Reallöhne Mehr in der Lohntüte – aber nicht mehr im Warenkorb?

In den vergangenen Monaten konnten sich einige Branchen über neue Tarifabschlüsse freuen. Bis zu 7,2 Prozent mehr wurden für die Beschäftigten erstritten. Doch kann das auch die derzeitige Inflation auffangen?

Mitarbeiter im Berliner und Brandenburger Einzelhandel halten bei einer Veranstaltung der Gewerkschaft Verdi rote Schirme in die Höhe. Verdi hatte zu einem Warnstreik aufgerufen. Die Gewerkschaft fordert für die Tarifrunde des Einzelhandels in Berlin und Brandenburg unter anderem eine Erhöhung der Löhne, Gehälter und Ausbildungsvergütungen um 4,5 Prozent plus 45 Euro pro Monat.
Einen Geldregen bedeuten die jüngsten Tarifabschlüsse nicht. Die Inflationsraten der letzten Monate hat viele Löcher in private Haushaltskassen gerissen. Bildrechte: dpa

Seit Monaten gibt es immer neue Rekordwerte bei der Inflationsrate: Im September lag sie 4,2 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats, im Oktober bei 4,5 Prozent und im November bei stolzen 5,2 Prozent. Zuletzt hatte die Inflationsrate 1992 die Fünf-Prozent-Marke überstiegen. So forderten auch die Gewerkschaften zahlreicher Branchen in den zurückliegenden Monaten einen dementsprechenden Anstieg der Löhne der Beschäftigten.

Aktuelle Gewerkschaftsabschlüsse    

Die Beschäftigten im öffentlichen Dienst der Länder bekommen ab 1. Dezember 2022 2,8 Prozent mehr Geld. Zudem wurde eine Corona-Sonderzahlung in Höhe von 1.300 Euro für das kommende Jahr vereinbart. Darauf haben sich Gewerkschaften und Arbeitgeber Ende November verständigt.

Der Abschluss wurde aber nur als weiterer Schritt angesehen, die Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen zu verbessern. Ursprünglich hatten die Gewerkschaften Verdi sowie DBB-Beamtenbund und Tarifunion für den Öffentlichen Dienst der Länder (ohne Hessen) fünf Prozent mehr Lohn und Gehalt gefordert. Allerdings stünden die Haushalte der Länder aufgrund der Pandemie unter großem Konsolidierungsdruck.

Auch der Gewerkschaft der Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) gelang im November mit dem Milchindustrie-Verband ein Tarifabschluss. Hier steigen die Löhne und Gehälter rückwirkend zum 1. November um 3,1 Prozent und im kommenden Jahr zum 1.Oktober 2022 nochmals um 2,1 Prozent. Für Auszubildende gibt es zweimal ein Plus von 50 Euro. Für Facharbeiter steigt damit der Monatslohn zum 1. November 2021 um 98,61 Euro auf 3.304,30 Euro, zum 1. Oktober 2022 nochmals um 69,20 Euro auf 3.373,50 Euro.

Doch Tarifabschlüsse sagen noch längst nichts über die tatsächlichen Verhältnisse. Denn nur ca. 44 Prozent der Beschäftigten arbeiten mit Tarifvertrag in ihrem Unternehmen. Zwar steigen die Löhne auch in nichttarifgebundenen Betrieben, aber längst nicht so stark wie in tarifgebundenen. In vielen Tarifbranchen wird der Kaufkraftverlust durch die Zahlung einer steuerfreien Corona-Prämie abgemildert. Vor allem die unteren Einkommensgruppen profitieren davon.

Plus von 7,2 Prozent für Beschäftigte von Schreibgerätehersteller

Grund zur Freude gab es vor wenigen Tagen bei den Beschäftigten der sächsischen Holzindustrie: Die IG Metall hat für die 8.000 Beschäftigten der Branche eine satte Einkommenserhöhung erstritten. Mit dem Verband der Holz und Kunststoffe verarbeitenden Industrie Sachsen e.V. (VHKS) einigten man sich am 2. Dezember.2021 auf Einkommenserhöhungen ab Mai 2022 in zwei Schritten um 5,5 Prozent, die Einkommen der Schreibgerätehersteller steigen sogar um 7,2 Prozent.

Wie sieht die tatsächliche Lohnsteigerung aus?

