Gesetzentwurf Ab 2022 verboten: Küken töten – und dann?

Sie sind ein Abfallprodukt der Eierproduktion: männliche Küken. Millionenfach werden sie getötet, weil sich mit ihnen kein Geld verdienen lässt. Ein im Mai verabschiedetes Gesetz soll das ändern.

Auf den Weg gebracht hat das Gesetz Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner von der CDU. Sie sagt:

Es darf nicht sein, dass Tiere, nur weil sie ein bestimmtes Geschlecht – angeblich das falsche Geschlecht – haben, nach dem Schlüpfen sofort getötet werden. Damit machen wir Schluss.

Können wir also ab dem 1. Januar 2022 wieder guten Gewissens unser Frühstücksei genießen? Möglicherweise ist es gar nicht so einfach, wie die Ministerin meint.

Warum werden Küken getötet?

Küken
Eier sollen sie legen, diese Küken. Männliche Küken sind dafür aber nicht zu gebrauchen. Bisher werden sie nach dem Schlüpfen mit CO2 "eingeschläfert". Bildrechte: MDR/Daniel Berg

Klare Antwort: Wegen der Eier. 12,9 Milliarden Eier verbrauchen Deutsche pro Jahr. Für die Produktion werden fast 43 Millionen speziell für diesen Zweck gezüchtete Legehennen gehalten. Aber es schlüpfen nicht nur weibliche Küken, sondern auch männliche Küken, die sogenannten Bruderhähne. Sie werden aussortiert und getötet, weil sie später keine Eier legen. Und selbst wenn man sie aufziehen würde, der Hahn dieser Züchtungen taugt, weil er so schmächtig ist, auch nicht als Fleischlieferant. Das Tier ist also ein Abfallprodukt der Eierindustrie.

Anfang der Eierproduktion: Brüterei

In der Brüterei von Markus Brormann und seiner Frau werden pro Jahr zirka drei Millionen Eier ausgebrütet, allesamt aus der Region. Die nächsten Eier werden kommende Woche geliefert. Es gibt viel vorzubereiten. Normalerweise seien 150 Eier in einem Kasten, 4.800 Eier pro Wagen, die allesamt schlüpfen. Die weiblichen Küken verkauft Markus Brormann an Aufzuchtbetriebe in der Umgebung, die männlichen, die sogenannten Bruderhähne also, werden gleich nach dem Schlüpfen nebenan mit C02 getötet, "eingeschläfert", und später in Falknereien verfüttert. 

Brüter Markus Brormann
Er wolle keine Küken töten, doch was sei die Alternative?, fragt Brüter Markus Brormann. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Markus Brormann erklärt: "Ich würde sehr gerne aufhören, Küken zu töten, es macht ja keine Freude, wenn man Küken brütet und muss gleich die männlichen am ersten Tag töten. Aber ich muss doch eine Alternative haben." Wenn die männlichen Küken nicht mehr getötet werden dürfen, könne er die Brüterei nicht mehr betreiben. Er müsse dann schließen.

Deutschland erstes Land mit Tötungsverbot für Küken

Markus Brormann sieht keine Alternative. Er könnte die Küken auch im Ausland töten lassen. Die langen Transportwege findet der Landwirt jedoch aus Tierwohlsicht bedenklich:

Das ist eigentlich nicht mein Ding, dass ich Küken in eine Kiste packe, die dann Tage lang in einer Kiste sitzen und letztendlich doch nur getötet werden.

Markus Brormann, Brüterei

Deutschland ist innerhalb Europas das erste Land mit einem Tötungsverbot für Küken. In den Nachbarländern ist es noch erlaubt. Markus Brormann könnte weibliche Küken aus dem Ausland importieren, aber das würde ebenfalls lange Fahrtzeiten bedeuten. 

Was passiert mit Bruthähnen?

