Wohnen in Mitteldeutschland Mittelgroße Städte legen bei Mieten stärker zu

Die Mieten in einigen mittelgroßen Städten in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sind in den vergangenen fünf Jahren stärker gestiegen als in den mitteldeutschen Großstädten. Trotzdem haben diese Orte mit 20.000 bis 100.000 Einwohnern nicht das Mietpreisniveau der Metropolen erreicht.

ein Mietvertrag mit einem Schlüssel
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In Sachsen-Anhalt stieg das Mietniveau in Staßfurt (11,9%) und Sangerhausen (10,2%) mit Abstand am stärksten, in Thüringen in Gotha (7,5%) sowie in Sachsen in den Städten Meißen (6,1%) und Freiberg (5,7%). Der Anstieg in den meisten Großstädten lag in den fünf Jahren zwischen zwei und sechs Prozent. Das ergab der Vergleich von Mieten für eine zehn Jahre alte 75 qm-Modellwohnung mit Standardausstattung durch das MDR-Magazin "Umschau". Grundlage der Auswertung sind Daten der F+B GmbH (Hamburg). Alle Daten zu den mitteldeutschen Städten sind im folgendem Link abrufbar.

Gestiegene Mietwohnungsnachfrage steigt im Metropolen-Umland

Den größeren Anstieg in den mittelgroßen Städten erklärt F+B Geschäftsführer Dr. Bernd Leutner wie folgt: "Wir beobachten bei den Immobilien bundesweit einen Anstieg der Nachfrage im erweiterten Speckgürtel um die Metropolen. Ein Arbeitsweg von 30 bis 40 Minuten ist da kein Hindernis mehr. Die Coronaschutzmaßnahmen haben neue Möglichkeiten fürs Homeoffice aufgezeigt. Das verstärkt den Trend. Wir sprechen in der Immobilienwirtschaft bei diesem Trend von einem Überschwappeffekt."

Bernd Leutner
Immobilienexperte Bernd Leutner, Geschäftsführer der F+B GmbH Bildrechte: F+B GmbH

Die Verwaltungen der betroffenen Städte begründeten das Plus bei den Mieten u.a. mit der gestiegenen Attraktivität ihrer Orte sowie mit dem Abriss von nicht sanierten preisgünstigen Wohnungen und mit millionenschweren Investitionen in Wohnraum mit besserer Ausstattung. Die entstandenen Kosten seien im rechtlichen Rahmen auf die Miete umgelegt worden, hieß es. Die zuständigen Stellen der Städte verwiesen darauf, dass die Kommunen trotzdem auch preiswerten Wohnraum bereitstellen könnten.

Sachsen-Anhalt: Staßfurt und Sangerhausen werten Wohnungsbestand auf

Mit einem Plus bei Mieten in Staßfurt in Höhe von 11,9 Prozent und in Sangerhausen von 10,2 Prozent sind die Steigerungsraten mehr als doppelt so hoch als in den beiden größten Städten in Sachsen-Anhalt. In Magdeburg lag der Anstieg bei 3,8 Prozent und in Halle bei 5,7 Prozent. Die Experten von F+B erklären die Zahlen für Staßfurt und Sangerhausen damit, dass die Mieten trotz rückläufiger Bevölkerung stiegen mit zwei wesentlichen Fakten: Die Neubaumieten seien überdurchschnittlichen gestiegen, zudem sei auch der Anteil der Neubauwohungen auf dem Wohnungsmarkt größer geworden.

Staßfurt Stadtansicht
Staßfurt in Sachsen-Anhalt Bildrechte: imago images/Shotshop

Ähnlich erklärt es die städtische Wohnungs- und Baugesellschaft mbH in Staßfurt. Zum einen seien 360 preiswerte und nicht modernisierte Wohnungen abgerissen worden, heißt es. Zum anderen habe die Stadt circa 8,5 Millionen Euro in den Kernbestand investiert und auf die Miete umgelegt. Nach Auffassung der Stadtverwaltung ist Staßfurt als Wohnstandort attraktiv, weil es eine gute Infrastruktur und Verkehrsanbindungen nach Magdeburg und Halle gibt.

Marktplatz Sangerhausen
Marktplatz Sangerhausen Bildrechte: MDR/Mandy Schalast-Peitz

Ähnliche Erklärungen gibt es in Sangerhausen. Oberbürgermeister Sven Strauß sagte: "Die prozentuale Erhöhung des Mietniveaus startet von einer niedrigen Ausgangsbasis und ist auch zurückzuführen auf eine Reihe von Veränderungen des Wohnungsbestandes. So wurden im betreffenden Zeitraum zahlreiche Wohnungen nicht nur saniert und modernisiert, sondern auch infolge des demographischen Wandels zurückgebaut."

Thüringen: Hohe Mieten schwappen aus Erfurt nach Gotha über

Luftaufnahme von Schloss Friedenstein in Gotha
Blick über die alte Residenzstadt Gotha Bildrechte: Schloss Friedenstein

In Thüringen kletterten die Mieten in Gotha mit Abstand am stärksten. Mit einem Plus von 7,8 Prozent liegt die Stadt weit vor Erfurt (4,8%), Gera (2,2%) und Jena (1,4%). Nach Einschätzung der Immobilienexperten von F+B ist der starke Anstieg auf die Nähe zu Erfurt zurückzuführen. "Es kommt zu einer Anpassung der Mieten an die in der Landeshauptstadt", erklärt F+B Geschäftsführer Leutner. Nach den Zahlen von F+B reduzierte sich der Abstand von einem Euro (5,30 zu 6,30 Euro) auf 90 Eurocent (5,70 zu 6,60 Euro).

