Eine Rentnerin sitzt an ihrem Schreibtisch und schaut sich am PC Aktien-Charts an
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Altersdiskriminerung Studie: Ältere Menschen oft pauschal von Kreditvergabe ausgeschlossen

26. September 2023, 13:59 Uhr

Ältere Menschen haben es in Deutschland immer schwerer, Kredite zu bekommen. Das geht aus einer neuen Studie zu Altersdiskriminierung hervor. Durch zunehmend standardisierte Verfahren würden Kreditanträge von Senioren oft ohne individuelle Prüfung abgelehnt werden. Denn mit fortschreitendem Alter werde die Rückzahlungswahrscheinlichkeit geringer. Filialschließungen erschweren zudem die Beratung für ältere Kreditnehmer.

Für ältere Menschen wird es in Deutschland immer schwerer, Kredite oder Versicherungen zu bekommen. Das geht aus einer am Dienstag veröffentlichten Studie zur Altersdiskriminierung des Instituts für Finanzdienstleistungen (iff) hervor, die vom Bund gefördert wurde.

Kreditvergabe: Durchschnittliche Altersgrenze bei 67 Jahren

Bei einer stichprobenartigen Umfrage unter 100 Banken und Versicherungen bestätigten 55 Prozent, dass es Altersgrenzen bei der Vergabe von Konsumkrediten gebe. Bei Immobilienkrediten seien es sogar 71 Prozent.

Die Altersgrenzen lägen im Durchschnitt bei 67 Jahren, heißt es in der Studie. Den Autoren zufolge spielt das Alter der beantragenden Personen bei der Kreditvergabepraxis eine "benachteiligende Rolle".

Filialschließungen und Digitalisierung erschweren Zugang zu Beratung

Die in Folge der Corona-Pandemie zunehmenden Filialschließungen von Banken würden zudem vor allem älteren Menschen den Zugang zur Beratung für einen Kredit erschweren. So gaben 48 Prozent der Befragten an, dass Filialen geschlossen worden seien, meist im ländlichen Raum.

Auch die Digitalisierung und die zunehmende Vermittlung von Krediten durch Dritte, etwa durch Online-Kreditportale, führen dazu, dass Kreditanträge von älteren Personen zum Teil ohne individuelle Prüfungen abgelehnt würden. Grund dafür sei die sinkende Rückzahlungswahrscheinlichkeit mit zunehmendem Alter.

Antisdiskriminierungsbeauftrage: Studie ist Warnsignal

Ferda Ataman, Unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung
Die Antidiskriminierungsbeauftrage Ferda Ataman zeigt sich über die Ergebnisse der Studie besorgt. Bildrechte: dpa

"Die Studie des Instituts ist ein Warnsignal, weil sie zeigt, dass ältere Menschen oft pauschal keine Kredite mehr bekommen", sagte die Unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung, Ferda Ataman, zu den Ergebnissen. "Das kann dazu führen, dass viele ältere Hausbesitzerinnen und Hausbesitzer, die zum Beispiel ihre Heizung erneuern müssen, ernsthafte Probleme bekommen werden."

Ataman bekräftigte, Banken sollten auch in Zukunft selbst entscheiden können, unter welchen Bedingungen sie Kredite vergeben. "Aber pauschale Ablehnungen wegen des Alters – die sind falsch", sagte sie.

Momentan kein Schutz vor Altersdiskriminierung bei Kreditvergabe

Die Autoren der Studie betonen, dass die Zurückhaltung der Banken bei der Kreditvergabe nach geltender Gesetzeslage keine Altersdiskriminierung sei – auch dann nicht, wenn sie pauschal und ohne individuelle Prüfung zustande komme. Denn das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) gewähre momentan keinen umfassenden Schutz vor altersbedingten Benachteiligungen bei Verbraucherkrediten. Grund seien Ausnahmeregelungen im Gesetz, die einen Schutz vor Diskriminierung ausschließlich bei sogenannten "Massengeschäften" gewähren. Nicht alle Kreditverträge könnten jedoch rechtlich als Massengeschäft eingeordnet werden.

"Ältere Menschen sollten bei entsprechenden Sicherheiten Geld bekommen können", forderte Ataman. Sie schlug deshalb behutsame Konkretisierungen im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz vor. Verbraucherinnen und Verbraucher müssten die Möglichkeit bekommen, dass ihre Kreditwürdigkeit individuell überprüft werde. Außerdem sollten Banken und Versicherungen in Zukunft Ablehnungen von Krediten transparenter begründen müssen.

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