Energiesicherheit in Deutschland Wie sich mitteldeutsche Unternehmen auf eine Gas-Krise einstellen

Seit Russland die Lieferung nach Polen und Bulgarien eingestellt hat, mehren sich auch bei uns die Sorgen, dass Gas hierzulande knapp wird. Wie gehen mitteldeutsche Unternehmen mit einer drohenden Versorgungskrise um?

Anlagen der Erdgasverdichterstation Mallnow der Gascade Gastransport GmbH
Wie viel Gas aus Russland wird in Zukunft noch in Deutschland ankommen? (im Bild: Anlagen der Erdgasverdichterstation Mallnow der Gascade Gastransport) Bildrechte: dpa

40 Prozent der Erdgaslieferungen nach Deutschland derzeit aus Russland

Keine Zeit zum Durchatmen – nach der Corona-Krise ist es die Energie-Krise, die in den Führungsetagen der Betriebe zu Kopfzerbrechen führt. Ein Ende der Preisspirale beim Erdgas ist nicht in Sicht. Dazu drängt sich die Frage auf, ob es bald überhaupt noch genug davon gibt. Die jüngsten Exportverbote nach Polen und Bulgarien zeigen, wie unberechenbar Russland als Lieferant geworden ist. Ein Wegfall der russischen Erdgaslieferungen, die in Deutschland derzeit rund 40 Prozent aller Lieferungen ausmachen, hätte massive Auswirkungen auf den Markt und die vom Erdgas abhängigen Firmen. Neben den kontinuierlich steigenden Preisen könnte der Rohstoff so knapp werden, dass die Industrie per Gesetz von der Versorgung ausgeschlossen wird.

Chemische Industrie verbraucht das meiste Erdgas

Mit 120 Terrawattstunden Gasbedarf pro Jahr, einem Anteil von rund zwölf Prozent am gesamtdeutschen Verbrauch, ist die chemische Industrie der größte industrielle Abnehmer.* Mitteldeutschland zählt rund 700 Betriebe in der Chemie- und Kunststoffverarbeitenden Industrie.** Sie ballen sich vor allem im mitteldeutschen Chemiedreieck. Wie planen diese Unternehmen angesichts dramatischer Preissteigerungen und des Risikos, mit weniger oder ganz ohne Erdgas auskommen zu müssen?

Noch können Preissteigerungen an Kunden weitergeben werden

Arvid Friebe ist Geschäftsführer der Infra-Zeitz Servicegesellschaft, ein Unternehmen, das für im Chemie- und Industriepark Zeitz ansässige Betriebe Industriewasser bereitstellt und Industrieabwasser entsorgt. Ihm bereiten die enormen Preissteigerungen beim Erdgas große Sorge. Er sagt: "Zwar verfügen wir über die recht komfortable Situation, dass wir per Vertrag berechtigt sind, derartige Preissteigerungen an unsere Kunden weiterzuberechnen. Aber wer weiß, ob diese in der Lage sein werden, über längere Zeit unsere Rechnungen zu begleichen?"

Bereits in den Monaten vor dem russischen Angriff auf die Ukraine war der Erdgaspreis sehr stark gestiegen und lag bei etwa 70 Euro pro Megawattstunde. Nach Auskunft des Berliner Energiemarktanalysten Energy Brainpool kletterte der Erdgaspreis Anfang März dieses Jahres am auch für Deutschland relevanten niederländischen Marktgebiet TTF auf weit über 300 Euro pro Megawattstunde. Seit einigen Wochen bewegt sich der Preis, abhängig von Marktgebiet und Handelsplattform, auf einem stabilen, aber hohem Niveau von etwa 100 Euro.***

Schlimmstenfalls droht Produktionsstopp

Werkleiter Jens Metzner von der Radici Chimica Deutschland GmbH, die zu den Ansiedlern im Chemiepark Zeitz gehört, beklagt ebenfalls die extreme Teuerung. Er kann nicht sagen, wie lange er diese, zumindest teilweise, noch an seine Kundschaft weitergeben kann. Sein Betrieb verwendet Erdgas, um hochgradig klimaschädliches Lachgas, das in der Kunststoffherstellung anfällt, thermisch zu zersetzen und damit unschädlich zu machen. Der dafür nötige Jahresbedarf von 100 Megawattstunden entspricht Metzner zufolge dem Erdgasverbrauch von 5.000 Einfamilienhäusern. Aber nicht nur aus Gründen des Umweltschutzes müsste die Produktion stoppen, wenn zu wenig oder gar kein Gas bereitsteht. Ohne Erdgas würden dem Betrieb auch die Rohstoffe fehlen. "Die Rohstoffe Ammoniak und Wasserstoff, welche wir von lokalen Lieferanten beziehen, basieren ebenfalls auf Erdgas und stünden nicht mehr zur Verfügung", erläutert Jens Metzner.