Manfred Pöppel ist seit rund 50 Jahren Inhaber einer Fachtierarztpraxis für Geflügel. Er begrüßt ein Ende des Kükentötens, fragt sich aber, was mit den Bruderhähnen passieren soll:

"Das Problem ist, dass wir im Augenblick nicht wissen, an wen wir dieses Produkt, den Bruderhahn, verkaufen sollen. Wenn so ein Stall wie dieser hier in irgendeiner Weise noch mit Bruderhähnen vollgesetzt werde würde, dann brauchen wir doppelt so viel Stallfläche. Und das sind ungefähr 550 Ställe in Deutschland. Bei der augenblicklichen Tendenz der Baugenehmigung gibt es keine", sagt Pöppel.

Blick ins Ei

Wäre ein Blick ins Ei nicht die Lösung? Das gibt es bereits: Eine Hightech-Maschine in den Niederlanden kann das. Sie entnimmt dem befruchteten Ei einen winzigen Tropfen, aus dem man das Geschlecht auslesen kann. Entwickelt wurde sie von der deutschen Firma Respeggt, die Grundlagenforschung dazu stammt von der Universität Leipzig und wurde mit öffentlichen Geldern gefördert. Geschäftsführer bei Respeggt ist Ludger Breloh. Auf die Frage, ob Respeggt das Unternehmen der Stunde sei, antwortet er:

Ludger Breloh von Respeggt steht im weißer Arbeitsschutzkleidung in einer Halle
Respeggt – das Unternehmen der Stunde? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Wir sind vielleicht das Unternehmen der Stunde, aber wenn man sich das Gesetz genau anguckt, ist es ein zweischneidiges Schwert. Es verbietet zwar das Kükentöten ab 2022 in deutschen Brütereien, aber es erlaubt auch ab 2021 nur noch Geschlechtsbestimmungsverfahren, die bis zum Tag sechs operieren. Unser Seleggt-Verfahren, von dem wir hier stehen, dass die neueste Generation dieses Verfahrens ist, kann das Geschlecht eines Bruteis als am achten, neunten Tag des Brutprozesses bestimmen." 

Das neue Gesetz besagt, Kükentöten ist definitiv verboten. Gleichzeitig sagt es aber auch, wenn man das Geschlecht im Ei bestimmen möchte, darf man das Ei ab dem siebten Tag nicht mehr anfassen. Das hängt mit dem Schmerzempfinden des Embryos zusammen. Denn wissenschaftlich sicher ist, dass spätestens ab dem 14. Tag ein Embryo im Ei Schmerzen empfindet. Zwischen dem siebten und diesem 14. Tag ist allerdings eine Grauzone. Da ist sich die Wissenschaft nicht einig. Aktuell gibt es also kein Verfahren am Markt, das diesem deutschen Gesetz gerecht werden könnte.

Erst Teil der Lösung – dann nicht mehr?

Frau Klöckner hat das Respeggt-Verfahren regelmäßig als Teil der Lösung vorgestellt. Ludger Breloh sei auch deshalb überrascht über den Gesetzentwurf gewesen. Und das hatte eine Konsequenz: Denn eigentlich war geplant in Nordrhein-Westfalen eine große Anlage zu bauen, mit der man millionenfach Bruteier hätte bestimmen können. Hätte – denn mit dem Tag sechs im Gesetz hat die Firma das Vorhaben gestoppt und ist ins Ausland abgewandert. Der Geschäftsführer erklärt weiter: "Ich gehe davon aus, dass die verbleibende Zeit der nächsten zwei Jahre nicht ausreicht, dass jemand ein massenmarkttaugliches Verfahren, das am sechsten Bruttag arbeitet, der Öffentlichkeit vorstellen wird."

Im Landwirtschaftsministerium ist man optimistischer. Die Ministerin hat keine Zeit für ein Interview, deshalb teilt man MDR exakt schriftlich mit:

Der durch unsere Förderung erfolgte technische Fortschritt geht weiter und lässt darauf schließen, dass sich Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Ei vor dem siebten Bruttag ab Ende 2023 etablieren lassen bzw. weitere Technologien eine Marktreife innerhalb des genannten Zeitraums erlangen können.

