Wem gehört der Osten? Mehr Schiene: Ostdeutschland setzt auf die Bahn

Zwischen 1994 und 2018 wurden in Deutschland mehr als 5.000 Bahnkilometer stillgelegt, fast die Hälfte davon allein im Osten. Die Deutsche Bahn strich vor allem Verbindungen, die sie für unrentabel oder überflüssig hielt. Doch allmählich setzt ein Umdenken ein. Einige der ausgemusterten Strecken sollen schleunigst reaktiviert werden, auch um die ehrgeizigen Klimaziele der Bundesregierung zu erreichen.

Rangier-Lok Hauptbahnhof Leipzig
Rangier-Lok Hauptbahnhof Leipzig Bildrechte: Volker Queck | MDR

Schafstädt war Ende des 19. Jahrhunderts ein aufstrebender Ort, in dem sich einige Fabriken und Manufakturen angesiedelt hatten. Damals wurde auch ein kleiner Bahnhof errichtet und ein Schienenstrang ins nahegelegene Bad Lauchstädt verlegt. In der Stadt war man mächtig stolz auf diese Verbindung. Regelmäßig verkehrten nun Züge zwischen den beiden Orten. 2014 aber wurde plötzlich entschieden, die Strecke stillzulegen. Tatsächlich fuhren nur noch wenige Schafstädter mit den alten Schienenbussen, die meisten nutzten für Touren in die Kurstadt mittlerweile das Auto. Als der letzte Schienenbus Schafstädt im Dezember 2014 verließ, spielte eine Kapelle der Feuerwehr und die Honoratioren der Stadt standen betrübt auf dem Bahnsteig. Eine Ära war zu Ende gegangen.

Ein Mann steht or einer alten Lok und lächelt 43 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nach der Deutschen Einheit von der Deutschen Bahn abgehängt

So wie Schafstädt in Sachsen-Anhalt erging es in den Jahren nach der Deutschen Einheit Hunderten von Dörfern und Städten in Deutschland. Nach der Fusionierung von Deutscher Bundesbahn und Deutscher Reichsbahn zur Deutschen Bahn AG 1994 wurden sie einfach vom Bahnverkehr abgehängt. Die Deutsche Bahn sollte nach dem Willen der Bundesregierung zukünftig vor allem Profite einfahren. Und so wurden etliche Verbindungen, die unrentabel oder überflüssig schienen, gekappt. Insgesamt wurden in Deutschland zwischen 1994 und 2018 5.147 Streckenkilometer stillgelegt, beinahe die Hälfte davon in Ostdeutschland: 214 Strecken mit einer Gesamtlänge von 2.474 Kilometern. Derzeit umfasst das Netz der Deutschen Bahn 38.500 Streckenkilometer, 1994, als Bundesbahn und Reichsbahn verschmolzen, waren es noch 44.600.

Fahrender Zug
Abbau von Gleisen Anfang der 1990er Jahre Bildrechte: Fritz Eschen

Dichtes Eisenbahnnetz in der DDR

Dieser Kahlschlag traf vor allem den Osten Deutschlands heftig, wo der Eisenbahnverkehr 40 Jahre lang einen wesentlichen Baustein der Mobilität darstellte. "Von der Straße auf die Schiene" lautete das Motto für sämtliche Transporte ab 50 Kilometer. Energie war knapp und das Bahnnetz enorm, wenn auch vielerorts ziemlich marode. So bewältigte die Deutsche Reichsbahn 80 Prozent aller Gütertransporte und nahezu die Hälfte des ostdeutschen Personenverkehrs. Bis 1989 erbrachte die Reichsbahn immerhin die gleiche Verkehrsleistung wie die Bundesbahn – und das auf einem nur halb so großen Streckennetz. Doch durch die Deindustrialisierung Ostdeutschlands nach der Deutschen Einheit und die private Motorisierung der Ostdeutschen brach der Personen- und Güterverkehr massiv ein. Bereits 1993 transportierte die Deutsche Reichsbahn nur noch weniger als ein Viertel an Gütern und Personen. 

1986, Zug der DR im Bahnhof Helmstedt
Ein Zug der Deutschen Reichsbahn am Grenzübergang Helmstedt 1986 Bildrechte: IMAGO

Die Zukunft gehört der Schiene

Jetzt, Jahrzehnte später, beginnt ein Umdenken und damit das vorsichtige Comeback der Schiene. Um die Klimaziele erreichen zu können, gab die Bundesregierung 2020 das ehrgeizige Ziel vor, die Zahl der Fahrgäste der Deutschen Bahn bis 2030 wenigstens zu verdoppeln. Auch müssen künftig wieder mehr Güter auf der Schiene transportiert werden. 25 Prozent sollen es 2030 sein, fünf Prozent mehr als heute. Vorhaben, die nach Ansicht von Verkehrsexperten allein durch die Reaktivierung stillgelegter Bahnstrecken erreicht werden können.