7,2 Prozent mehr klingen gut und vor allem sieht es so aus, als würde ein solcher Abschluss auch die hohen Preissteigerungen ausgleichen. Doch Bodo Grzonka, IG Metall-Verhandlungsführer, relativiert: "Man muss auf die tatsächliche Lohnsteigerung schauen und nicht auf eine Prozentzahl. Tut man das, sieht man das der jetzige Abschluss nur eine Reaktion auf vorher Versäumtes ist. Der Branche gehe es auch in Pandemiezeiten gut und das müssen die Mitarbeiter spüren."

Im Klartext: Für die Gewerkschaft gab es großen Nachholbedarf, auch mit Blick auf die Löhne im Westteil des Landes. Im Detail steigen die Einkommen ab 1. Mai 2022 in der Holz- und Kunststoffindustrie Sachsens um drei Prozent und in der Schreibwarenindustrie um 3,8 Prozent. Eine weitere Erhöhung folgt zum 1. April 2023 – in der Holzindustrie um weitere 2,45 Prozent und in der Schreibgeräteindustrie um weitere 3,23 Prozent. Mit der zweiten Erhöhungsstufe gibt es künftig eine einheitliche und gemeinsame Einkommenstabelle für die bislang unterschiedlichen Bereiche der Holz- und Kunststoff- sowie Schreibgeräteindustrie in Sachsen. Das sogenannte Facharbeitereckeinkommen beträgt ab 1. Mai 2022 dann 2.485 Euro (Schreibgeräte 2.376 Euro) und ab dem 1. April 2023 für alle 2.546 Euro im Monat.

Experten rechnen mit weiteren Preissteigerungen

Ob damit die aktuelle Inflation aufgefangen werden kann, bleibt abzuwarten. Auch im kommenden Jahr rechnen Experten mit weiteren Preissteigerungen, wenngleich nicht in so hohem Maße wie in diesem Jahr. Außerdem beruhe die aktuelle Inflation auch auf Basiseffekten, wie der coronabedingten Senkung der Mehrwertsteuer ab dem 1.Juli 2020. Die Entwicklungen der Löhne in den Jahren vor der Pandemie haben, laut Dr. Sebastian Link (ifo-Zentrum für Makroökonomik und Befragungen) keinen Einfluss auf die aktuell hohe Inflation: "In den Jahren 2011 bis 2019, also zwischen der Finanzkrise und der Pandemie schwankten die Jahreswachstumsraten der effektiv gezahlten Löhne zwischen 2,2 Prozent und 3,5 Prozent. Damit stiegen die Löhne in der Regel stärker als die Verbraucherpreise. Allerdings waren diese Reallohnsteigerungen nicht 'zu gut', sondern standen vielmehr in Einklang mit der Entwicklung der steigenden Produktivität. Dies zeigt sich dadurch, dass die realen Lohnstückkosten in diesen Jahren relativ konstant waren."


Stichwort: Steigende Reallöhne

Die Reallöhne stiegen zwischen 2010 bis 2019 um 10,8 Prozent. Von Reallohnzuwachs spricht man dann, wenn die Löhne und Gehälter schneller steigen als die Preise. In den Nullerjahren war die Lage völlig entgegengesetzt, gerade nach der Jahrtausendwende hatten deutsche Arbeitnehmer Reallohnverluste. Betrug der Reallohnindex im Jahr 2000 noch 96,5 Prozent, befand er sich im Jahr 2009 nur noch bei 93,1 Prozent.

Sondereffekt Corona

Interessant die Entwicklung in Corona-Zeiten: Im vergangenen Jahr sanken die Reallöhne – und das, obwohl die Inflationsrate niedrig und teilweise sogar negativ war. Man denke nur an die sehr günstigen Preise für Kraftstoffe oder Energie.

Die Erklärung für sinkende Reallöhne waren die Wirtschaftslage, Lockdown und Kurzarbeit in vielen Unternehmen wie Oliver Holtemöller, Leiter der Abteilung Makroökonomik und stellvertretender Präsident des Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle beobachtet hat: "Zunächst sind vor allem die Verdienste je Beschäftigten gesunken, während die Stundenlöhne im Jahr 2020 real noch gestiegen sind. Ein großer Teil der Verdienstausfälle wurde durch staatliche Transfers wie das Kurzarbeitergeld zumindest teilweise ausgeglichen. Mit dem Andauern der Krise verschlechtern sich in betroffenen Bereichen jedoch die Lohnperspektiven."

Das Jahr 2021 begann erstmal positiv. Im ersten und zweiten Quartal wuchs die Wirtschaft, die Beschäftigten hatten insgesamt wieder normale – und im Vergleich zum Vorjahr höhere Löhne – so stiegen auch die Reallöhne. Dieser Effekt dürfte sich in den letzten Monaten abgeschwächt haben, weil mit der Wirtschaftserholung und auftretenden Lieferengpässen viele Preise stiegen, insbesondere für Energie.

