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Die Inflation war im Dezember so hoch wie seit langem nicht – das wird wohl auch erstmal so bleiben. Bildrechte: dpa

WirtschaftsprognoseÖkonomen rechnen mit weiterhin erhöhter Inflation

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

Stand: 19. Januar 2022, 15:36 Uhr

Die Verbraucherpreise in Deutschland steigen so stark wie seit Jahrzehnten nicht mehr: Im Dezember erreichte laut Statistischem Bundesamt die Inflationsrate einen Wert von 5,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Viele Verbraucher spüren die Inflation an höheren Energiepreisen, aber auch im Supermarkt. Doch steckt in der offiziellen Zahl wirklich alles drin, was teurer geworden ist? Und auf welche Preissteigerungen müssen wir uns in Zukunft einstellen?

Man muss gar nicht lange suchen. Es genügt, vor einem Leipziger Supermarkt ein paar Rentner anzusprechen. Und schon ist der Ärger über hohe Preise hörbar: "Butter ist teuer geworden. Das Gemüse, Obst. Du hast genau dasselbe im Korb und bezahlst das Doppelte."

Konsumentenpreisindex unvollständig

Tatsächlich ist das Leben in Deutschland binnen eines Jahres im Durchschnitt um mehr als fünf Prozent teurer geworden. Diese offizielle Inflation messen Statistiker anhand eines Muster-Warenkorbs. Der enthält immerhin rund 650 verschiedene Produkte und Dienstleistungen. Trotzdem verrät der Warenkorb nicht das ganze Ausmaß der Inflation.

So sieht es der Leipziger Ökonom Gunther Schnabl: "Wir müssen wissen, dass der harmonisierte Konsumentenpreisindex, auf dem die Inflationsmessung im Euro-Raum basiert, natürlich so Inflation misst, wie das mal politisch entschieden wurde. Und es wird immer politisch über die Inflationsmessung beschlossen. Und das heißt, dass gewisse Faktoren mit eingerechnet werden und andere Faktoren nicht."

Immobilien und Produktqualität fehlen bei Berechnung

Mindestens zwei Faktoren müssten in die Berechnung rein, findet Schnabl. Zum einen: die gestiegenen Immobilienpreise, die bislang nicht berücksichtigt würden. Außerdem würden Produkte qualitativ auch mal schlechter. Im Eiersalat sind weniger Eier, in der Schokocreme ist weniger Kakao.

Wer die alte Qualität wolle, müsse oft das teurere Produkt kaufen. Das ignoriere die Inflationsstatistik: "Gerade wenn man sich jetzt im Dienstleitungsbereich Gedanken macht, dann sieht man viele Bereiche, wo Bedienung durch Selbstbedienung abgelöst wurde, wo in den Restaurants auch die Portionen kleiner wurden. Und das wird natürlich alles nicht von den statistischen Behörden dahingehend erfasst, dass die Preise in der Statistik nach oben gerechnet werden."

Doch wieviel macht das aus? Und gibt es nicht auch gegenteilige Effekte? Früher kosteten gedruckte Lexika viel Geld, heute genügt oft ein Blick in Wikipedia. Schnabl will nicht beziffern, um wie viel höher die Inflation seiner Meinung nach ist. Das müsse man aufwändig berechnen. Am Ende hängt es auch sehr vom individuellen Konsum ab, ob man persönlich eher bei drei oder eher bei sieben Prozent liegt.

Billiger wird's nicht

Oliver Holtemöller vom Leibniz Institut für Wirtschaftsforschung Halle findet die Diskussion darüber manchmal zu aufgeregt. "Wir hatten auch in der alten Zeit vor der Europäischen Zentralbank mal Zeiten, in denen die Inflationsrate sehr hoch war – direkt am Anfang der 1990er-Jahre. Das hatte etwas mit dem sogenannten Wiedervereinigungsboom zu tun."

Allerdings sagt auch Holtemöller, die Inflation liege deutlich über dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank von zwei Prozent. Sie müsste gegensteuern. Aber wird sie das auch? "Sie ist da so ein bisschen in der Klemme, würde man fast sagen. Wenn sie jetzt die Zinsen erhöht, um die Inflation zu bekämpfen, dann wirkt sich das natürlich direkt auf den Schuldendienst in den Mitgliedsstaaten des Euro-Währungsgebiets aus. Und sie wird da vorsichtig operieren müssen. Das heißt, es besteht schon das Risiko, dass die Inflationsrate für eine gewisse Zeit lang erhöht bleibt."

Das sehen mittlerweile viele Ökonomen so. Auch solche, die im August noch lässig erklärt haben, die erhöhte Inflation sei ein vorübergehendes Phänomen. Jetzt lautet der Tenor eher: Billiger wird's nicht.

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL RADIO | 19. Januar 2022 | 08:24 Uhr