Das heißt man hat Millionen investiert, ein Gesetz erlassen und spekuliert nun, dass es die Technik bis 2024 richten wird. Sollte das nicht klappen, was dann? Dazu schreibt das Ministerium: "Zum jetzigen Zeitpunkt aber über etwaige Schlussfolgerungen zu spekulieren, wäre nicht seriös."

Zukunftskommission Landwirtschaft

Seit 2019 ist Kai Niebert Mitglied der Zukunftskommission Landwirtschaft, dazu ist er Nachhaltigkeitsforscher und Präsident des deutschen Naturschutzrings. Die Zukunftskommission ist ein gesellschaftlich breit aufgestelltes Gremium, das der Bundesregierung Vorschläge für eine sinnvolle Gestaltung der Landwirtschaft vorgelegt hat. Kennt Niebert einen Ausweg?

Ein grundsätzlicher Weg wäre, mal auszubrechen, aus diesem Prinzip "höher, schneller, weiter" und wieder zurückzugehen. Da, wo wir in den 60er-Jahren zum Beispiel waren. Eben das ein Huhn sowohl für Fleisch als auch für die Eierproduktion zuständig ist.

Prof. Kai Niebert, Technisch Naturwissenschaftliche Hochschule Zürich

Aber: "Das funktioniert eben nicht mit 12 Milliarden Eiern. (...) Wir brauchen weniger Fleisch, weniger Eier, weniger Milchprodukte. Nur so werden wir sowohl unsere Umweltziele, die Klimaziele als auch am Ende die Gesundheitsziele einhalten können. Der Kommission ist das klar, aber im Ministerium ist es noch nicht angekommen. Und das genau zeigt dieses Gesetz."

Sind Zweitnutzungshühner die Lösung?

Könnte das sogenannte Zweitnutzungshuhn eine Lösung sein? Inke Drossé vom Deutschen Tierschutzbund sagt, genau das sei bis in 1960er Jahre die übliche Lösung gewesen: "Da wurden die Hennen zur Eierproduktion gehalten werden und die Hähne ebenso zur Mast. Das heißt also beide Geschlechter werden genutzt, die Leistung ist moderat. Das heißt also die zuchtbedingten Tierschutzprobleme, die bei den Hochleistungstieren auftreten, finden sich beim Zweinutzungshuhn nicht." Ein weiterer Vorteil sei, dass die Probleme um die Bruderhähne nicht auftauche.

Ein Ei wird in die Kamera gehalten, der Rest ist verschwommen
Aktuell sorgen 42,9 Millionen Legehennen für 12,9 Milliarden Eier. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Peter Meister ist der Inhaber eines Biolandhofs. In dem Familienbetrieb leben derzeit um die 1.000 Hähne dieser Zweinutzungsrasse. Das Zweinutzungshuhn sei für ihn ein guter Kompromiss: Zwar weniger Eier vom Huhn, dafür mehr Fleisch beim Hahn, der mit aufgezogen wird. Aber auch er sieht Probleme: "Wir arbeiten seit circa zehn Jahren daran, Rassen zu finden, wieder neu zu regenerieren, um eine leistungsfähige Hühnerrasse zu kreieren – das ist natürlich vom Zucht-Aufwand zeitlich und kostenmäßig enorm. Deswegen haben wir auch noch nicht das Huhn vielleicht parat, was für alle Betriebe tauglich wäre."

Zur Erinnerung: Aktuell sorgen 42,9 Millionen Legehennen für 12,9 Milliarden Eier. Würden wir das auf Zweinutzungshühner umstellen, brauchen wir 51,6 Millionen Zweinutzungshennen. Deutlich mehr Tiere also. Und das würde mehr Fläche, mehr Futter – mehr Umweltbelastung – bedeuten. Aber immerhin könnten deren Brüder dann leben. Zumindest bis sie für ihr Fleisch geschlachtet werden.

Quelle: MDR exakt/nvdw

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 11. August 2021 | 20:15 Uhr

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