Preissteigerungen Wirtschaftsforscher: Osten stärker von Inflation betroffen

Die Inflationsrate beträgt im April 2022 laut Statistischen Bundesamt 7,4 Prozent und ist damit weiter auf einem extrem hohen Niveau. Doch liegt das wirklich allein an den hohen Energiepreisen? Fallen die Preissteigerungen im Osten mehr ins Gewicht? Und sollte man jetzt extra Geld ausgeben, bevor alles noch teurer wird? Der Dresdner Wirtschaftsforscher Professor Joachim Ragnitz dazu im Interview.

Viele Eurobanknoten stecken in einer Geldbörse
Benzin, Lebensmittel, Baumaterial - alles wird teurer. Verbraucher müssen sich auf harte Zeiten einstellen. Bildrechte: dpa

Professor Joachim Ragnitz, Vize-Chef des ifo-Instituts Dresden, spricht im Interview über die anhaltend hohe Inflationsrate, die besondere Betroffenheit im Osten und warnt vor Lohnerhöhungen.

Wenn Ihnen jemand vor einem Jahr gesagt hätte, dass wir heute über eine solche Inflationsrate sprechen – hätten Sie das für möglich gehalten?

Prof. Joachim Ragnitz: Nein, das war für mich und vermutlich für alle anderen, die sich damit beschäftigen, fernab jeglicher Vorstellung. Allerdings war natürlich vor einem Jahr nicht absehbar, dass es jetzt zu dieser starken Verknappung von Energierohstoffen kommt.

Portrait von Prof. Dr. Joachim Ragnitz
Prof. Dr. Joachim Ragnitz ist Wirtschaftsforscher und Vize-Chef des Ifo-Instituts in Dresden. Bildrechte: ifo Institut Niederlassung Dresden

Liegen die Preissteigerungen wirklich allein an den erhöhten Rohstoffkosten? Oder nutzen manche Hersteller die Chance, generell an den Preisen zu drehen?

Prof. Joachim Ragnitz: Die Kostensteigerung vor allem für Energierohstoffe und andere Rohstoffe führen dazu, dass die Preise insgesamt steigen. Das betrifft alle Unternehmen gleichermaßen. Aber man muss sehen, hohe Preissteigerungen kommen nicht nur von Kostensteigerungen, sondern auch durch eine hohe Nachfrage. Es ist einfach so, dass durch die Nachholeffekte nach den Corona-Lockdowns sehr viel Kaufkraft da ist, die jetzt auf die Märkte überschwappt. Von dieser Seite werden Preissteigerungen noch erleichtert. Und sicherlich ist es so, dass einige Unternehmen die Gunst der Stunde nutzen, die Preise zu erhöhen. Nehmen wir als Beispiel die hohen Tankstellenpreise: Die sind sehr stark gestiegen, viel mehr als die Rohölpreise, zumindest im März war das der Fall. Das ist ein Beispiel dafür, dass die Anbieter versucht haben, auf der Welle zu reiten und ihre Gewinne zu erhöhen.

Tragen Verbraucher mit Hamsterkäufen zu den Preissteigerungen bei?

Prof. Joachim Ragnitz: Das ist schwierig zu beantworten. Sicherlich gibt es einige Produkte, die jetzt knapp geworden sind, wie Mehl oder Öl. Das erleichtert es dem Handel natürlich, dort höhere Preise durchzusetzen. Das ist aber nichts Dauerhaftes. Viel wichtiger ist der längerfristige Trend der Inflation. Den kann man nicht mit Hamsterkäufen erklären. Man muss damit rechnen, dass die Preissteigerungsraten das ganze Jahr über relativ hoch bleiben. Wenn man den Konjunkturprognosen glaubt, werden die Inflationsraten im nächsten Jahr wieder zurückgehen. Und das auch nur dann, wenn der Krieg in der Ukraine sich nicht weiter verschärft.

Fallen die Preissteigerungen im Osten Deutschlands anders ins Gewicht als im Westen?

Prof. Joachim Ragnitz: Die Inflationsraten sind in allen Landesteilen ungefähr die gleichen. Aber die Betroffenheit der Verbraucher hängt sehr stark davon ab, welche Konsumstruktur sie haben. Beispielsweise ist es im Osten so, dass man mehr auf das Autofahren angewiesen ist, weil man auf dem Land nicht unbedingt einen funktionsfähigen öffentlichen Nahverkehr hat, teilweise auch weil die Pendlerbewegungen länger sind. Die Betroffenheit einer Inflation ist zudem bei Beziehern niedriger Einkommen höher. Bei sehr geringen Einkommen hat man typischerweise weniger Ersparnisse, kann deswegen auch nicht mehr ausweichen auf billigere Produkte, weil man sowieso schon im Discounter kauft. Und da im Osten, wie wir alle wissen, das Lohnniveau insgesamt geringer ist, ist die Betroffenheit hier im Osten höher, ja.

