Rente Mehr als 800.000 Rentner verzichten auf Grundsicherung

Lydia Jakobi, Autorin und Reporterin
Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Mit der Grundsicherung vom Staat können Rentnerinnen und Rentner ihre Rente aufstocken. Doch ein Großteil des vorhandenen Geldes wird nicht abgerufen: Mehr als jeder zweite Berechtigte stellt keinen Antrag, obwohl er oder sie Anspruch auf Grundsicherung hätte.

Eine ältere Frau zählt Geld.
Vor allem Menschen mit niedrigeren Abschlüssen, Langzeitarbeitslose und Frauen haben es im Alter schwer. Bildrechte: dpa

Gertrud Schneider ist Witwe und 68 Jahre alt. Vor der Geburt ihrer Kinder hatte sie für ein paar Jahre einen Job als Verkäuferin. Ihre gesetzliche Rente fällt dementsprechend niedrig aus. Auch mit der Witwenrente reicht das Geld nicht zum Überleben. Deshalb bekommt sie monatlich rund 520 Euro vom Staat obendrauf. Ein fiktiver Fall, der beispielhaft für die mehr als 577.000 Senioren steht, die aktuell die sogenannte Grundsicherung im Alter beziehen.

Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VDK, erklärt, welche Lebensgeschichten hinter den Zahlen stecken: "Das sind vor allem Frauen, die oft einen Minijob hatten. Also diese Menschen haben oft viele Jahre gearbeitet, aber eben nicht Vollzeit, zu niedrigen Löhnen oder hatten einen Minijob, weil sie sich noch mit der Pflege von Angehörigen oder in den meisten Fällen, mit der Kindererziehung beschäftigt haben."

800.000 Rentner machen Ansprüche nicht geltend

3,2 Prozent der Gesamtbevölkerung über 65 bekommen die Grundsicherung. Der Anteil ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Dabei wären eigentlich noch viel mehr Personen anspruchsberechtigt, sagt Johannes Geyer, Rentenexperte beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung: "Wir schätzen, dass bis zu 60 Prozent der Anspruchsberechtigten ihre Ansprüche nicht geltend machen. Das wäre die Mehrheit der Anspruchsberechtigten. Das betrifft eine Bevölkerungsgruppe, wenn man mal von den heute Berechtigten ausgeht, von rund 800.000 Personen."

Antrag auf Grundsicherung mit hohem Aufwand verbunden

Warum nutzen so viele Menschen die Hilfe des Staates nicht? Laut Geyer nehmen Menschen mit geringen Ansprüchen die Leistung seltener in Anspruch: "Das ist zum Beispiel eine Grundsicherung von 100 Euro – das ist im Verhältnis zu dem Einkommen, was die Menschen haben, relativ viel, aber im Verhältnis zu dem Aufwand, den man betreiben muss, um die Leistung zu bekommen, vielleicht doch zu niedrig und dann schrecken die Leute doch davor zurück, zum Amt zu gehen."

Denn: Die Grundsicherung bekommen Seniorinnen und Senioren nur auf Antrag. Dafür müssen sie ihre Vermögenswerte offenlegen: Renteneinkünfte, Sparbücher, Grund- und Immobilienbesitz, Schmuck, Gemälde oder Autos.

Scham vor dem Gang zum Sozialamt

Schlimmer sei für viele aber das Stigma, das am Gang zum Sozialamt hafte, sagt Verena Bentele: "Die Leute schämen sich, haben keinen Zugang dazu, dass es einfach eine Sozialleistung ist, sondern sehen sich als abhängig und bedürftig an und schämen sich da sehr für. Deswegen ist das für viele nicht die Option, sondern viele verzichten dann eben eher und schauen, dass es irgendwie geht und wurschteln sich durch."

Deshalb plädiert die VdK-Präsidentin für mehr Aufklärung. Besser sei aber der Weg über die neue Grundrente, die ohne Antrag ausgezahlt werde, so Bentele. Sie müsse weiterentwickelt werden, damit mehr Menschen davon profitieren könnten.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 09. November 2021 | 08:52 Uhr

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