Speditionen Logistikbranche befürchtet Insolvenzwelle – Angst vor leeren Regalen

Der Krieg in der Ukraine hat auch Folgen für die deutsche Logistikbranche. Viele Speditionen stehen angesichts der hohen Dieselpreise kurz vor der Insolvenz, warnt der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung. Ohne ein Soforthilfeprogramm der Bundesregierung würden bald die Supermarktregale leer bleiben, erklären die Spediteurinnen und Spediteure. Wer kann und soll einspringen? Die Zulieferbetriebe oder die Steuerzahler?

Lastkraftwagenfahrer Petr aus Belarus sitzt in seinem LKW auf der A2 Autobahnraststätte Lehrte.
Durch den Krieg in der Ukraine fallen nicht nur Lkw-Fahrer aus - insbesondere die steigenden Spritpreise machen Logistik-Unternehmen zu schaffen. Bildrechte: dpa

Spediteur Detlef Benecke aus Wittenberge in Brandenburg hat genug. Er wisse nicht, wie er noch bis zum Sommer seine 30 Beschäftigten bezahlen soll: "Wir müssen jeden Morgen kalkulieren, ob es sich überhaupt noch lohnt rauszufahren." Für einen Liter Diesel hätte er heute Morgen an der Zapfsäule 2,34 Euro zahlen müssen.

Detlef Bennecke vor einem LKW
Detlef Benecke vor einem LKW Bildrechte: Martina Bennecke

Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass ein Ende des Preisanstiegs noch nicht in Sicht ist. Der Ukraine-Krieg belastet den ohnehin schon gestiegenen Ölpreis massiv. Da russisches Öl am Rohölmarkt kaum nachgefragt wird, steigen die Preise für das übrige schwarze Gold. Panikkäufe bei Heizöl und Personalmangel in der Transportbranche tun ihr übriges.

Erschwerend kommt hinzu, dass viele Lkw-Fahrer auf deutschen Straßen einen ukrainischen Pass haben und jetzt im Krieg ausfallen. Bei mindestens 7 Prozent der in Deutschland eingesetzten LKW saßen 2021 ukrainische Staatsbürger hinter dem Steuer, erklären die Branchenverbände.

Soforthilfe oder leere Regale

"Es ist Viertel nach 12. Wir haben keine Zeit mehr", sagt Dirk Engelhardt, Vorstandssprecher des Bundesverbands Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) am Donnerstag. Die Situation der deutschen Logistik und Transportbranche sei schon vor dem Einmarsch russischer Truppen in der Ukraine sehr angespannt gewesen.

Für viele der etwa 57.000 deutschen Transport- und Logistik-Unternehmen gehe es jetzt ums nackte Überleben. Denn über 30.000 dieser Unternehmen seien mittelständisch, hätten also nur bis zu neun Beschäftigte und könnten die Preissteigerungen nicht mehr abfangen. Gerade kleine Unternehmen stünden jetzt vor der Insolvenz.

Engelhardt sieht die Bundesregierung in der Pflicht und fordert einen staatlich subventionierten Gewerbediesel und einen Rettungsschirm. Wenn die Politik nicht sofort handele, sei die Versorgung von Bevölkerung und Wirtschaft in Gefahr, so Engelhardt. Die Drohkulisse: staatliche Regulierung oder leere Supermarktregale.

Die Suche nach der Spritpreisbremse

Während manche Expertinnen und Experten bereits Preise von drei Euro für einen Liter Diesel prophezeien, streiten sich Bundesregierung und Opposition seit Tagen über den richtigen Weg aus der Krise. Saarlands Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) postete am Dienstag im Wahlkampfmodus ein Video auf Twitter, in dem er die "irren Spritpreise" anprangerte und dem Staat vorwarf sich an den gestiegenen Energiekosten "zu bereichern". Weiter forderte Hans eine sofortige Spritpreisbremse. Die Kritik an seinen Äußerungen kam postwendend. Als Ministerpräsident müsste Hans wissen, "dass #Steuern unsere Demokratie finanzieren", antwortete die saarländische Grünen-Spitzenkandidatin Lisa Becker auf Twitter.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) fordert eine temporale Senkung der Mehrwertsteuer, von 19 auf 7 Prozent, die nach "einer gewissen Zeit" angehoben werden könne. Detlef Müller, verkehrspolitischer Sprecher und stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion im Bundestag, glaubt nicht, dass temporäre Steuersenkungen in der jetzigen Situation überhaupt möglich sind. "Die Preise werden so bald nicht sinken", meint er. "Wenn dann der Spritpreis bei drei Euro liegt, wird niemand die Steuersenkung einfach so zurücknehmen können. Das würde sehr teuer werden."