Reicht das Entlastungspaket der Bundesregierung aus, um die Bürger zu entlasten?  

Prof. Joachim Ragnitz: Die Entlastungspakete sollen primär dazu dienen, die hohen Energiepreissteigerungen abzufedern. Man kann viele Elemente dieser Entlastungspakete kritisch sehen. Die Pauschale von 300 Euro soll nur Erwerbstätige begünstigen. Das heißt, die Rentner sind außen vor. Die Studenten sind außen vor. Das ist schon mal ein Problem. Dann soll das versteuert werden. 300 Euro mehr, das klingt zwar erstmal toll, aber für die meisten ist das nur die Hälfte wert. Da gibt es viel zu kritisieren. Nur man muss sehen, letzten Endes haben wir jetzt eine hohe Inflation, die Kosten für Deutschland verursacht. Und irgendeiner muss die Kosten tragen. Und es ist nicht unbedingt Aufgabe des Staates, das jetzt tatsächlich alles auszugleichen. Wenn der Staat Geld ausgibt, geht das letztlich zu Lasten des Steuerzahlers, das muss entweder über Steuern eingezogen oder über Kredite finanziert werden, was mittelfristig auch zu Steuererhöhungen führen wird. Letzten Endes landet es wieder bei den Verbrauchern. Für den Moment entlasten die Hilfsleistungen, auf Dauer werden wir sie zu zahlen haben.

Wenn der Staat Geld ausgibt, geht das letztlich zu Lasten des Steuerzahlers.

Prof. Joachim Ragnitz, Wirtschaftsforscher

Sollten die Löhne steigen, um das auszugleichen?

Prof. Joachim Ragnitz:  Der Gedanke ist zunächst verständlich. Aber wenn man jetzt hohe Lohnsteigerungen durchsetzen würde, besteht die Gefahr, dass man eine Lohn-Preis-Spirale in Gang setzt. Bei höheren Löhnen haben die Unternehmen höhere Kosten. Höhere Kosten verursachen wieder höhere Preise. Da würden die Preise also womöglich noch länger angehoben werden. Daher ist das sehr gefährlich. Deswegen wäre ich sehr vorsichtig mit hohen Lohnabschlüssen.

Soll man jetzt extra Geld ausgeben, bevor alles noch teurer wird?

Prof. Joachim Ragnitz: Ich glaube nicht, dass es jetzt sinnvoll ist, unbedacht Geld auszugeben. Wenn man geplant hat, ein neues Auto zu kaufen, da macht es eventuell Sinn, einen solchen Kauf etwas vorzuziehen, wenn es überhaupt lieferbar ist. Das würde sich aber nur anbieten, wenn man so einen Kauf tatsächlich vorgesehen hat. Nur Geld auszugeben, weil man hofft, künftigen Preissteigerungsraten zu entgehen, das ist sicher nicht sinnvoll. Man muss damit rechnen, dass für private Haushalte die Strom- und Gasrechnungen im nächsten Jahr relativ hoch ausfallen werden. Einfach weil die heutigen Preissteigerungen noch gar nicht in den Haushalten angekommen sind. Viele werden im kommenden Jahr eine saftige Nachzahlung bekommen. Dafür braucht man Liquidität. Deswegen würde ich sagen, nicht das Geld rausschmeißen, um der Inflation zu entgehen, sondern lieber Reserven bilden. Alternativ könnte man natürlich jetzt seine Vorauszahlungen anpassen, damit man das im nächsten Jahr nicht so spürt.

Nur Geld auszugeben, weil man hofft, künftigen Preissteigerungsraten zu entgehen, das ist sicher nicht sinnvoll.

Prof. Joachim Ragnitz, Wirtschaftsforscher

Gibt es etwas, das Ihnen Hoffnung macht?