Kleinere Betriebe finden keine neuen Erdgaslieferanten

Neben der enormen Preisentwicklung werden fehlende Lieferverträge zum Problem, so Arvid Friebe, Geschäftsführer der Infra-Zeitz. Derzeit wolle kein Erdgasversorger mehr Lieferverträge abschließen. "De facto ist das befürchtete 'Erdgasembargo' also bei den kleinen und mittelgroßen Betrieben schon längst angekommen. Denn diese ordern in der Regel ihren gesamten Gasbedarf für eine gewisse Lieferperiode bei einem Lieferanten. Geht diese Lieferperiode zu Ende, müssen sie einen neuen Lieferanten suchen, finden derzeit aber keinen", erklärt er. Große Betriebe hätten in der Regel Lieferverträge mit mehreren Gasanbietern über verschiedene Laufzeiten. Hier wirke der 'Lieferantenboykott' also erst über eine längere Zeit.

Umstellung auf andere Energiequellen nicht immer möglich

Wer über die technischen Voraussetzungen verfügt, wird versuchen, auf alternative Energiequellen zurückzugreifen. "Wir könnten unsere eigenen Anlagen innerhalb kürzester Zeit vollständig auf den Bezug von Strom aus dem öffentlichen Netz umstellen. Wir bräuchten vielleicht einen Monat Vorlauf, um alles zu checken und die Mitarbeiter einzuweisen", sagt der Geschäftsführer der Infra-Zeitz Servicegesellschaft. Solche kurzfristig zugänglichen Alternativen würde sich Werkleiter Jens Metzner von der Radici Chimica Deutschland GmbH wünschen. In seinem Unternehmen stehen diese allerdings nicht zur Verfügung.

Grüner Strom noch keine Alternative für die Industrie

Wolfgang Eisenberg, Geschäftsführer des Leuchtstoffwerkes im thüringischen Breitungen, hält es für realitätsfern, industrielle Prozesse im großen Stil auf Strom umzustellen. Er sagt: "Für unseren Betrieb wäre das zum einen ein riesiger Investitionsaufwand. Zum anderen wird von uns Unternehmen immer wieder gefordert, CO2-neutral zu werden. Aber das funktioniert technologisch noch lange nicht. Aufforderungen, auf Strom umzustellen, da wir ja im ganzen Land Windkraftanlagen aufstellen wollen, sind die übliche gestylte PR, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Denn wegen der fehlenden Speicherfähigkeit kann der Strom gar nicht hundertprozentig grün sein kann. Dass BASF jetzt über eine Milliarde Euro in einen Offshore-Windpark investiert, ist vielleicht für eine Schlagzeile gut. Viele Unternehmen stehen aber bei einer Abschaltung des Gases aus Russland vor dem Ruin."

Energie einsparen reicht nicht als Risikovorsorge

Wer nicht ohne Gas auskommt, plant zumindest mit Energieeinsparungen. "Wir sparen noch mehr Energie, als wir dies bisher schon vorgenommen haben", sagt Wolfgang Eisenberg. Gleichzeitig muss er sich darauf einstellen, wie Anlagen ohne Risiken heruntergefahren werden können. "Ein Vorbereiten im Sinne eines kompletten Verminderns von Risiken ist für uns schlicht nicht möglich, da wir ohne Gas nicht fertigen können", sagt er.

Wenn der Staat die Gasversorgung kappen muss

Aktuell gilt in Deutschland die Frühwarnstufe nach dem Notfallplan Gas. Sollte aufgrund ausbleibender russischer Gaslieferungen und leerer Gasspeicher die Versorgung aller Abnehmer nicht mehr möglich sein, ruft das Wirtschaftsministerium die Notfallstufe aus. Dann hat die Bundesnetzagentur zu entscheiden, welche Betriebe noch beliefert werden müssen und welche nicht mehr. Zuletzt forderte E.on-Aufsichtsrat Karl-Ludwig Kley eine Bevorzugung der Industrie gegenüber den privaten Haushalten.

"Ich rechne fest damit, dass industrielle Ver- und Entsorger als nachrangig betrachtet werden. Schon die zahlreichen Energierechtsnovellen der vergangenen zehn Jahre haben bei mir den Eindruck hinterlassen, dass unseren politischen Vertretern in Berlin das Wissen um wirtschaftliche Prozesse und Zusammenhänge fehlt“, so Arvid Friebe von der Infra-Zeitz.

