Klimaneutrales Wohnen Milliardenkosten bei energetischer Sanierung

Deutschland soll bis 2045 klimaneutral werden. Das gilt auch für den Energieverbrauch von Gebäuden. Beim gesamten Gebäudebestand soll durch Wärmedämmung und moderne Heizungsanlagen flächendeckend eine höhere Energieeffizienz erreicht werden. Laut Angaben des Umweltbundesamtes müssten dazu ungefähr zwei Drittel aller heutigen Gebäude saniert werden.

Energetische Sanierung
Planer legen ihren Berechnungen bei Sanierungsvorhaben ein angenommenes Verbrauchsverhalten der Bewohner zugrunde. Doch in der Realität gibt es dann oft Abweichungen. Bildrechte: dpa

Seit Inkrafttreten des novellierten Klimaschutzgesetzes am 31. August 2021 steht fest: 2045 soll der Gesamtbestand aller Häuser und Wohnungen praktisch klimaneutral sein. Einfach gesagt heißt das: Durch den Energieverbrauch in Gebäuden darf die Menge an klimaschädlichen Gasen in der Atmosphäre nicht ansteigen.

Erreicht werden soll das hauptsächlich durch die Kombination zweier Ansätze: zum einen den Einsatz erneuerbarer Energien und klimaneutraler Energieträger und zum anderen durch die energetische Sanierung von Gebäuden. Damit die grüne Energie für die Versorgung aller Gebäude ausreicht, wäre allerdings eine deutliche Steigerung der Energieeffizienz im Gebäudebestand nötig.

Bedarf für energetische Sanierung hoch

Laut aktuellem Gebäudereport der Deutschen Energieagentur (DENA) gibt es hierzulande rund 19 Millionen Wohn- und rund zwei Millionen Nichtwohngebäude – etwa Bürogebäude, Krankenhäuser oder Betriebe. In Anbetracht dieser hohen Zahlen scheint die Aufgabe der energetischen Sanierung extrem aufwendig. Doch wie viele Gebäude müssten in den kommenden Jahren tatsächlich energetisch fit gemacht werden?

Bei der letzten Gebäude- und Wohnungszählung 2011 konnten die heute gültigen Energieeffizienzklassen von Gebäuden noch nicht erhoben werden. Weil also eine exakte Bestandsaufnahme bisher fehlt, können Expertinnen und Experten aktuell nur auf Schätzungen zurückgreifen. Das Umweltbundesamt geht auf Basis seiner Rescue-Studie von 2019 von grob geschätzt 14 Millionen Gebäuden aus.* Damit wären ungefähr zwei Drittel aller heutigen Gebäude bis 2045 zu sanieren. Theoretisch hängt das Erreichen des Klimazieles allerdings nicht an der Sanierung eines einzelnen Gebäudes. Vielmehr ist es entscheidend, dass der Energiebedarf des gesamten Gebäudebestands stark reduziert wird.

Nachrichten

Reporter interviewt Mann 50 min
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50 min

Der Staat fördert Klimaschutz mit gigantischen Förderprogrammen, etwa für Ökostrom, Elektroautos oder Gebäudedämmung. In dieser Folge antwortet Umweltökonom Joachim Weimann. Er sieht viel Geldverschwendung.

MDR AKTUELL Do 15.07.2021 08:00Uhr 49:48 min

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Bestandsaufnahme zur Energieeffizienz im Wohnbereich

Laut Gebäudeenergiegesetz (GEG) ist in der Regel ein Energieausweis nötig, wenn eine Wohnung oder ein Haus verkauft oder neu vermietet werden soll. Der Ausweis gibt die Energieeffizienzklasse eines Gebäudes an. Die höchsten Klassen "A+" und "A" sind mit dem Energiestandard besonders energiesparender Häuser vergleichbar. Wäre dieses hocheffiziente Niveau ab 2045 auch für den gesamten Gebäudebestand erforderlich? Dem Umweltbundesamt zufolge lässt sich verallgemeinert sagen, dass im Durchschnitt alle Gebäude eine Effizienz auf dem Niveau von "A+" und "A" erreichen müssten. Dahinter steht das Ziel, den Druck auf den Ausbau und den Import erneuerbarer Energien nicht weiter zu verschärfen

Miniaturhaus und Energieausweis
Alle ab dem 1. Mai 2021 ausgestellten Energieausweise müssen unter anderem über Angaben zu den Co2-Emmissionen des Gebäudes verfügen. Bildrechte: imago/Christian Ohde

Manfred Neuhöfer arbeitet als Forscher für das Immobilieninstitut F+B und hat von 2017 bis 2020 3,4 Millionen Inserate für den Verkauf und die Neuvermietung von Wohnungen und Häusern hinsichtlich der Energieeffizienzklasse ausgewertet. F+B ist ein privates Forschungsinstitut, das auf Beratungsleistungen für die Immobilienwirtschaft spezialisiert ist. Neuhöfer erklärt: "Da unsere Auswertung repräsentativ ist, gibt sie einen Überblick über die wirkliche Verteilung der Effizienzklassen in Deutschland." Danach hatten 2020 gerade einmal rund 9 Prozent aller Mietwohnungen die höchsten Effizienzklassen "A+ "und "A". Bei Eigentumswohnungen sind es 17 und bei Eigenheimen rund 16 Prozent. "Nach unserem heutigen Wissensstand werden die Klimaschutzziele für den Gebäudebestand nicht erreicht werden können. Außerdem verbrauchen auch top-sanierte Gebäude immer mehr, als die Planer berechnet haben. Das liegt in erster Linie am Verbrauchsverhalten der Bewohner, die sich nicht an die zugrunde gelegten Normen halten", sagt Neuhöfer.