Für Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch ist diese Entwicklung nicht überraschend. Er sagte: "In den letzten zehn Jahren hat die Stadt an Attraktivität gewonnen und es setzte ein großer Bau- und Sanierungsboom ein". Aus seiner Sicht hat das folgende Gründe: Die zentrale Lage in Thüringen, das Angebot an vielen guten Arbeitsplätzen, die Ausweisung neuer Bauflächen und ein Wohlfühlklima in sozialer, sportlicher und kultureller Infrastruktur. "In diesem Jahr liegen uns bereits Bauanträge mit Investitionen im Wert von 13 Millionen Euro vor", sagte er. Der private Wohnungsbau mit höherwertigen Ausstattungen und einer barrierefreien Ausrichtung führe einerseits zu einer Erhöhung der Marktmiete, so der Oberbürgermeister. Andererseits gebe es einen sehr hohen Nachfragedruck. Nach wie vor sei das Interesse an komfortablen Wohnmöglichkeiten in Gotha sehr groß, was für die Entwicklung der Stadt nicht von Nachteil sei.

Sachsen: Studenten lassen in Freiberg Mieten stärker steigen

In Sachsen verzeichnet zwar die Großstadt Leipzig mit 9,8 Prozent den höchsten Mietniveauanstieg. Doch danach folgen schon die mittelgroßen Städte Meißen mit 6,1 Prozent und Freiberg mit 5,7. Daran schließt sich die Landeshauptstadt Dresden mit 4,8 Prozent an. Nach Einschätzung der F+B Experten wirkt sich in Meißen die Nähe zu Dresden auf die Mietpreise aus. "Meißen verzeichnet eine positive Nachfrageentwicklung, gemessen an der Entwicklung der Zahl der Haushalte im Zeitraum von 2015 bis 2019", erklärt Leutner.

Dom und Albrechtsburg.
Blick über die Wohnhäuser der Meißner Altstadt Bildrechte: Saskia Barthel/MDR

Darüber hinaus gebe es Sondereffekte durch touristische Attraktivität der Porzellan-Stadt. Nach Beurteilung der SEEG Stadtentwicklungs- und Stadterneuerungsgesellschaft Meißen sind tatsächliche Mietpreissteigerungen bei Bestandsmietern in wesentlich geringerem Maße wirksam geworden, während neue Produkte ihren auskömmlichen Preis haben. "Diese werden vorwiegend durch zuziehende Mieter nachgefragt", sagte SEEG Geschäftsführerin Birgit Richter. Sie verwies darauf, dass die Kommune auch preiswerten Wohnraum bereitstellen könne, weil Modernisierungsumlagen und Mieterhöhungen nicht im möglichen Maße vorgenommen werden würden.

Umschau - Mietpreise 10 min
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Umschau Di 21.07.2020 20:15Uhr 10:07 min

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Den vergleichsweise hohen Anstieg der Mieten in Freiberg erklären die F+B Immobilienmarktexperten  mit der günstigen Lage der Stadt zwischen den Großstädten Chemnitz und Dresden. Zwar sei gemessen an der Entwicklung der Zahl der Haushalte im Zeitraum 2015 bis 2020 die Nachfrage nur gering angestiegen, allerdings gebe es eine Zusatznachfrage von Studenten. Zudem bringe ein studentischer Wohnungsmarkt eine überdurchschnittliche Fluktuation und damit Neuvermietungsquote mit sich.

Nach Auskunft der Stadtverwaltung bietet Freiberg hervorragende Rahmenbedingungen für jedes Alter: für Familien, Senioren und Studenten. "Besonders ist die Nachfrage für gut sanierten und seniorengerecht ausgestatteten Wohnraum gestiegen. Das Mietpreisniveau hat sich insoweit tendenziell positiv entwickelt, da mit der wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt Freiberg höhere Preise bei besserer Ausstattung marktfähig sind", heißt es. Studien hätten gezeigt, dass Freiberg eine eigene hohe Anziehungskraft habe. "So hat sich auch die Investitionsbereitschaft der Wohnungsunternehmen und der Privat-Investoren erhöht", erklärt eine Sprecherin der Stadtverwaltung.

Datengrundlage und Methodik

Basis der Auswertung sind Immobiliendaten, die F+B Forschung und Beratung für Wohnen, Immobilien und Umwelt GmbH nach eigenen Angaben seit 2002 quartalsweise erhebt. Dabei werden über 30 Mio. Objekte aus Anzeigen auf Internetportalen untersucht. Berücksichtigt werden die 510 deutschen Städte mit mehr als 25.000 Einwohnern. Dabei werden die Angebote über einen längeren Zeitraum regelmäßig gescannt. Nach Depublizierung der Anzeige wird die geforderte Angebotsmiete von F+B als realisiert angenommen. Nach deren Auskunft haben Stichproben immer wieder gezeigt, dass diese Annahme realistisch ist.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 21. Juli 2020 | 20:15 Uhr

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