Vor Bund-Länder-Gipfel Wirtschaftsvertreter gegen weitere Einschränkungen

MDR-Wirtschaftsjournalist Ralf Geißler
Bildrechte: Ralf Geißler

Kanzlerin Merkel und die Ministerpräsidenten treffen sich zum nächsten Corona-Gipfel. Die Vorschläge reichen von Ausgangssperren über Homeoffice-Pflicht bis hin zu einem harten Lockdown. Was erwartet die Wirtschaft?

In unsicheren Zeiten ist es ja gut, auf sein Bauchgefühl zu hören. Fragt man Thomas Hofmann, wie sich sein Bauch so anfühlt vor dem Gespräch zwischen Kanzlerin und Länderchefs, dann sagt er: "Da habe ich ziemliches Magendrücken. Das muss ich ganz ehrlich sagen."

Thomas Hofmann ist Hauptgeschäftsführer der IHK Leipzig. Er fürchtet, die Politiker könnten einen noch härteren Lockdown beschließen. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow hatte das mal angesprochen: Die Produktion herunterfahren, alle Betriebe zumachen, bei denen das möglich ist.

Wirtschaftlicher Schaden

Hofmann fände das unverantwortlich: "Alles zumachen, was irgendwie geht, würde einen enormen wirtschaftlichen Schaden verursachen." Die Gedankenspiele, dass im Jahr 2022 alles wieder so ist, wie es mal war, seien dann nicht realisierbar. Für Hofmann ist es keine Option. Man müsse die Wirtschaft so lange am Leben halten, wie es gehe.

Die Industrie hat Hygienekonzepte erarbeitet, Abstandsregeln durchgesetzt, die Produktion angepasst. Ein Lockdown, der zu noch mehr Betriebsschließungen führt, sei nicht zu vermitteln, findet auch Jens Katzek. Der Geschäftsführer des ostdeutschen Automobilclusters sagt, die Pandemie habe die Firmen bereits Milliarden gekostet:

Allein in der Automobilindustrie haben wir zwischen 20 und 25 Prozent Umsatz verloren.

Jens Katzek Geschäftsführer des ostdeutschen Automobilclusters

Betriebe haben bereits restriktive Maßnahmen ergriffen

Jens Katzek sagt: "Zum anderen haben wir in den Betrieben sehr restriktive Schutzmaßnahmen ergriffen, die auch eine hohe Akzeptanz bei den Mitarbeitern haben. Und wo das Monitoring zeigt: Wir haben die Sache in den Betrieben im Griff. Und vor diesem Hintergrund sage ich: Shutdown der Industrie? Nein danke!"

Doch wie sehen das Branchen, die zum Schutz vor Corona längst geschlossen haben wie der Handel oder die Gastronomie? Ein schärferer Lockdown für alle könnte ja durchaus dazu führen, dass die Infektionszahlen schneller sinken. Und dann dürften vielleicht alle schneller wieder öffnen.

Gastronomie und Handel gegen Verschärfung

Axel Klein, Geschäftsführer beim Deutschen Hotel- und Gaststättenverband Sachsen winkt ab: "Also die Verschärfung steht bei mir nicht im Fokus." Er meint, man müsse die Maßnahmen, die bereits existierten, konsequent umsetzen. Damit würde man viel erreichen. "Für uns sind momentan die Prioritäten, dass wir dafür, dass wir geschlossen sind, auch die Entschädigungen bekommen, die finanziellen Mittel. Da sind wir dran."

Ähnlich sieht es der Handel. René Glaser, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Sachsen sagt, die Politik sollte gezielter abwägen zwischen Corona-Auflagen und wirtschaftlichen Folgen.

Ansteckungen im Privaten

Unterstützung erfährt die Wirtschaft durch den Ökonomen Reint Gropp. Der Präsident am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle argumentiert, die meisten Ansteckungen passierten nach wie vor im Privaten.

Es mache keinen Sinn, die Wirtschaft weiter einzuschränken: "Nicht nur, weil es möglicherweise gar nicht dazu führt, dass die Zahlen sinken, sondern auch weil es dazu führt, dass die Regeln, die man hat, die sinnvoll sind, weniger akzeptiert werden. Denn Menschen, die sich mit sinnlosen Regeln konfrontiert sehen, wo sie sehen, dass das eigentlich gar nichts bewirkt, befolgen auch die sinnvollen Regeln nicht mehr. Und da sehe ich die große Gefahr eines harten Lockdowns."

Wie der Lockdown weitergeht, besprechen die Kanzlerin und die Länderchefs ab Nachmittag. Eines gilt als wahrscheinlich: Es wird härter als bisher. Da ist das Bauchgefühl des Kammergeschäftsführers sicher richtig.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 19. Januar 2021 | 06:41 Uhr

42 Kommentare

Tacitus vor 34 Wochen

Ich kann den Wirtschaftsvertretetn voll zustimmen. Die wirtschaftlichen Folgen der Lockdowns werden gewaltig sein- bislang wird alles kaschiert durch Kurzarbeitergeld, staatliche Unterstützung, Verschleppung von Insolvenzen.
Leider sind im BK-Amt nur die Hardcore-Vertreter des Lockdowns, andere Stimmen und Experten sind nicht eingeladen.

Micky Maus vor 34 Wochen

"Und drittens werden sich die bayrischen Trinker freuen, jetzt wieder an der Ecke mit den Kumpels in trauter Runde ohne Mundschutz das eine oder andere Bierchen trinken zu können."

Tja Peter, es wurde erkannt, das es besser ist zusammen an der frischen Luft ein Bierchen zu trinken, als gemeinsam heimlich im verborgenen, im geschlossenen Raum.

Das meinen sie doch auch!

Peter vor 34 Wochen

faultier: Ein paar Kleinigkeiten zur Klarstellung:
Maredo hat im März 2020, also zu einem Zeitpunkt, als der begriff Lockdown nur einigen Wenigen geläufig war, Insolvenz angemeldet.
Zweitens kenne ich kein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, welches die Verordnungen als grundgesetzwidrig eingestuft haben. Kennen Sie eins?
Und drittens werden sich die bayrischen Trinker freuen, jetzt wieder an der Ecke mit den Kumpels in trauter Runde ohne Mundschutz das eine oder andere Bierchen trinken zu können.
Schließlich hilft Ihre Verharmlosung von Corona im Grunde nur dem Virus, keineswegs den Bürgern. Aber auch das wissen Sie ja.

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