Prof. Joachim Ragnitz: Ganz viel hängt davon ab, wie das mit dem Krieg in der Ukraine und weiteren Öl- und Gassanktionen weitergeht. Im schlimmsten Fall hätten wir das Problem, dass die Öl- und Gaspreise kurzfristig nochmal stark steigen. Aber durch all die Bemühungen, unabhängiger von Energiezulieferungen aus Russland zu werden, kann man davon ausgehen, dass mittelfristig die hohen Öl- und Gaspreise wieder zurückgehen werden. Nicht auf das Niveau, das wir 2020 hatten, aber es wird wieder zurückgehen. Und wenn das der Fall ist, werden wir wieder Entlastung bekommen. Das ist die Hoffnung, die ich habe. Zum anderen haben all die Maßnahmen, unabhängiger von einzelnen Energielieferanten zu werden, die Chance, künftig nicht mehr so anfällig und erpressbar zu sein. So gesehen, ist das auch was Positives.

+++ Kurz erklärt: Inflation, Konjunkturprognose und Rezession +++

Die Inflation steigt. Die Konjunktur schwankt. Die Bundesregierung korrigiert ihre Konjunkturprognose. Und was bedeutet das jetzt alles? Hier sind die aktuell am häufigsten verwendeten wirtschaftlichen Begriffe einfach erklärt:

Inflationsrate

In einer Marktwirtschaft ändern sich regelmäßig die Preise für Waren und Dienstleistungen. Manches wird teurer, manches preiswerter – so ist es normal. Steigen allerdings nicht nur die Preise für einzelne Produkte, sondern das ganze Preisniveau allgemein, dann spricht man von Inflation. Diese kann über den Verbraucherpreisindex gemessen werden, den das Statistische Bundesamt monatlich berechnet. Die prozentuale Veränderung dieses Index im Vergleich zum Vorjahresmonat beziehungsweise Vorjahr wird als Inflationsrate bezeichnet.

Konjunktur

Die Konjunktur ist ein Begriff aus der Volkswirtschaft und eine allgemeine Bezeichnung für die wirtschaftliche Lage eines Landes. Diese verändert sich regelmäßig. Mal geht es mit dem Wirtschaftswachstum bergauf, mal bergab. Diese Schwankungen treten meist als wellenförmige Kurve auf. Ein Konjunkturzyklus kann in vier Phasen eingeteilt werden: Aufschwung (Expansion), Boom (Hochkonjunktur), Abschwung (Rezession) und Tiefphase (Depression).

Konjunkturprognose

Wie sich die wirtschaftliche Lage in Zukunft entwickelt, lässt sich nur schätzen – mit der Konjunkturprognose. Diese bildet die Grundlage für viele Planungen des Staates, zum Beispiel für die Haushaltsplanung.

Verschiedene Institutionen versuchen mit einer Konjunkturprognose die wirtschaftliche Entwicklung möglichst genau vorherzusagen. Sie stützen sich dabei auf theoretisch und empirisch fundierte Rechenmodelle.

Die Prognosen werden in regelmäßigen Abständen unter anderem von der Bundesregierung, der Bundesbank, internationalen Organisationen und Wirtschaftsforschern veröffentlicht. Sie unterscheiden sich teilweise stark und werden im Laufe eines Jahres nach oben und unten korrigiert.

Rezession

Von einer Rezession spricht man, wenn zwei Quartale hintereinander die Wirtschaftsleistung sinkt. Anzeichen dafür sind eine geringere Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen, sinkende Börsenkurse sowie steigende Kurzarbeit und Entlassungen in Unternehmen, die weniger herstellen. Setzt sich der Abschwung weiter fort, spricht man von Depression.

Verbraucherpreisindex

Der Verbraucherpreisindex misst, wie sich die durchschnittlichen Preise aller Waren und Dienstleistungen entwickeln, die private Haushalte in Deutschland kaufen. Darunter fallen zum Beispiel Lebensmittel, Bekleidung und Kraftfahrzeuge ebenso wie Mieten, Reinigungsdienstleistungen oder Reparaturen.

Die Veränderung des Verbraucherpreisindex zum Vorjahresmonat oder zum Vorjahr wird umgangssprachlich als Inflationsrate bezeichnet. Das Statistische Bundesamt veröffentlicht den Verbraucherpreisindex monatlich. Den Berechnungen zugrunde liegt ein „Warenkorb“, der 650 verschiedene Güter umfasst, vom Salz über Textilien bis zum Auto, der regelmäßig überprüft und aktualisiert wird.

Der Verbraucherpreisindex ist aber nicht nur für Politik und Banken, sondern auch für private Haushalte wichtig. Die Miete oder Unterhaltszahlungen beispielsweise werden oft an die Entwicklung des Verbraucherpreisindex gebunden.

MDR Wirtschaftsredaktion

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | UMSCHAU | 26. April 2022 | 20:15 Uhr

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