Wirtschaft Warum Migranten gern ihr eigener Chef sind

MDR-Wirtschaftsjournalist Ralf Geißler
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Seit Jahren geht die Zahl der Firmengründungen zurück. Die große Mehrheit arbeitet lieber angestellt. In einer Gruppe gibt es aber einen Gegentrend. Migranten gründen in Deutschland so häufig wie nie zuvor.

Ein junger Mann mit Migrationshintergrund in einem Büro 3 min
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Warum Migranten gern ihr eigener Chef sind

MDR AKTUELL Mi 15.09.2021 06:05Uhr 03:11 min

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Wasi Behzad kümmert sich um die Verspannungen der Deutschen. Der gebürtige Afghane hat in Leipzig eine Physiotherapie gegründet. Als junger Mann war er vor den Taliban geflohen, ist über Umwege nach Sachsen gekommen. Hier die Praxis zu eröffnen, selbständig in der Fremde zu sein, sei im Vergleich zu seinem sonst bewegten Leben einfach gewesen, sagt Wasi Behzad: "Ich habe mit zehn Jahren zum ersten Mal mein eigenes Geld verdient. Das war mit Drachenbasteln neben der Schule. Da habe ich 20 Stück Drachen am Tag verkauft", erzählt er. "Diese Risikobereitschaft war schon immer da. Insgesamt war es wirklich einfach. Die Unternehmensberatung war da, die Bank war da. Businessplan war da. Die Stolpersteine waren nicht so hoch."

Viele Gründerinnen und Gründer mit Migrationshintergrund

Tatsächlich machen sich Migranten vergleichsweise häufig selbständig. Das zeigen Zahlen der staatlichen Förderbank KfW. Nach ihrer Definition haben 20 Prozent aller Menschen in Deutschland einen Migrationshintergrund. Auf diese Gruppe gingen aber 26 Prozent aller Gründungen zurück. Das Statistische Bundesamt zählt aktuell 50 Prozent mehr Selbständige mit Migrationshintergrund als noch 2005.

74 Prozent der Gründungen im IT- und Medizin-Bereich

Armando Garcia Schmidt von der Bertelsmann-Stiftung sieht dafür mehrere Gründe. Ein Grund: Migranten hätten es schwerer, eine gute Anstellung zu bekommen: "Zuwanderer verdienen im Schnitt als abhängig Beschäftigte immer noch in der Regel weniger als Herkunftsdeutsche, sie haben weniger Aufstiegschancen und Karrieremöglichkeiten und können zum Beispiel auch ihre Kompetenzen nicht richtig verwerten, weil zum Beispiele Qualifikationen oder Zertifikate, die sie in ihrem Heimatland erworben haben, nicht anerkannt werden."

Viele Deutsche glauben, Migranten gründeten aus der Not Dönerbuden, Restaurants, Gemüseläden. Doch das sei auch nur ein Teil der Wahrheit, sagt Garcia Schmidt. 74 Prozent aller Gründungen passierten in anderen Bereichen wie der IT oder Medizin.

Ein Beispiel dafür ist die Firma von Phuc Ho Thi. Er wurde in Vietnam geboren. In Leipzig baut der Chirurg das Start-up "MeinDoc" mit auf. Die Firma hat eine Software entwickelt, die geplante Operationen darstellen kann. "Das Besondere ist: Patienten können mithilfe eines Smartphones ihre Erkrankung dargestellt bekommen. Die chirurgische Operation wird im Prinzip visualisiert", erklärt Phuc Ho Thi. "Patienten können dann verstehen, wie ihre Operation abläuft, ohne bei Google nach Informationen zu suchen."

Zum Kernteam gehören Vietnamesen und Inder. Sie alle sagen, aus Asien hätten sie die Risikobereitschaft mitgebracht, von den Deutschen die Gründlichkeit gelernt.

Gründer mit Migrationshintergrund denken direkt international

David Hanf, Vizepräsident im Bundesverband Deutsche Startups, resümiert, Migranten hätten einfach weniger Angst vorm Scheitern. "Ganz typisch für Start-ups, die von Migranten gegründet worden sind, ist, dass sie von Anfang an international denken. Dass sie eine sehr internationale Angestelltenstruktur haben, auch mehr internationales Kapital auftreiben. Und deswegen, glaube ich, werden das sehr erfolgreiche Unternehmen werden, die wir in Deutschland haben, die von migrantischen Gründerinnen gegründet wurden."

Prominentes Beispiel ist der Impfstoffhersteller Biontech. Das Gründerpaar hat türkische Wurzeln. Die wenigsten selbständigen Migranten wollen so etwas Großes aufbauen. Wasi Behzad ist mit seiner Physiotherapie ganz zufrieden. Hauptsache, er kann sein eigener Chef sein. Dann ist er ganz entspannt.

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 15. September 2021 | 06:07 Uhr

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