Teuerung Wirtschaftsexperten: Politik kann gegen Inflation nicht viel tun

Das Leben in Deutschland wird immer teurer – vom Einkaufen über das Tanken bis zum Heizen. Im Mai lag die Inflationsrate bei fast acht Prozent. Finanzminister Christian Lindner hat beteuert, dass die Bekämpfung der Inflation das oberste Ziel sei. Allerdings kann die Regierung nicht viel machen, um die Ursachen für die teuren Preise zu bekämpfen.

Eine Kundin bezahlt auf einem Wochenmarkt an einem Obst- und Gemüsestand.
Viele Nahrungsmittel haben sich in den letzten Monaten überdurchschnittlich verteuert. Bildrechte: dpa

Politiker sehen sich gern in der Rolle des tatkräftigen Machers. Die Inflation ist hoch? Dann streichen wir ein paar Subventionen, ändern ein paar Gesetze und schon lässt die Teuerung nach. Doch leider, sagt der Dresdner Wirtschaftswissenschaftler Joachim Ragnitz, funktioniere das nicht. Die Politik könne gegen die derzeitige Inflation eigentlich kaum etwas machen: "Die hohen Inflationsraten, die wir haben, sind durch Faktoren determiniert, die außerhalb des politischen Einflussbereichs liegen. Vor allem die Lieferkettenproblematik und alles, was mit der Ukraine zu tun hat – etwa steigende Energiekosten, die sich da niederschlagen – kann die Politik nicht lösen", sagt Ragnitz.

Solange in China Waren für die halbe Welt feststecken, solange Energie knapp bleibt, weil Europa bewusst auf russische Öl- und Gaslieferungen verzichtet, solange bleibt die Teuerung. Auch der haushaltspolitische Sprecher der FDP, Otto Fricke, räumt ein, dass die Möglichkeiten der Regierung begrenzt seien: "Wenn man sagen würde, wir versuchen, die Preise allgemein zu senken, indem wir zum Beispiel die Mehrwertsteuer senken, dann heißt das: In dem Moment, in dem die Steuer später wieder erhöht wird, ist die Inflation wieder da."

Möglichkeiten der EZB

Und doch gibt es eine Institution, die Einfluss auf die Inflation hat: die Europäische Zentralbank (EZB). Erhöht sie ihre Leitzinsen, würde es attraktiver, Geld anzulegen. Dann würde die Nachfrage nach Waren sinken und damit auch die Teuerung.

Der Effekt stelle sich allerdings nicht unmittelbar ein, sagt Reint Gropp vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle: "Nur, weil die EZB die Zinsen erhöht, fallen die Energiepreise nicht. Jedenfalls nicht direkt. Außerdem werden die Lieferketten auch nicht besser dadurch, dass die EZB die Zinsen erhöht." Es sei gar nicht so klar, dass das Toolkit der EZB – vor allem Zinsen erhöhen und Anleihenkäufe stoppen – jetzt etwas nütze.

Keine zielgerichteten Maßnahmen gegen Inflation

Auch Gropp resümiert: Das entscheidende Problem sei das fehlende Angebot – bei Waren, bei Energie. Die Bundesregierung könne beides zwar kaum beeinflussen. Sie könne aber Menschen Geld geben, die durch steigende Preise in soziale Not geraten: "Wichtig ist es dabei, die Gießkanne zu vermeiden." Genau solche Maßnahmen seien aber zum Teil beschlossen worden. Eine Senkung der Steuer auf Benzin komme allen zugute – auch denen, die es vielleicht gar nicht nötig hätten. "Das ist eben nicht zielgerichtet. Das heißt, wir verschwenden sehr viel Geld", erklärt Gropp.

Auch Wirtschaftsforscher Ragnitz argumentiert, die Regierung handle derzeit nicht zielgenau. Der Tankrabatt würde vielen Autofahrern vielleicht ein bisschen helfen. Wobei noch nicht einmal klar ist, wie stark die Preise dadurch wirklich sinken. Denn der Rabatt führt ja wiederum zu mehr Nachfrage. "Diese ganzen Maßnahmen, die da gemacht werden aktuell, sind reiner Populismus und das hat überhaupt keine Auswirkungen", findet Ragnitz.

Bleibt die Frage: Was hilft denn nun gegen die Inflation? Die Antwort in wenigen Sätzen: Wenn überall auf der Welt wieder normal produziert würde, wenn der Warentransport wieder reibungslos liefe, würde das helfen. Wenn Europa wieder reichlich Energie zur Verfügung hätte, brächte das vermutlich noch mehr. Doch bis dahin gilt: Billiger wirds nicht.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 01. Juni 2022 | 06:10 Uhr

170 Kommentare

Erichs Rache vor 9 Wochen

@Tacitus

"In Schulen sollte es ein Fach geben, in dem Basiskenntnisse zur Ökonomie vermittelt werden, darunter auch zur Ursache von Inflation. "

Gibt es schon lange, nennt sich "Wirtschaft, Recht und Technik" (kurz WRT)

Solange es "Experten" wie den ehemaligen EZB-Direktor Jörg Asmussen gibt, der selbst 2013 noch meinte: „Ihr Geld ist sicher vor Inflation“, wird sich auch an der gegenwärtigen Geldpolitik der EZB NIX ändern. :-)

Tacitus vor 9 Wochen

In Schulen sollte es ein Fach geben, in dem Basiskenntnisse zur Ökonomie vermittelt werden, darunter auch zur Ursache von Inflation. Vieles, was hier im Forum steht, ist richtig, hat aber wenig mit den Hauptursachen und ihrer Bekämpfung zu tun. Ich wiederhole: Die Hauptursache für die Inflation bei uns liegt in den Geldpolitik der EZB, die Geld "gedruckt" hat (über Anleihenverkäufe) ohne Gegenwert. Die EZB müsste jetzt energisch mit Zinsschritten reagieren und die Bundesregierung müsste dazu Druck ausüben. Das sagte Prof. H.W. Sinn im Focus vom 15.1.2022, also VOR dem Ukrainekrieg.
Durch die Sanktionen gegen Russland hat sich die Situation verschärft, aber die Ursache ist dies nicht. Die Ablehnung russischer Öl- und Gaslieferungen wird die Preise für Energie, damit für andere Produkte, weiter steigen lassen. Es ist eine gewisse Tragik, dass wir in der jetzt in der Krise eine Regierung haben, die ideologiegetrieben und mit geringem ökonomischen Sachverstand reagiert.

ElBuffo vor 9 Wochen

Jepp, insbesondere die ungelöste Endlagerung ist sicher als Bereicherung der Jungen anzusehen. Von den ganz normalen Risiken dieser Form der Stromerzeugung mal ganz zu schweigen.

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