Das jahrzehntelange Schrumpfen des Schienennetzes konnte immerhin so gut wie gestoppt werden. 106 Kilometer alter Bahnstrecken sind im vergangenen Jahr dafür wieder ans Schienennetz angeschlossen worden. Vor allem kleine Orte und Gemeinden profitieren davon. Ende vergangenen Jahres teilte die Deutsche Bahn schließlich sogar mit, in Zukunft keine Strecken mehr stilllegen zu wollen. Insgesamt sind in Deutschland zwischen 1994 und 2019, so der Verein "Allianz für die Schiene", knapp 500 Kilometer von der Deutschen Bahn wieder ans Schienennetz angeschlossen worden, die sie vorher ausgemustert hatte. Es sind sowohl Strecken für den Personen- als auch für den Güterverkehr. In Sachsen-Anhalt rund 80, in Thüringen 90, in Sachsen allerdings nur dürftige 20 Streckenkilometer.

Privates Unternehmen reaktiviert alte Strecken der Deutschen Bahn

Neues Leben auf alte Gleise. Diesem Motto fühlten sich Mitte der 1990er Jahre engagierte Bahnkunden verpflichtet, die die Streckenstilllegungen der Deutschen Bahn nicht tatenlos hinnehmen wollten. Sie gründeten daraufhin die Deutsche Regionaleisenbahn (DRE). Die DRE pachtet oder kauft seither Bahnstrecken, die der Bahnkonzern abgeschrieben hat. Der DRE gehören auch in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen etliche Strecken. Insgesamt sind es knapp 800 Kilometer für den Personen- und Güterverkehr, die die DRE bis heute wieder ans gesamtdeutsche Schienennetz angeschlossen hat.

Durch Fördermittel des Bundes und der EU stehen die Chancen auf eine baldige Nutzung stillgelegter Strecken gut. Doch die Bundesländer setzen bislang jedoch nur eher zögerlich auf die Inbetriebnahme alter Bahntrassen, bedauerte der Chef der DRE, Gerhard Curth, in einem Gespräch mit der "Süddeutschen Zeitung" Ende vergangenen Jahres. Dabei, so der Verband "Allianz pro Schiene", sei die Reaktivierung alter Bahnstrecken oft mit geringerem Aufwand verbunden als ein kompletter Neubau. Auf manchen Strecken sei lediglich der Personenverkehr eingestellt worden, nicht aber der Güterverkehr. In diesen Fällen könne der Personenverkehr ohne größere Probleme wieder aufgenommen werden

Sachsen wird nur wenige Bahnstrecken reaktivieren

Zwei stillgelegte Bahnstrecken in Sachsen mit einer Gesamtlänge von etwas mehr als 40 Kilometern sollen nach der Empfehlung des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) und der "Allianz Pro Schiene" in den kommenden Jahren reaktiviert werden. Wichtigstes Projekt: die Reaktivierung der knapp 39 Kilometer langen Verbindung Meißen-Triebischtal-Döbeln. Die Strecke war 2015 stillgelegt worden. Das zuständige Ministerium begründete seine Entscheidung damals mit mangelnden Nachfrage. Der VDV sieht dagegen eine Unterversorgung in der Region, die mit einer Wiederaufnahme des Zugverkehrs zumindest teilweise behoben werden könnte. Fast 20 Millionen Euro würde die Inbetriebnahme der Strecke kosten. "Es ist ein nicht länger zu ertragender Missstand, dass auf der Bahnstrecke zwischen Döbeln und Meißen seit 2015 keine Züge mehr fahren. Das muss sich dringend ändern", sagt Caren Lay, stellvertretende Vorsitzende der Fraktion Die Linke im Bundestag. "Die baulichen Voraussetzungen für die Reaktivierung der Strecke sind gegeben."

Zudem wird die Reaktivierung der zwei Kilometer langen Strecke von Seifhennersdorf im Landkreis Görlitz bis hinüber ins tschechische Varnsdorf empfohlen, um grenzüberschreitende Verbindungen zu stärken.

