Einkommen Osten profitiert von Mindestlohn-Anhebung

Raja Kraus, Autorin, Reporterin
Bildrechte: MDR/Isabel Theis

Von 9,60 Euro auf 9,82 Euro: Zum 1. Januar 2022 ist der Mindestlohn um 22 Cent gestiegen. Im Juli soll er erneut angehoben werden, auf 10,45 Euro. Arbeitsminister Hubertus Heil will aber noch in diesem Jahr ein Wahlversprechen einlösen und den Mindestlohn auf 12 Euro setzen. Wie viele Menschen in Mitteldeutschland profitieren von den schon beschlossenen und den angekündigten Erhöhungen?

12 Euro liegen auf einem Tisch.
Der Mindestlohn soll in Etappen im besten Falle auf 12 Euro ansteigen. Was bedeutet das für den Osten? Bildrechte: dpa

Michael Selement ist Filmvorführer im Kino – seit 30 Jahren. Erst in der sächsischen Oberlausitz, jetzt im thüringischen Eisenach. Selement macht beim Meinungsbarometer MDRfragt mit und hat sich dort zuletzt für einen höheren Mindestlohn ausgesprochen. Denn mehr als den bekommt er in seinem Beruf nicht: "Na, wenn ich überlege, welche Preissteigerung wir in den letzten anderthalb, zwei Jahren hatten. Dann bleiben vielleicht noch 10, 15 Euro übrig. Und das ist natürlich eigentlich ein Witz."

Deshalb hat er noch einen 450-Euro-Job bei einer Gartenbau-Firma. Die aktuelle Mindestlohnerhöhung um 22 Cent auf 9,82 Euro findet er realitätsfern.

Mindestlohn steigt in Etappen

Markus Schlimbach ist der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds Sachsen. Er schätzt, dass die Erhöhung in Sachsen nur etwa 86.000 Beschäftigten zugutekommt: "Das liegt jetzt einfach daran, dass die Erhöhung nicht sehr groß ist. Und natürlich: Das sind diejenigen, die ganz genau auf den Mindestlohn angewiesen sind."

Eindeutige Zahlen gibt es noch nicht. Aber Prognosen und Hochrechnungen. Das nächste Mal steigt der Mindestlohn zum 1. Juli – dann auf 10,45 Euro.

Volle Erhöhung käme vor allem Ostdeutschen zugute

Prof. Dr. Oliver Holtemöller
Prof. Dr. Oliver Holtemöller, Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle. Bildrechte: Fotowerk BF

Oliver Holtemöller ist der stellvertretende Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle. Er geht davon aus, dass von dieser Erhöhung etwa 6,5 Prozent der Beschäftigten in Deutschland profitieren werden. In den ostdeutschen Flächenländern sogar 10 Prozent.

Steigt der Mindestlohn, wie von Arbeitsminister Hubertus Heil versprochen, dann noch einmal auf 12 Euro, gäbe es nach Holtemöllers Prognosen für 20 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Ostdeutschland eine direkte Erhöhung.

Und noch weitere Beschäftigte werden sie einfordern, sagt er: "Wenn jetzt der Lohnabstand bei jemandem, der bei 12,50 Euro ist, zum Mindestlohn ungefähr 3 Euro betragen hat und dieser dann reduziert wird auf 50 Cent, dann führt das natürlich dazu, dass diejenigen, die vorher 12,50 Euro verdient haben, wieder den alten Abstand in etwa hergestellt wissen wollen."

900.000 Mitteldeutsche bekämen Lohnerhöhung

Toralf Pusch ist Referatsleiter am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Für MDR AKTUELL hat er berechnet, wie vielen Menschen speziell in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ein Mindestlohn von 12 Euro zugutekäme: "Demnach wären es in dem Sendebereich des MDR ca. 900.000 Beschäftigte, die ein Anrecht auf den Mindestlohn hätten und eine Lohnerhöhung erfahren würden."

Angestellte in Gastronomie und Verkauf könnten profitieren

Das größte Plus hätten Angestellte in der Gastronomie, Hauswirtschaft und im Verkauf. Im Durchschnitt würde die Steigerung von 10,45 Euro Mindestlohn auf 12 Euro 11 Prozent Lohnerhöhung bringen – in Gesamt- wie Mitteldeutschland.

Dem Filmvorführer Michael Selement wäre das nur Recht. Er hofft, dass die 12 Euro Mindestlohn schnell kommen: "Also das wäre schon ein Riesenschritt. Ich meine, ich stehe auch kurz vor meiner Rente. Und die letzten vier Jahre, die ich noch habe, wäre das ein wichtiger Schritt, um auch für die Rente was einzuzahlen und dann leben zu können."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 11. Januar 2022 | 08:08 Uhr

32 Kommentare

Mediator vor 2 Wochen

@Harka2

Ich habe gerade mal die Quelle von Simone nachgeschlagen und damit ist klar, dass sie unrecht haben.

Wenn im Osten 43% (Westen 53%) der Arbeitsverhältnis tarifgebunden sind, dann kann man wohl kaum von einem flächendeckenden Tariflohnersatz beim Mindestlohn reden.
Auch der Unterschied zum "bösen" Westen ist dann auch gar nicht mehr so groß.

Insgesamt kann man beobachten, dass die Tarifbindung kontinuierlich sinkt. Eine höhere Tarifbindung zu erreichen oder deren Sinkflug zu bremsen, war anscheinend während der Regierung von Kanzlerin Merkel nicht prioritär.

Simone vor 2 Wochen

@Harka2

Für diese LÜGE hätte ich doch gerne einen Beleg!
Im Osten wird also FLÄCHENDECKEND nur Mindestlohn bezahlt?
Fragen wir doch mal die, die es wissen müssen:

statsita.com "Anteil der Beschäftigten in West- und Ostdeutschland mit Tarifbindung von 2000 bis 2020 "

2020:
WESTEN 53%
OSTEN 43%

Ich stelle also fest, dass in dieser Diskussion von vielen ein gerne wiedergegebenes, aber kaum hinterfragtes Vorurteil wiedergekäut wird, dass schlicht und ergreifend eine Lüge ist.

Fakt ist, dass es lediglich eine Lücke von 10% bei der Tarifbindung zwischen Ost und West gibt. 43% der Ostdeutschen können sich also locker zurück lehnen, während für sie regelmäßig Tariferhöhungen ausgehandelt werden.

Also kein Grund für: 'uns wird ständig das Fell über die Ohren gezogen - ich bin so enttäuscht und wütend'-


Hobby-Viruloge007 vor 2 Wochen

Da der Druck bei den Niedrigverdienern vor allem wegen den politisch begründeten Kostensteigerungen (CO2 Steuer, Vorgaben Tierwohl, Lieferkettengesetz) steigt, sollen die Arbeitgeber für Entlastung sorgen. Den vielen Niedriglöhnern sei es gegönnt. Leider ist es am Ende für sie ein Nullsummenspiel.

Für die Tarifbeschäftigten sieht es nicht ganz so gut aus viele Gewerkschaften habe letztes Jahr Abschlüsse mit Laufzeiten um 2 Jahre verhandelt. Da sieht es eher nach Reallohnverlusten aus.

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