Zu wenig Erdgas aus alternativen Quellen

Wolfgang Eisenberg dagegen hält es für möglich, dass sein Unternehmen als systemrelevant eingestuft werden könnte. Allerdings, so Eisenberg, seien die Regelungen, selbst zehn Wochen nach Beginn des Krieges, vollkommen unklar. Außerdem hilft seinem Betrieb die Einstufung als systemrelevant nicht, wenn im Zweifel kein Gas ankommt, weil etwa die Infrastruktur für Flüssigerdgas in Deutschland nicht vorhanden ist. "Aus ideologischen Gründen wurde die Diversifizierung von Gasbezug seit vielen Jahren verhindert. Wenn die Politik die Diversifizierung der Gasversorgung wie ein vorsichtiger Kaufmann angegangen wäre, hätten wir überhaupt kein Problem. Wer ist politisch verantwortlich, dass wir keine Flüssigerdgasterminals haben?"

Die drei Krisenstufen (aus dem Notfallplan Gas)
Die drei Krisenstufen aus dem Notfallplan Gas. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Weitreichende Folgen im Versorgungsausfall

Sonderregelungen für Industrieparks oder einzelne Bereiche der chemischen Industrie gibt es nicht. Martin Naundorf ist Vertriebsleiter bei der InfraLeuna GmbH. Sein Unternehmen bietet den am Standort Leuna ansässigen Betrieben Dienstleistungen wie etwa die Energieversorgung über Gaskraftwerke an und hat in den vergangenen Wochen bei Politik und Verbänden auf die erheblichen Folgen für die chemische Industrie speziell in Ostdeutschland hingewiesen. Naundorf sagt: "Einschränkungen in der Gasversorgung führen unserer Ansicht nach zu nachhaltigen und irreparablen Schäden. Durch die intensive Verknüpfung der Chemiestandorte in Mitteldeutschland haben Einschränkungen vor allem in Leuna Auswirkungen auf die gesamte Region. Die Lieferung von Wasserstoff erstreckt sich beispielsweise neben Leuna unter anderem auf Zeitz, Bitterfeld und Schkopau."

Gibt es Ausfälle in der chemischen Industrie, so Nora Schmidt-Kesseler, Hauptgeschäftsführerin des Verbandes des Chemischen Industrie Nordost, drohe ein fataler Dominoeffekt, der sämtliche Produktionsketten und Industrien treffen würde – und am Ende auch die Verbraucher.

Forderungen an die Politik

Arvid Friebe von Infra-Zeitz sieht vor allem die Notwendigkeit, dass die Bundesregierung zusammen mit der Wirtschaft einen Masterplan erarbeitet, um sich von prekären Energierohstoffquellen abzulösen. Maßnahmen, die den betroffenen Unternehmen Handlungsspielräume verschaffen könnten, sind jedoch politisch unpopulär. "Es müsste für einen Übergangszeitraum die Nachfrage nach prekären Energierohstoffen entlastet werden – zum Beispiel durch die Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraft- und Kohlekraftwerke, den Wiederaufschluss der Erdgasvorkommen im Norden Deutschlands und durch ein Tempolimit auf den Autobahnen. Zudem müssten Energierohstoffe von staatlichen Kosten entlastet werden. All dies dürfte in den Augen der Bundesregierung wie eine Giftliste wirken. Daher mache ich mir wenig Hoffnung auf Umsetzung“, sagt Arvid Friebe.

* Quellenangaben (bitte aufklappen)

* Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes lag 2021 in Deutschland der Erdgasverbrauch bei etwa 1.000 Terrawattstunden (TWh). Die chemische Industrie in Deutschland hat einen Gasbedarf von ca. 120 TWh pro Jahr. Etwa 80 TWh davon werden energetisch und etwa 40 TWh stoff­lich verwertet.

**Diese Anzahl beruht auf Angaben der Statistischen Landesämter Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen für das Jahr 2020 und bezieht die Bereiche Chemische, Pharmazeutische Erzeugnisse und Gummi- und Kunststoffwaren ein.

***Laut Angaben des Energiemarktanalysten Energy Brainpool wird für den Liefermonat Mai für das deutsche Marktgebiet THE am Spotmarkt der Handelsplattform PEGAS Erdgas zu 104 EUR pro Megawattstunde gehandelt.

MDR Wirtschaftsredaktion

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 28. April 2022 | 10:00 Uhr

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