Corona-Krise Messen hoffen auf den Herbst

Deutschlandweit sind wegen der Corona-Pandemie viele Messen abgesagt worden. Das ist nicht nur für die Veranstalter ein Problem. Experten befürchten, dass durch Messe-Absagen mehr als 76.000 Arbeitsplätze bedroht sind.

Kinder spielen mit Technik-Baukasten
Die "modell-hobby-spiel" ist nach Angabe der Leipziger Messe eine der größten Messen für Modellbau und Spielzeug in Deutschland. Sie soll – nach aktuellem Stand – vom 2. bis 4. Oktober stattfinden. Bildrechte: Leipziger Messe/Tom Schulze

Statt Messeständen fertigt Michael Jakubek gerade Spuckschutzwände für Verkaufstresen und Flächentrenner für Geschäfte, die größer sind als 800 Quadratmeter. Jakubek ist Chef des Leipziger Messebauers Lüco, und eigentlich sollte jetzt Hochsaison für ihn sein. Im Frühjahr macht er, in normalen Zeiten so bis Juni etwa, einen Großteil seines Jahresumsatzes. Allein die Leipziger Buchmesse hätte ihm 30.000 Euro gebracht – viel für den kleinen Betrieb mit zehn Mitarbeitern. Aber weil die Buchmesse wie viele andere Veranstaltungen wegen der Corona-Pandemie ausgefallen ist, hat Jakubek jetzt nichts weiter zu tun, als ein paar Spuckschutzwände zu bauen, die ihm in seinem Betrieb, so sagt er das, noch nicht einmal die Klospülung finanzierten.

Je nach Zählweise sind in Deutschland wegen der Corona-Pandemie schon zwischen 98 und 130 Messen ausgefallen. Das hat nicht nur Folgen für die direkt betroffenen Branchen, also für die Veranstalter selbst oder für Messebauer wie Michael Jakubek. Der Geschäftsführer des Dachverbandes der Messewirtschaft (AUMA), Jörn Holtmeier, sagt: "Messen sind ein Motor für die regionale Wirtschaft und weit darüber hinaus. Sie sorgen für rund 28 Milliarden Euro Umsatz in der deutschen Wirtschaft, von Messeveranstaltern über Standbau, Hotels und Einzelhandel bis zu Vorlieferanten aus ganz Deutschland."

Über neun Milliarden Euro Schaden befürchtet

Der Verband geht davon aus, dass die ausgefallenen Messen einen erheblichen Schaden für die Gesamtwirtschaft verursachen werden: Mit 9,25 Milliarden Euro Verlust rechnet der Verband für die deutsche Wirtschaft.

76.400 Arbeitsplätze würden den Berechnungen nach verloren gehen, dem Staat 1,48 Milliarden Euro Steuereinnahmen wegfallen. Und das auch nur, wenn die in den Herbst 2020 verschobenen Messen auch tatsächlich stattfinden. Fallen diese aus, wächst der Schaden der AUMA zufolge deutlich. "Der AUMA fordert deshalb, dass Messen als Plattformen für Unternehmen so früh wie möglich wieder zur Verfügung stehen", sagt Geschäftsführer Holtmeier. Denn Messen könnten, so sieht Holtmeier das, eine wichtige Rolle spielen, um die Wirtschaft zügig wieder in Gang zu bringen.

Impressionen der Leipziger Buchmesse 2019
Inzwischen ein ungewohnter Anblick: Menschenmassen auf der Leipziger Buchmesse im Jahr 2019. Bildrechte: MDR/Andreas Lander

Viele Branchen können ihren Ausfall noch nicht beziffern. Dazu zählt auch das Hotel- und Gaststättengewerbe, das in der Corona-Krise nicht nur unter den Messeabsagen leidet. Auch die Sicherheitswirtschaft etwa geht von erheblichen Schäden durch die Absagen aus, kann deren Ausmaß aber noch gar nicht abschätzen.