Verteilung der Energieeffizienzklassen im Wohnbestand 2020

Quelle: F+B Forschung und Beratung für Wohnen, Immobilien und Umwelt GmbH
 

Mietwohnungen


Eigentumswohnungen


Eigenheime
Energieeffizienz-klassen

(Energieverbrauch in kWh/m² im Jahr)
     
A+

(unter 30)
4 % 8.6 % 8,6%
A

( 30 bis unter 50)
5.3 % 8.4 % 7,2%
B         

(50 bis unter 75)
14.3 % 11.7 % 8,8%
C         

(75 bis unter 100)
21 % 16.7 % 10,0%
D

( 100 bis unter 130)
24.4 % 22.8 % 14,0%
E          

(130 bis unter 160)
15.5 % 15.1 % 12,8%
F          

(160 bis unter 200)
9.7 % 9.2 % 13,4%
G         

(200 bis unter 250)
4.0 % 4.2 % 10,9%
H         

(über 250)
1,9 % 3.2 % 14,3%

Fördermittel als Anreiz

Eine Pflicht für Eigentümer zur energetischen Sanierung besteht nicht. Der Staat kann lediglich mit einem Anreizsystem, etwa durch finanzielle Förderung, regulierend eingreifen. 2020 konnte im Gebäudesektor die im Klimaschutzgesetz festgelegte Jahresmenge für CO2-Emissionen nicht eingehalten werden. Deshalb hat das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie für 2021 die Mittel für die Gebäudeförderung erhöht. 11,5 Milliarden Euro insgesamt können theoretisch bis Ende des Jahres für die energetische Gebäudesanierung abgerufen werden. Dazu meint Neuhöfer: "Es ist richtig, dass die Politik ökonomische Anreize für energetische Sanierungen gibt. Angesichts des Finanzbedarfs ist das aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Eigenheimbesitzer mit über 70 Jahren etwa wollen und dürfen oft keinen Kredit mehr für eine energetische Sanierung aufnehmen."

Sanierungskosten im Gebäudesektor

Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) geht von einem Kostenaufwand von 636 Milliarden für den Wohnbereich und weiteren 187 Milliarden Euro für Nichtwohngebäude aus, um den Gebäudebestand in Deutschland klimafit zu sanieren. Zu diesen Ergebnissen komme eine Studie im Auftrag der KfW Research, die laut Aussage der Förderbank auf Daten des Statistischen Bundesamtes zurückgreife.**

Die Kostenschätzungen hält Dietmar Walberg für viel zu niedrig angesetzt. Er ist Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e.V. und als Berater verschiedener Landesregierungen und Ausschüsse zum Thema bezahlbarer Wohnraum tätig. "Es würde zwei bis vier Billionen Euro kosten, einen so großen Teil der Gebäude hocheffizient zu machen. Das ist einfach nicht zu realisieren", gibt Walberg zu bedenken. Seine Schätzungen basieren auf Auswertungen von Modernisierungsaktivitäten im Wohnungsbau der letzten zehn Jahre. Die Idee energieeffizienter Gebäude, so Walberg weiter, sei nicht falsch. Ab einem bestimmten Effizienzstandard sei der Einspareffekt in der Praxis jedoch kaum noch messbar, auch wenn der energetische Standard weiter erhöht wird. Das zusätzliche Einsparpotential werde allgemein überschätzt. Walberg sagt: "Es ist daher verfehlt, die Anforderungen an Gebäude weiter zu steigern Die Kernaufgabe besteht vielmehr darin, mehr grüne Energie bereitzustellen, um Klimaneutralität im Gebäudebestand zu erreichen. Der Kostenaufwand dafür wäre viel geringer, als so viele Häuser hocheffizient zu sanieren."

So viel Energie verbrauchen Gebäude in Deutschland

Zusammen verbrauchten nach Angaben der Deutschen Energieagentur (DENA) alle Gebäude in Deutschland 2019 circa 855 Terrawattstunden Endenergie. Das entspricht rund 34 Prozent des gesamtdeutschen Endenergieverbrauchs in diesem Jahr.*** Dabei werden über 80 Prozent der Energie in Wohngebäuden vor allem zur Herstellung von Raumwärme und Warmwasseraufbereitung benötigt. Zwei Drittel der gesamten Gebäudeenergie wurden von Wohngebäuden, der Rest von Nichtwohngebäuden verbraucht.

Laut Angabe des Umweltbundesamtes lag 2020 der Anteil der erneuerbaren Energien am Bruttoendergieverbrauch in Deutschland bei rund 19 Prozent. Der Bruttoendenergieverbrauch zeigt den Endenergieverbrauch an Strom, Wärme und Kraftstoffen plus der Umwandlungs- und Übertragungsverluste an

Fußnoten:

*Angabe bezieht sich auf die Ergebnisse im GreenSupreme-Szenario der RESCUE-Studie von 2019.

** Die Studie wurde im Auftrag von KfW Research von Prognos, Nextra Consulting sowie dem Institut für nachhaltige Kapitalanlagen (NKI) durchgeführt und geht von rund 19 Millionen Wohngebäuden und rund 2,7 Millionen Nichtwohngebäuden aus, von denen rund 60 Prozent saniert werden müssen.

*** Endenergie ist derjenige Teil der Energie, der dem Verbraucher nach Abzug von Übertragungs- und Umwandlungsverlusten der im Kraftwerk bereitgestellten Energie zur Nutzung zur Verfügung steht.

Quelle: MDR-Wirtschaftsredaktion/dv

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 05. November 2021 | 06:00 Uhr

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