Vorbereitung für Krisenfälle Krankenhaus-Finanzierung: Was ist die Lehre aus Corona?

In Sachen Corona ist Deutschland in der ersten Jahreshälfte glimpflich davon gekommen: Während anderswo die Gesundheitssysteme heillos überlastet waren oder es noch immer sind, blieben in deutschen Krankenhäusern Intensivbetten leer. Das bedeutete aber auch Einnahmeverluste für Kliniken. Denn eigentlich ist das Vorhalten von Kapazitäten oder Schutzmaterialien in der Krankenhaus-Finanzierung nicht vorgesehen. Was ist also die Lehre aus der Pandemie? Muss das System hier neu geregelt werden?

Blick durch eine Glastür auf zwei Krankenschwestern im Krankenhaus.
Wie könnten die Vorhaltekosten von beispielsweise Krankenhausbetten und Schutzkleidung in Kliniken besser finanziert werden, um auf den Krisenfall vorbereitet zu sein? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über diese Hilferufe dürften sich zu Beginn der Corona-Pandemie so einige Leute gewundert haben: Bundesweit mangelte es Krankenhäusern an Schutzkleidung für die Behandlung infektiöser Patienten. Aber warum haben Krankenhäuser keine Schutzkleidung für so einen Krisenfall auf Lager?

Eine Person in medizinischer Schutzkleidung macht bei einem kleinen Jungen, der auf dem Schoß seiner Mutter sitzt, einen Rachenabstrich.
Zu Beginn der Corona-Pandemie mangelte es an Schutzkleidung in Krankenhäusern. Das liegt vor allem am Finanzierungssystem. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein Hauptgrund: In der Finanzierung über die sogenannten Fallpauschalen sind bisher keine Mittel für das Vorhalten von Schutzkleidung, Betten oder Personal für den Krisenfall vorgesehen, erläutert Gesundheitsökonomie-Professor Andreas Beivers von der Hochschule Fresenius. Über die Fallpauschalen könnten sie nur die Betriebskosten abrechnen: Für jeden Patienten gibt es eine feste Summe.

Andreas Beivers erklärt, dass so primär ein stattgefundenes Leistungsgeschehen vergütet werde. Das heiße, eine Fallpauschale könne nur dann abgerechnet werden, wenn der Fall auch in der Klinik war. Er meint aber, man müsse erkennen, dass Gesundheitsversorgung viel mit Vorhalteleistungen zu tun habe. Die Kosten dafür müssten eigentlich die Länder übernehmen. Die seien nämlich für Investitionskosten zuständig, sagt Andreas Beivers. Doch die Corona-Krise habe gezeigt, dass das nicht funktioniere. Deshalb müsse das Finanzierungssystem in diesem Punkt überdacht werden.

Was könnte anders laufen?

Darin dürfte ihm auch der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, zustimmen. Er fordert, dass Länder und Krankenkassen die Vorhaltekosten künftig in die Krankenhaus-Finanzierung einkalkulieren sollen.

Wenn es beispielsweise ein gewisses Maß an Bettenkapazität gebe, das nicht genutzt werde, dann würden diese Kosten in die Gesamtkosten mit einfließen und sich dann verteilen, sagt Klaus Reinhart. Die Vorhaltekosten verteilen sich dann auf die Investitionskosten und sind somit Sache des Steuerzahlers und in Teilen auch Betriebskosten. Diese seien dann in die Fallpauschalen einkalkuliert und können gegenüber den Krankenkassen zur Abrechnung gebracht werden.

Auch die Krankenkassen sollten also einen Teil dieser Kosten übernehmen.