Die Preise werden so bald nicht sinken. Und wenn dann der Spritpreis bei drei Euro liegt, wird niemand die Steuersenkung einfach so zurücknehmen können.

Detlef Müller Stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion

Auch die CO2-Steuer wird von der Union zur Disposition gestellt. Eine Abschaffung der CO2-Abgabe scheint jedoch mit der Ampelregierung nicht machbar zu sein. Die CO2- Steuer macht derzeit etwa einen Anteil von 10 Cent pro Liter aus. Angesichts dieses vergleichsweise geringen Anteils, würde die Streichung der CO2-Abgabe auch nicht den von der Branche gewünschten Effekt erzielen.

Mehrwertsteuersenkung hilft nur Privatpersonen

Was Pendler und privaten Autofahrerinnen und Autofahrern direkt entlasten könnte, gilt nicht für Unternehmen, warnt die Logistikbranche. "Jetzt nur die Mehrwertsteuer zu senken, wäre Lug und Trug", meint der Nordhäuser Spediteur Hans-Dieter Otto. Die Mehrwertsteuer könnten Unternehmen ohnehin steuerrechtlich absetzen. An der jetzigen Preisexplosion würde das für die Betriebe also kaum etwas ändern, so Otto.

BGL Vorstands-Sprecher Engelhardt sieht das ähnlich. Eine Mehrwertsteuersenkung reiche nicht aus. Nur ein staatlich subventionierter Dieselpreis könne die Branche retten. Die gewünschten Fördersummen der Speditionsunternehmen sind enorm. Laut Engelhardt wäre ein Gewerbe-Dieselpreis von 1,30 Euro pro Liter eine gute Zwischenlösung, bis Politik Zulieferer und Großkunden neue Lösungsansätze gefunden hätten.

Zahlen bitte - Freier Markt oder Fiskus?

Wer soll also zahlen? Laut Logistikverbänden könnten Zulieferbetriebe, und Supermärkte die Preissteigerungen nicht ad hoc kompensieren. Drohende Insolvenzen seien so nicht zu verhindern.

MdB Detlef Müller
Detlef Müller Bildrechte: imago images/HärtelPRESS

Detlef Müller (SPD) sieht das anders. Leere Supermarktregale seien nicht zu befürchten, denn besagte Supermärkte und Zulieferer könnten die gestiegenen Spritpreise kompensieren. Zurzeit würden sich SPD, Grüne und FDP über Hilfsprogramme für Logistikbranche und Privatpersonen beraten. Mit Ergebnissen sei frühestens Ende der kommenden Woche zu rechnen. Wichtig sei es jetzt vor allem Geringverdienenden zu helfen, so Müller weiter. Sie würden durch die hohen Spritpreise am härtesten getroffen.

Somit ist klar: der Ukraine-Krieg und die gestiegenen Spritpreise werden sich dann nicht nur auf die Preise an den Zapfsäulen auswirken, sondern auch viele Waren des alltäglichen Bedarfs verteuern. Denn egal mit welchen Mitteln am Ende die steigenden Spritpreise bekämpft werden sollten, ob durch Subventionen aus der Staatskasse oder durch höhere Kosten für die Supermarktketten und Zulieferdienste – am Ende werden Verbraucherinnen und Verbraucher für den Ukraine-Krieg draufzahlen müssen. Supermarktketten und Zulieferer werden es sich nicht nehmen lassen, die Teuerung an ihre Kundinnen und Kunden weiterzureichen.

Leer werden also wahrscheinlich nicht die Supermarktregale sein, leerer werden nur die Portemonnaies auf Verbraucherseite.

MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 10. März 2022 | 16:00 Uhr

Mehr aus Wirtschaft

Mehr aus Deutschland

Zwei Männer knieen neben einem Moped 4 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK