Interview der Woche Mibrag-Chef: "Auch mir macht der Klimawandel Sorge"

Mit der Energiewende soll jetzt alles schneller gehen als geplant. Schon 2030 soll idealerweise Schluss sein mit Strom aus Braunkohle. Betreffen würde das die Kohlereviere in Mitteldeutschland – und ganz besonders die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft (Mibrag). Deren Geschäftsführer Dr. Armin Eichholz war als junger Mann Leistungssportler, holte als Ruderer im Achter olympisches Gold. Nach seiner Sportlerkarriere stieg Eichholz in die Energiebranche ein und leitet seit 2016 die Mibrag.

Dr. Armin Eichholz, Geschäftsführer Mibrag
Dr. Armin Eichholz ist seit 2016 Geschäftsführer der Mibrag. Bildrechte: Mibrag (Pressefoto)

MDR: Herr Dr. Eichholz, Sie betreiben zwei große Tagebaue im Mitteldeutschen Revier, beliefern mehrere Kraftwerke mit Braunkohle. Was würde ein acht Jahre früherer Kohleausstieg für Sie bedeuten?

Armin Eichholz: Zunächst mal will ich das ein bisschen abschichten. Wenn man den Koalitionsvertrag liest, dann ist das als politisches Ziel formuliert. Gleichzeitig sind aber auch Voraussetzungen genannt. Zwei will ich kurz aufgreifen: Wir benötigen achtzig Prozent erneuerbare Energien in der Stromerzeugung bis 2030. Und wir benötigen neue Gaskraftwerke mit bis zu vierzig Gigawatt Leistung, um die Versorgungssicherheit in Deutschland zu gewährleisten. Was das bedeutet, kann ich mir als Ingenieur kaum ausmalen.

Das heißt, Sie rechnen nicht mit einem Kohleausstieg schon 2030?

Ich schließe das nicht aus. Aber ich kann im Moment nicht sehen, dass es gelingt, die Voraussetzungen in dieser großen Geschwindigkeit zu schaffen. Bleiben wir bei den Gaskraftwerken. Wir wollen bis zu vierzig Gigawatt zubauen. Das würde bedeuteten, dass über den Daumen so 40 bis 45 Kraftwerke von der Leistung unseres Kraftwerks Schkopau neu errichtet werden müssten. Und es ist völlig unklar, wer investiert in diese Gaskraftwerke. Auch Gas soll ja nur eine Brückentechnologie sein, 2045 soll endgültig Schluss sein mit den fossilen Brennstoffen. Wer baut unter diesen Gegebenheiten? Wer hat überhaupt die Kapazitäten dafür? Und für mich ist auch unklar: Wo kommt das Erdgas her?

Wie gefragt ist Ihre Kohle derzeit noch?

Kurioserweise ist die Kohle enorm nachgefragt. Denn die Konkurrenz-Energien für die Braunkohle, das sind in erster Linie Steinkohle und Erdgas, sind unglaublich teuer geworden. Zu Beginn der Corona-Krise kostete Erdgas fünf Euro je Megawattstunde. Jetzt sind wir bei 100 Euro. Das ist eine Verzwanzigfachung. Viele Gasversorger treibt das an den Rand ihrer Existenz. Und es baut uns in der Braunkohle eine Art Schutzschild auf. Wir produzieren so viel Kohle, wie wir können im Moment, damit die Versorgungssicherheit gewährleistet ist.

Jetzt sorgt viel Kohle auch für viel CO2. Klimaschützer werfen Ihrem Unternehmen vor, dass es mitverantwortlich ist für den Klimawandel. Beschäftigt sie der Klimawandel überhaupt persönlich oder ist der Ihnen egal?