Komplizierte Lohnverhandlungen

Vor diesem Hintergrund scheint die jüngste Inflationsrate nicht der Maßstab für künftige Lohnforderungen zu sein. "Höhere Forderungen alleine führen nicht zwangsläufig zu höheren Abschlüssen. Dies hat erst im November der sehr moderate Abschluss im Öffentlichen Dienst der Länder gezeigt, als zwar fünf Prozent mehr Lohn bei einer Laufzeit von einem Jahr gefordert waren, aber letztlich nur eine Einmalzahlung und eine 2,8-prozentige Steigerung ab Dezember 2022 bei einer Laufzeit von zwei Jahren vereinbart wurde. Was unter dem Strich Reallohneinbußen bedeuten dürfte. Vielmehr wird es darauf ankommen, welche Verhandlungsseite die höhere Verhandlungsmacht hat und ob die allgemeine Lage in einer Branche gut ist oder es nur wenig zu verteilen gibt“, so ifo-Experte Link.


Ost-West-Lohnangleichung im Fokus

Die richtige Verteilung wird auch 2022 ein Thema sein. Auch 31 Jahre nach der Wiedervereinigung steht das Thema Ost-West-Lohnangleichung für viele Beschäftigten noch immer auf der Tagesordnung. Die Löhne im Osten Deutschlands sind deutlich unter den Einkommen im Westen. Insgesamt erhielten sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigte 2019 in Westdeutschland ein mittleres Einkommen von 3.526 Euro brutto, in Ostdeutschland waren es 2.827 Euro.

Positiv: Die Lohnlücke zwischen Ost/West ist da geringer, wo Tarifverträge gelten.
Negativ: Seit Jahren geht die Tarifbindung zurück. Nur für 34 Prozent der Beschäftigten im Osten gelten Tarifverträge, wohingegen im Westen 46 Prozent der Arbeitnehmer tarifgebunden sind. Zur Jahrtausendwende waren es noch 55 Prozent in Ost und 70 Prozent in West.

Je nach Wirtschaftszweig gibt es zum Teil große Abweichungen bei den Verdiensten. Während im öffentlichen Dienst ein nahezu ausgeglichenes Lohngefüge zwischen Ost und West existiert, gibt es vor allem im Handel viel aufzuholen. Versäumtes aufzuholen ist auch der Antrieb bei den Tarifverhandlungen im sächsischen Groß- und Außenhandel: "Die Löhne im sächsischen Großhandel sind deutlich niedriger als im Westen, aber auch im Vergleich zu Sachsen-Anhalt und Brandenburg gibt es erhebliche Lohndifferenzen von teilweise über 200 Euro", so ver.di Verhandlungsführer Jörg Lauenroth-Mago.

Deshalb fordert die Gewerkschaft neben der Erhöhung von drei Prozent und 1,7 Prozent einen Sachsenzuschlag, um die Lohndifferenz abzubauen. "Würde wir auf den Sachsenzuschlag verzichtet werden, könnten wir direkt unterschreiben", so Lauenroth-Mago. Nicht nur für ver.di Streikleiterin Andrea Busch ist das aber keine Option: "Die Kollegen wollen trotz der Inflation weiter um ihr Recht kämpfen!“  Eine neue Verhandlungsrunde ist im Januar angesetzt.

Ausblick für 2022

Dr. Sebastian Link, rechnet für das kommende Jahr mit einer Entspannung für die Reallöhne. "Im Jahr 2022 wird sich die wirtschaftliche Erholung und die höhere Inflation erst mit zeitlicher Verzögerung in kräftigeren Steigerungen der regulären Tarifentgelte niederschlagen. Die Tariflöhne dürften daher im kommenden Jahr zwar moderat, aber insgesamt stärker zulegen als im laufenden Jahr. Hinzu kommt, dass die Kurzarbeit weiter abgebaut werden dürfte, weshalb die effektiv gezahlten Löhne und Gehälter ebenfalls einen positiven Schub bekommen werden. Gleichzeitig dürfte der allgemeine Preisdruck langsam wieder nachlassen. In der Summe dürften sich im kommenden Jahr die Lohnzuwächse und die Inflation wieder in etwa ausgleichen und weitere starke Reallohnverluste ausbleiben", blickt er voraus.

Quelle: MDR-Wirtschaftsredaktion

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 10. Dezember 2021 | 10:55 Uhr

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