Leichter fällt das den direkt betroffenen Branchen. So entsteht etwa der Messebau-Branche dem Bundesverband für Messebau- und Veranstaltungstechnik (FAMAB) zufolge ein Schaden von gut 3,5 Milliarden Euro. Dabei werden neben dem klassischen Messestandbau auch andere Leistungen der FAMAB-Mitgliedsunternehmen wie Konzeption, Planung, Event-Catering und technische Dienstleistungen gezählt. Allein die Leipziger Buchmesse hätte, so der FAMAB, 26,4 Millionen Euro Umsatz für die Branche gebracht. Den Gesamtschaden wegen der Absagen aus Leipzig beziffert der Verband bisher auf fast 53 Millionen Euro.

Leipziger Messe wirbt für Großveranstaltungen unter Auflagen

Die Messe Leipzig selbst hält sich noch zurück mit Schätzungen, was die Corona-Epidemie für das Unternehmen bedeutet. "Wir alleine als Leipziger Messe haben 120 Veranstaltungen abgesagt und verschoben", sagt der Geschäftsführer der Messe, Martin Buhl-Wagner. Der Schaden sei noch nicht klar abschätzbar. "Aber es geht schon um die 40 oder 50 Millionen Euro, die wir hier als Umsatzeinbuße haben werden." Buhl-Wagner plädiert deshalb für Großveranstaltungen – trotz Corona. Nicht die Besucherzahl, sondern das Format der Veranstaltung sei entscheidend. "Wir können mit einem Ticketing Besucherströme kanalisieren, auch begrenzen. Wir können durch eine Vollregistrierung nachverfolgen, wer mit wem Kontakt hatte." Auch Abstandsgebote seien auf dem Gelände einzuhalten, Hygieneregeln einfach umzusetzen.

Martin Buhl-Wagner, Geschäftsführer der Leipziger Messe, bei einer Pressekonferenz
Martin Buhl-Wagner, Geschäftführer der Leipziger Messe Bildrechte: dpa

Bei der Leipziger Messe sind 400 Menschen angestellt. Buhl-Wagner zufolge hat der Erfolg des Unternehmens aber Einfluss auf rund 5.000 Arbeitsplätze in der Region. Was die Absage einer großen Messe für eine Stadt bedeutet, zeigt auch das Beispiel Frankfurt am Main. In einer der wichtigsten deutschen Messestädte sind ebenfalls schon mehrere große Messen abgesagt worden. Darunter ist die Technikmesse Prolight+Sound, die im April hätte stattfinden sollen. 2019 besuchten 85.000 Menschen die Messe. Untersuchungen der Stadt Frankfurt zufolge bringt ein Messegast durchschnittlich einen Umsatz von 180 Euro pro Tag – in Hotels, Restaurants und Geschäfte der Stadt. Demnach hätten die erwarteten 85.000 Besucher der Prolight+Sound geschätzte 15,3 Millionen Euro in Frankfurt umgesetzt – selbst dann, wenn sie jeweils nur für eine Nacht geblieben wären.

Insolvenzen drohen

Die Branche schaut nun auf den Herbst. Viele Veranstaltungen sind nicht abgesagt, sondern vorerst nur in die zweite Jahreshälfte verschoben worden. Zudem ist der September traditionell ein starker Messemonat. In Leipzig laufen derzeit vorsichtige Vorbereitungen auf acht große Messen und Kongresse. Auch Messebauer Michael Jakubek hofft, dass es im Herbst wieder losgeht. Seit dieser Woche ist er aber wieder etwas pessimistischer. "Wenn sie das Oktoberfest absagen, kann man dann wirklich hoffen, dass Messen wieder stattfinden?", fragt er. Er muss hoffen. Denn: "Wenn es im September nicht wieder losgeht, muss ich Insolvenz anmelden."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 25. April 2020 | 05:00 Uhr

1 Kommentar

part vor 50 Wochen

Ja und alles mit Mundschutz, wo sich die Leute mehr ins Gesicht fassen als vorher. Warten wir ab wie sich zwei Messen in einer Woche logistisch realisiren beim Bedarf, ja und die Mitnahme von Hunden bleibt natürlich auch erlaubt, natürlich ganz ohne Mundschutz...

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