Thüringen will mit neuer Strecke Folgen der deutschen Teilung beseitigen

In Thüringen geht man bislang bei der Reaktivierung alter Gleise ebenfalls noch durchaus zögerlich zu Werke. Insgesamt existieren elf stillgelegte Strecken mit einer Gesamtlänge von 250 Kilometern. Das soll sich in den kommenden zehn Jahren ändern. Unter den Bahnstrecken, die künftig wieder befahren werden sollen, befinden sich unter anderem die Oberlandbahn, die Pfefferminzbahn und auch die Rennsteigbahn. Geplant ist auch die Reaktivierung eines kurzen, aber doch eminent wichtigen innerdeutschen Verbindungsstücks zwischen Blankenstein in Thüringen und dem bayerischen Marxgrün auf der Höllentalbahn. Würde diese Lücke geschlossen, wäre auch eine Folge der deutsch-deutschen Teilung im Bahnverkehr beseitigt.

Eine Dampflock auf dem Weg zum Bahnhof Rennsteig.
Dampflock auf dem Weg zum Bahnhof Rennsteig. Bildrechte: Rennsteigbahn GmbH & Co. KG

Bahnstrecke Schönebeck-Barby-Güterglück soll reaktiviert werden

In den vergangenen Jahren sind auch in Sachsen-Anhalt erneut zahlreiche Zugstrecken stillgelegt worden. Seit 1994 waren es insgesamt über 700 Kilometer. Dennoch werden in den kommenden Jahren lediglich zwei Bahnstrecken wieder ans Schienennetz gehen, so jedenfalls geht es aus dem Verkehrswegeplan der Bundesregierung für das Jahr 2030 hervor. Die eine führt vom Bahnhof Naumburg-Ost in einen Einkaufsmarkt am Rand der Domstadt. Tatsächlich eine Nebensächlichkeit. Die andere Verbindung, die wieder aufleben soll, aber hat es in sich. Es handelt sich nämlich um die Traditionsstrecke Schönebeck-Barby-Güterglück, die 2004 stillgelegt und sukzessive abgebaut worden war. Aus dem Magdeburger Verkehrsministerium hieß es dazu: "Das Land Sachsen-Anhalt sieht die Strecke Schönebeck-Barby-Güterglück vorrangig als sinnvolle Entlastung für den Güterverkehr." Für das Bundesverkehrsministerium in Berlin handelt es sich sogar um eine Strecke, die "insbesondere für den Personennahverkehr von Bedeutung" ist. Im Rathaus von Barby wurde diese Nachricht wie ein Sechser im Lotto aufgenommen. Ehe über die Elbebrücke in Barby wieder Züge rollen, werden aber noch wenigstens zehn Jahre vergehen.

Wochenserie Volldampf
Auf der Elbebrücke in Barby Bildrechte: Claus-Michael Peters/MDR

Die Elbebrücke von Barby und die Neue Seidenstraße

Vor 150 Jahren war die Elbebrücke in Barby einmal Teil der schnellsten Eisenbahnverbindung zwischen Sankt Petersburg und Barcelona. Ähnlich bedeutsam könnte sie auch in Zukunft wieder werden, jedenfalls wenn es nach einem ehemaligen Reichsbahner aus Barby geht: "Die Neue Seidenstrasse geht von China nach Hamburg beziehungsweise Duisburg. Sie kommt aus polnischer und tschechischer Richtung. Und genau hier wäre eigentlich der Trassenverlauf." Phantastische Aussichten für die noch von der Deutschen Bahn abgehängte Stadt an der Elbe.

Das kleine Schafstädt hingegen hat überhaupt keine Aussichten mehr, in absehbarer Zeit wieder ans Bahnnetz angeschlossen zu werden. Es existieren noch nicht einmal vage Pläne dafür.


Mehr zum Thema

Geschichte

Döllnitzbahn
Der "Wilde Robert" beförderte aber nicht nur landwirtschaftliche Produkte. Bis zum Jahr 2001 transportierte er auch Kaolin, ein Rohstoff für die Papier- und Porzellanherstellung, der in der Region um Kemmlitz abgebaut wird. Heutzutage können die Besucher jeden letzten Sonntag und zu vielen Sonderfahrten und Veranstaltungen Eisenbahnromantik mit der Döllnitzbahn erleben. Bildrechte: Denise Zwicker/Döllnitzbahn GmbH

Dieses Thema im Programm: Wem gehört der Osten? Die Bahn | 05. April 2021 | 22:00 Uhr

Ein Angebot von

Mehr aus Wirtschaft

Mehr aus Deutschland

Marco Wanderwitz auf der Pressekonferenz zum Zukunftszentrum Deutsche Einheit 1 min
Bildrechte: mdr