Auch Krankenkassen offen für Veränderung

Bei den Krankenkassen zeigt man sich zumindest offen für eine Diskussion darüber, wie das System künftig flexibler gestaltet werden könnte. Generell wollen die Kassen aber an den Fallpauschalen festhalten, sagt Florian Lanz, Sprecher des Spitzenverbands Bund der Krankenkassen: "Selbstverständlich müssen wir alle miteinander aus der Pandemie lernen und wir müssen schauen, wie kann das Fallpauschalen-System, was sich grundsätzlich bewährt hat, weiterentwickelt werden, denn das Gesundheitssystem ist kein statischer Bereich."

Allerdings sei die Katastrophenvorsorge eigentlich Aufgabe des Staates und könne nicht allein von den Versicherten finanziert werden, ergänzt Florian Lanz. Das sieht man bei der Gewerkschaft Verdi ähnlich, zieht aber ganz andere Schlüsse: Hier will man die Fallpauschalen gern ganz abschaffen.

Verdi für Wiedereinführung des Selbstkostendeckungsprinzips

Die Sprecherin für Gesundheitspolitik, Grit Genster, betont, dass Krankenhäuser genauso wie etwa die Feuerwehr eine Einrichtung der Daseinsvorsorge seien und entsprechend behandelt werden müssten.

Wir brauchen ein komplett neues System.

Grit Genster Sprecherin für Gesundheitspolitik der Gewerkschaft Verdi

Das Selbstkostendeckungsprinzip, was es jetzt für die Pflege gebe, sei eine gute Grundlage, sagt Grit Genster und ergänzt, dass das auch nicht teurer seien müsse.

Verdi plädiert für ein optimiertes Selbstkostendeckungsprinzip. Das gab es schon einmal vor der Einführung der Fallpauschalen. Dabei mussten alle Kosten, die anfielen, bezahlt werden. Sie wurden auf die Betten umgelegt. Für jedes Bett gab es einen Tagessatz. Der Nachteil daran war, dass manche Kliniken Patienten länger auf Station behielten als eigentlich nötig.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 18. August 2020 | 07:09 Uhr

3 Kommentare

ElBuffo vor 38 Wochen

Im Artikel kam eigentlich schön rüber, dass die Kassen nur für die Behandlung bezahlen und das eben kein Marktpreis ist. Dafür sind sie da und das bezahlen sie auch ausreichend. Nun versucht aber der zweite Beteiligte der Krankenhausfinanzierung aus diesen laufenden Kosten auch noch etwas für die Investitionskosten abzuzwacken, für die aber eigentlich und auch uneigentlich er selbst zuständig ist. Das kann natürlich nicht funktionieren.
Sozialistisch hoch vier ist das, was der Gewerkschaft vorschwebt. Einfach die Kosten bezahle. Das würde auch bedeuten, dass die selbst dann ihre Kosten, erstattet bekämen, wenn die Null abliefern. Und darauf würde es dann auch hinauslaufen. Warum einen Handschlag tun, wenn es die Kohle auch anstrengungslos gibt?
Schlechte Stimmung unter dem Personal beobachtet man vor allem dort, wo die sozialistischen Produktionsbedingungen langsam an die Realität herangeführt werden.

x6bernd vor 38 Wochen

MDR, lasst das Deckmäntelchen Corona einach fallen und liegen. Kein Gesundheitswesen auf der ganzen Welt durfte und darf privatisiert und damit profitorientiert sein. Das ist der eigentliche Krebsschaden.

Wikreuz vor 38 Wochen

In einem kapitalistischen System bildet sich der Preiß am Mark. Ein schlecht wirtschaftender Betrieb muss Konkurs anmelden.
Beides ist in dem System der Fallpauschalen nicht vorgesehen. Der Preiß wird am "Grünen Tisch" festgelegt!.... Ich habe dieses System als "Sozialistisch hoch vier "
bezeichnet...... Es kann nicht funktionieren. Dazu kommen viele Nachteile... Schlechte Stimmung unter dem Personal, da ständig versucht wird. die Personalkosten zu drücken, z. b durch Auslagerung von Teilbereichen in Fremdfirmen mit Sub, Sub -Unternehmer.

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