Wir betreiben unser Geschäft ja nicht im luftleeren Raum, sondern in einer realen Umgebung. Ich bin auch Familienvater, wir haben drei Kinder im Alter zwischen 22 und 27 Jahren. Und denen ist die Bekämpfung des Klimawandels sehr wichtig. Auch mir macht er Sorge. Aber wir müssen einen Weg zur Bekämpfung des Klimawandels finden, der von der angestrebten Zeitskala realistisch ist. Das heißt, wir müssen eine Geschwindigkeit wählen, in der wir die Menschen mitnehmen. Sonst drehen wir uns irgendwann um und stellen fest: Da ist keiner mehr, der mitmacht.

Eine Ihrer wichtigsten Aufgaben ist es, Ihr Unternehmen für die Zeit nach der Kohle umzubauen. Was macht Mibrag, wenn Sie mit der Kohle kein Geld mehr verdienen?

Wir haben heute schon Geschäftsfelder, die noch klein sind, in die wir hineinwachsen. Das sind Ingenieurdienstleistungen oder Dienstleistungen bei der Spezialvermessung. Die benötigen wir heute, um unsere Böschungen zu beobachten. Das sind satellitengestützte Vermessungssysteme, die wir auch in anderen Branchen anbieten. Wir sind tätig im Recycling. Wir erschließen und entwickeln Grundstücke. Und ganz wesentlich ist unser Projekt EMIR. Die Abkürzung steht für Erneuerung Mibrag im Revier. Da geht es darum, dass wir uns über den Zubau von Erneuerbaren Energien, also Wind und Sonne, einen Weg in die Wasserstoffwirtschaft erschließen. Auf der Basis von Wasserstoff wollen wir dann Bio-Kraftstoffe herstellen. Dafür sehen wir einen sehr großen Bedarf insbesondere hier in Mitteldeutschland.

Werden Sie mit den neuen Geschäftsfeldern noch so viele Beschäftigte haben wie heute?

Ich befürchte, dass wir dann weniger Arbeitsplätze haben werden als heute.

Sie konnten bislang davon ausgehen, dass Sie für den Umbau bis 2038 Zeit haben. Nehmen wir mal an, es ist tatsächlich 2030 schon Schluss mit der Kohle. Vielleicht auch, weil die Preise für den CO2-Ausstoß so sehr steigen, dass sich die Kohle nicht mehr lohnt. Sind Ihre Umbaupläne dann überhaupt noch umsetzbar?

Wir haben die klare Zielsetzung, uns eine Zukunft zu verschaffen. Das haben wir unseren Mitarbeitern versprochen. Und sollte es 2030 werden, das wird sich ja nicht erst 2029 abzeichnen, sondern Mitte der zwanziger Jahre, dann werden wir auch so weit sein.

Sie bilden aus Ihren Kohlegewinnen Rücklagen, um nach dem Ausstieg die Tagebaue zu rekultivieren. Wenn der Ausstieg schon 2030 erfolgen sollte, können Sie dann noch genügend Rücklagen bilden? Oder ist es genau andersherum: Weil Sie bei einem früheren Ausstieg weniger Landschaft wegbaggern, benötigen Sie auch weniger Geld für die Rekultivierung.

Zunächst ist es richtig, dass wir mit Sachsen und Sachsen-Anhalt Vorsorgekonzepte vereinbart haben. Da gibt es Verträge, dass wir bis zum Ende des operativen Betriebs Geld ansparen. Diese Rücklagen werden in Vorsorgegesellschaften eingebracht. Und diese wiederum werden den Ländern verpfändet. Das heißt, vom ersten Moment an sind diese Rücklagen zweckgebunden. Es ist aber ein Irrtum zu glauben, dass ein früherer Kohleausstieg die Kosten der Rekultivierung senkt, nur weil dann weniger abgebaut wird. Das Gegenteil ist der Fall. Die Bergbaufolge wurde auf Basis unserer Rahmenbetriebspläne kostenoptimiert, damit sie am Ende der vereinbarten Abbauzeiten zu einem optimalen Ergebnis kommen. Wenn Sie dort eingreifen und jetzt sagen, wir steigen vorher aus der Kohle aus, dann stehen die Böschungen anders, der Restsee wird irgendwann woanders sein. Das heißt, Sie müssen nach Beendigung des operativen Betriebs in die Herstellung der Endkultur viel stärker eingreifen, als das bei normalem Betrieb der Fall gewesen wäre. Das heißt, die Kosten steigen mutmaßlich an.

