4. Teil | Mitteldeutschland und die Kohle-Milliarden Neue Jobs für ausgekohlte Landschaften

MDR-Wirtschaftsjournalist Ralf Geißler
Bildrechte: Ralf Geißler

Deutschland steigt bis 2038 aus der Kohle aus. Damit fallen in der Lausitz und im Mitteldeutschen Revier tausende Jobs weg. Doch die Bundesregierung will helfen. Sie gibt 40 Milliarden Euro, die den Strukturwandel bis 2038 unterstützen sollen. MDR AKTUELL geht der Frage nach, was dieses Geld bewirken kann. Werden dank der Fördermilliarden neue Jobs entstehen?

Bagger in einem Tagebau.
Diese Braunkohlebagger im Landkreis Mansfeld-Südharz sollen bis 2038 Geschichte sein. Für die Beschäftigten der Kohleindustrie braucht es daher andere Jobs. Bildrechte: Romonta GmbH Amsdorf

Jens Wojtyschak ist mit der Kohle aufgewachsen. Vom Rand seiner Gemeinde Muschwitz im Süden Sachsen-Anhalts kann er den Tagebau Profen sehen. Er hört das Quietschen der Bagger, riecht den Staub des Abraums. Und doch sieht der Ortsbürgermeister auch die vielen Arbeitsplätze für seine Region.

Wojtyschak ist beim Kohleausstieg ein Punkt deshalb sehr wichtig: "Die Hoffnung besteht darin, adäquate Ersatzarbeitsplätze im Industriesektor zu schaffen, die auch gut bezahlt sind." Natürlich müsse nebenher auch der Tourismus in der Region und in den Tagebau-Folgelandschaften gestärkt werden. Aber vorrangig seien Industriearbeitsplätze, damit die Leute hier eine gute Zukunft hätten.

Bis zu 40.000 Jobs in Mitteldeutschland betroffen

Insgesamt könnten durch den Kohleausstieg im Mitteldeutschen und im Lausitzer Revier 40.000 Jobs verloren gehen. Direkt und indirekt. Lassen sie sich ersetzen? Der Staat zahlt Milliardenhilfen. Doch Steffen Keitel, Präsident der Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau, kritisiert, die Gelder seien zunächst ja nur für neue Straßen gedacht, für Kindergärten, Glasfaserkabel oder Schulen.

Die Förderung richtet sich zunächst erst einmal an kommunale Einrichtungen. Und kommunale Einrichtungen sind naturgemäß nicht diejenigen, die vordergründig Arbeitsplätze schaffen. Das kann nur die Industrie.

Steffen Keitel Präsident Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau

Deswegen sei es ein Geburtsfehler dieser Förderung, dass die Industrie nicht direkt partizipieren könne und dass die Industrie nicht direkt bei der Schaffung neuer und hochwertiger Arbeitsplätze unterstützt werde, so Keitel.

Infrastruktur soll Firmen anlocken

Anders als nach der Wiedervereinigung subventioniert der Staat dieses Mal keine neuen Arbeitsplätze. Er will mit den Kohlemilliarden in den Revieren ein attraktives Umfeld schaffen. Das wiederum soll Unternehmen anlocken. Doch kann das funktionieren? Joachim Ragnitz vom ifo-Institut Dresden glaubt nicht an ein Jobwunder.

Es wird ja bestenfalls ein Standortnachteil dieser Regionen ausgeglichen. Dadurch haben wir noch keinen Standortvorteil. So gesehen ist es eine unsichere Angelegenheit, ob da tatsächlich Arbeitsplätze in großer Zahl geschaffen werden.

Joachim Ragnitz ifo-Institut Dresden

Irgendwas werde sicherlich geschaffen werden, so Ragnitz weiter, aber wieviel das sei und ob es ausreiche, die Beschäftigungsverluste durch den Kohleausstieg auszugleichen, sei derzeit noch nicht ausgemacht.

Politik setzt auf Wissenschaft und Forschung

Die Politik hofft, dass die Energiewirtschaft neue Stellen schafft. Deshalb finanziert sie in der Lausitz auch ein neues Fraunhofer-Institut für Energie-Infrastruktur, das passende Firmen anlocken könnte. Sachsen-Anhalt befasst sich intensiv mit der Herstellung von grünem Wasserstoff.

Auch das könne durchaus einige Arbeitsplätze bringen, sagt Andreas Berkner vom Regionalen Planungsverband Westsachsen: "Dazu gibt es schon seit Längerem in Mitteldeutschland viele Aktivitäten. Wir haben beispielsweise Eisenbahnkompetenz, Waggonbau und Ähnliches." Daraus könne sich möglicherweise ein Wasserstoff- und Mobilitätscluster entwickeln, das mehr als den Eigenbedarf decke, so Berkner.

Wasserstoffzüge aus Mitteldeutschland. Das ist noch eine Vision. Die Jobs, die derzeit in den Kohlerevieren entstehen, kommen vor allem vom Staat, der dort Behörden ansiedelt. So hat das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle eine Außenstelle in Weißwasser gegründet. Forschungszentren sollen weitere Arbeitsplätze bringen.

Der Kohlekumpel wird dort wohl keine Anstellung finden. Aber vielleicht seine Kinder. Wie viele Jobs wirklich ersetzt werden können, wird man erst in zehn bis fünfzehn Jahren wissen.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 29. April 2021 | 06:09 Uhr

16 Kommentare

Jana vor 31 Wochen

Die Lösung wird nicht eine große Ansiedlung sein, sondern die Förderung eines gesunden innovativen Mittelstandes.

Wer glaubt das eine jahrzehntelang abgenudelte Braunkohleprogramm einfach durch einen neues nicht innovatives Industriezentrum ersetzen zu können, der denkt wohl noch planwirtschaftlcih.

Jana vor 31 Wochen

Jetzt bin ich noch auf ihre Wahlepfehlung gespannt... so was kommt doch da in der Regel....
Aber diesen Mut zur Wahrheit haben sie ja nicht... andeuten, ein bischen stänkern, dinge in den Raum stellen.

Man sollte immer aufpassen wen man wählt, denn aus dieser Entscheidung vieler ergibt sich, wer einen regiert.....

Jana vor 31 Wochen

Die Ideen sollten wohl zuallererst die Menschen und Institutionen in der Region haben.
Die Bundesregierung wird kein Kombinat in die Pampa setzen und Einladungen verschicken, dass man doch bitte dort arbeitet. Das war gestern mal die Methode.....

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