisch

Hohe Energiepreise sind ein Problem in ganz Europa. Die EU-Kommission gab sich diese Woche vorsichtig optimistisch, was die mittelfristige Entwicklung betrifft:

EU-Flaggen vor dem Sitz der EU-Kommission in Brüssel
Am Hauptsitz der EU-Kommission in Brüssel macht man sich Gedanken zu steigenden Energiepreisen. Bildrechte: Colourbox.de

"Die Marktprognosen bei Energieerzeugnissen deuten darauf hin, dass die aktuellen Preissteigerungen wohl nur vorübergehend sind. Voraussichtlich werden die Gasgroßhandelspreise in den Wintermonaten hoch bleiben, im Frühjahr mit einer Stabilisierung der Situation aber wieder sinken. Gleichwohl dürfte das Preisniveau weiter über dem Durchschnitt der vergangenen Jahre bleiben."

Weitere Entwicklung beim Gaseinkauf

Den Optimismus der EU-Kommission teilt die Energie-Expertin Ines Rutschmann vom Ratgeberportal "finanztip.de": "Die Kosten für die Gasbeschaffung werden auch wieder sinken." Sie begründet ihre Prognose mit der Entwicklung am Terminmarkt. Dort wird heute Gas gekauft und eine Lieferung zum Beispiel im nächsten Jahr vereinbart. "Für die Lieferung im Frühling 2022 sind die Preise schon niedriger", sagt sie. Nach Angaben der Energiebörse EEX kostet Gas für das zweite Quartal 2022 nur noch die Hälfte vom dem, was sofort geliefert werden soll. Für eine Lieferung im 3. Quartal sinkt der Preis noch ein bisschen: "Niedrigere Beschaffungskosten kommen beim Kunden immer zeitverzögert an", so Rutschmann.

Erhöhungen vor allem in Grundversorgungstarifen

Bei zwei der acht Unternehmen mit aktuellen Preiserhöhungen betreffen diese den teuren Grundversorgungstarif und Neuverträge für das günstige lokale Angebot, in den anderen sechs Fällen nur die Grundversorgung. Mit einem Wechsel zu einem günstigeren Tarif desselben Anbieters oder zu einem günstigeren Anbieter können Kundinnen und Kunden in der Grundversorgung eine drohende Preiserhöhung reduzieren.

Verbraucherzentrale in Leipzig,
Die Verbraucherzentralen geben Tipps zum energiesparen. Bildrechte: imago/Steinach

Lorenz Bücklein von der Verbraucherzentrale Sachsen rät: "Es kann sich also trotz der angespannten Marktlage lohnen, Anbieter und Tarife zu vergleichen." Nach seiner Auskunft besteht bei Ankündigung der Preiserhöhung durch den Anbieter ein Sonderkündigungsrecht für den Kunden – unabhängig von der Vertragslaufzeit.

Gasanbieterwechsel bei Mietwohnung über Vermieter

Im Gegensatz zu Eigenheimbesitzern und Betreibern einer Gasetagenheizung in einer Mietwohnung haben Mieter mit Zentralheizung keine Möglichkeit, ihren Gasanbieter zu wechseln und so einer Preiserhöhung auszuweichen. Das kann nur der Vermieter. Der muss beim Abschluss von Verträgen, deren Kosten die Mieter zahlen müssen, das Gebot der Wirtschaftlichkeit (§ 556 Abs. 3 Satz 1 BGB) beachten. In der Regel bedeutet das, dass er den preiswertesten Anbieter auswählen muss. Ist das Wirtschaftlichkeitsgebot verletzt, muss die Mieterin oder Mieter nur die üblichen Kosten zahlen. Jedoch muss nachgewiesen, dass es einen günstigeren Anbieter gegeben hätte.

Spartipps zur Senkung der Heiz- und Warmwasserkosten

Wer den Anbieter nicht wechseln kann, muss schauen, die Kosten anderweitig in den Griff zu bekommen. Heiz- und Warmwasserkosten werden neben dem Gaspreis auch vom Verbrauch bestimmt. Den kann man mit ganz einfachen Tipps reduzieren. Das fängt damit an, dass man Sessel und Sofas vor Heizkörpern wegziehen sollte, damit sie die Ausbreitung der Wärmeabgabe nicht behindern. Ein anderer Tipp: Im Winter lieber auf kurzes Lüften setzen, statt auf Dauerlüften mit gekipptem Fenster. Auch das Entlüften der Heizkörper bringt etwas. Der Verbrauch von Warmwasser lässt sich beispielsweise reduzieren, wenn man einen Sparduschkopf benutzt. Auch Durchflussbegrenzer im Wasserhahn, Duschen statt Baden oder Händewaschen mit kaltem Wasser helfen Energie - und damit Geld zu sparen.

Quelle: MDR UMSCHAU

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 05. Oktober 2021 | 20:15 Uhr

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