Das verstehe ich als Laie nicht. Die Rekultivierung wird teurer, wenn Sie weniger Landschaft zerstören?

Ja, weil die jetzige Bergbauplanung im laufenden Betrieb die Endkontur so herstellt, dass nach Ende des operativen Betriebs möglichst wenig Eingriffe zur Böschungsgestaltung und zur Endkulturgestaltung erforderlich sind. Und wenn Sie da eingreifen, dann stimmen die Planungen für den aktiven Bergbau mit der Rekultivierungsplanung nicht mehr überein.

Eine alte Dampflokomotive fährt in das Kohlekraftwerk Deuben ein. 1 min
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Das Braunkohlekraftwerk in Deuben geht endgültig vom Netz. Schon am Montag ist der letzte Waggon in das Kraftwerk eingefahren. Landrat Götz Ulrich sagte, damit würden "zahlreiche gut bezahlte Jobs verloren" gehen.

MDR S-ANHALT Mo 06.12.2021 19:00Uhr 00:59 min

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Ein Ort, für den es neue Pläne geben muss, ist Pödelwitz. Das Dorf sollte als eines der letzten für den Kohlebergbau weichen. Seit vergangenem Jahr ist klar: Pödelwitz darf bleiben. In dem Ort wohnen nur noch wenige Menschen. Die meisten Häuser und Höfe haben Sie im Zuge der bereits erfolgten Umsiedlung aufgekauft. Was wird jetzt aus dem Dorf?

Die Prozesse zur Entwicklung eines Zukunftsbildes für Pödelwitz sind angelaufen. Und jetzt werden die Akteure eingebunden: die Pödelwitzer Bürger, die Stadt Groitzsch, der Landkreis Leipzig, der Planungsverband Westsachen und natürlich auch die Mibrag als Eigentümer vieler Häuser. Wir werden das jetzt aber nicht übers Knie brechen. Es muss eine Zukunftsperspektive für den Ort entwickelt werden. Und dieser Prozess braucht Zeit.

Was heißt das konkret für die leeren Häuser, die Sie in dem Ort erworben haben?

Das heißt konkret, dass wir eine Nutzungsperspektive heute noch nicht haben. Wir entwickeln diese gemeinsam. Und wenn wir dieses Zukunftsbild haben, werden wir darüber entscheiden können, ob wir die Grundstücke verkaufen oder ob wir diese Zukunftsperspektive selber mitentwickeln. Das ist heute aber noch unklar.

Wie lautet ihre Prognose: Wird neben Pödelwitz im Tagebau Vereinigtes Schleenhain 2030 noch Kohle abgebaut oder ist der Ausstieg dann vollzogen?

Meine persönliche Einschätzung ist, dass der Ausstieg bis 2030 nicht funktionieren wird. Ich glaube aber, dass die Politik Wege finden wird, vor dem Termin auszusteigen, den das Kohleausstiegsgesetz derzeit vorsieht. Das ist 2034 für das Kraftwerk Schkopau und den Tagebau Profen. Und das ist 2035 für das Kraftwerk Lippendorf und den Tagebau Vereinigtes Schleenhain. Schon jetzt sieht das Kohleausstiegsgesetz Revisionsklauseln vor, durch die überprüft werden kann, ob der Kohleausstieg vorgezogen wird. Das ist gar nicht so neu.

Das heißt, Sie rechnen damit, dass es etwas schneller geht als ursprünglich geplant. Aber 2030 halten Sie für unrealistisch?

Das ist meine persönliche Einschätzung, ja.

Herr Dr. Eichholz, Danke für das Gespräch!

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 12. Dezember 2021 | 08:15 Uhr

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