Nachfolger gesucht Wirtschaftsexperte: Bildungssystem sollte Lust auf Unternehmertum wecken

Ein Dienstleister für Maschinenbau in Magdeburg hat ihn gefunden, ein Bauunternehmer im Mansfeld-Südharz bangt noch: Bei der Ausbildung von Nachfolgern sieht Wirtschaftsexperte Lahmann bereits Schulen in der Pflicht.

Ein Mann reicht einem anderen Mann einen Dachziegel
Die Übergabe eines Unternehmens gestaltet sich bei Handwerksbetrieben zunehmend schwierig. Bildrechte: dpa

Unternehmen in Magdeburg mit Nachfolger-Glück

Hans-Georg Ehle ist glücklich. Ihm ist etwas gelungen, was immer weniger Unternehmern gelingt: "Ich habe das Glück gehabt, über ein Landesprogramm einen Nachfolger zu finden", sagt er mit einem Lächeln. "Da bin ich sehr dankbar“.

Landesprogramme helfen bei der Suche

Ehle hat seit der Wende die "Ehle Insystec" geführt, einen Dienstleister für Maschinenbau im Raum Magdeburg. Weil seine Tochter den Betrieb nicht übernehmen wollte, hatte sich Ehle an das Projekt  "ExNa – Existenzgründungen im Rahmen der Unternehmensnachfolge" des Landes Sachsen-Anhalt gewendet.

So kam Ehle mit Michael Methner zusammen. "Ich bin noch jung, suchte eine neue Herausforderung und dachte mir, das ist die Chance, die ich nutzen muss", beschreibt Methner seine Motivation, Geschäftsführer zu werden. Der Industriemeister hatte vorher einige Jahre in einem großen Unternehmen gearbeitet und sich weitergebildet, ehe er den Schritt in die Selbsständigkeit gewagt hat.

Unternehmen durch mehrere politische Systeme gerettet

Seit März ist Michael Methner neuer Geschäftsführer, hat Anteile an der GmbH übernommen. Noch wird er dabei von seinem Vorgänger unterstützt.

Ihm sei es wichtig gewesen, den Betrieb zu erhalten, sagt Ehle. Schließlich habe die Familie den Betrieb über drei Generationen und drei politische System hinweg erhalten können.

Auch aus einer Verantwortung gegenüber den vier Mitarbeitern wollte Ehle nicht aufgeben. "Ich halte den Nachfolgermangel für ein existentiell wichtiges Thema für die Wirtschaft in ganz Deutschland, in Ostdeutschland noch mehr", sagt Ehle.

Seit Jahreswechsel ist der Unternehmer offiziell in Rente. Noch hat er ein kleines Zimmer im Büro, schaut ab und an vorbei und unterstützt nach Bedarf. "Ich kann jetzt in Ruhe frühstücken, kann ausschlafen, bin aber mit dem Betrieb noch verbunden. Im Moment ist alles optimal", erklärt er zufrieden.

Hans-Georg Ehle
Hans-Georg Ehle hat mit Michael methner für sein Unternehmen in Magdeburg einen Nachfolger gefunden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nachfolgermangel: Kein Einzelfall

Nach einigen Jahren der Suche hat Ehle jemanden gefunden. Viele andere Unternehmen gehen dagegen leer aus. "Wir sehen, dass auf zwei nachzufolgende Unternehmen nur ein potenzieller Nachfolger kommt", sagt Prof. Alexander Lahmann von der Handelshochschule Leipzig. Er forscht seit einigen Jahren zu dem Thema. Und wie eine aktuelle Studie zur Unternehmensnachfolge in Leipzig zeigt, an der auch der Wissenschaftler mitgewirkt hat, ist die Lage ernst: "Selbst bei Nachfolgen, die erst in den nächsten zwei Jahren anstehen, ist nur in einem Viertel der Fälle ein Nachfolger bereits gefunden", ist eines der Ergebnisse der dort Befragten. Und es werden die Folgejahre viele suchen: Bei circa zwei Dritteln der Studienteilnehmer stünde die Nachfolge in fünf Jahren an.

Gründe für den Mangel an Nachfolgern gibt es mehrere. Einerseits seien in der jüngeren Generation weniger Menschen dazu bereit, die Verantwortung und das Risiko einer Selbstständigkeit zu übernehmen, sagt Lahmann. Andererseits seien nicht alle Unternehmen wirtschaftlich richtig gut für die Übergabe aufgestellt, etwa weil zu wenig in die Digitalisierung oder die Anlagen investiert wurde. "Wir sehen, dass gerade wirtschaftlich weniger attraktive Unternehmen natürlich einen Nachfolgermangel haben und oftmals als einzige Option die Stilllegung bleibt", so Lahmann.

Wirtschaftsexperte sieht auch Schulen in der Pflicht

Lahmann wünscht sich, dass schon in der Schule das Unternehmertum gefördert wird, etwa indem gezielt auch Praktika bei Selbstständigen vermittelt werden. So würden auch junge Menschen an die Möglichkeit herangeführt, selbst irgendwann mal Chef zu sein. "Das Bildungssystem sollte, wenn möglich, dass Interesse für Unternehmertum wecken und Risikobereitschaft fokussieren", sagt der Wissenschaftler.

Nachwuchs heranziehen

Ohne Nachwuchs werden viele Unternehmen schließen müssen. Von einer "gewissen Marktbereinigung" und einer "Tendenz zu größeren Unternehmen" spricht der Ökonom Lahmann von der HHL. Was er damit meint: dass einige Selbstständige ihre Firmen aus der Not heraus an die Konkurrenz verkaufen. Statt drei kleiner Bauunternehmer könnte es dann einen großen in einer Region geben.

"Wir sehen ja oft, dass sich Unternehmer gerade regional einsetzen, sei es, für den Fußballverein Sponsoring zu übernehmen oder Veranstaltungen zu halten. Das würde uns dann verlorengehen", beschreibt Lahmann die Konsequenzen.

Unternehmer in Mansfeld-Südharz bangt noch

Einer, der in seiner Region sehr verwurzelt ist, ist Rüdiger Bösel. Mit einem Geschäftspartner führt der Bauingenieur ein Bauunternehmen in Blankenheim im Kreis Mansfeld-Südharz, unweit von Eisleben. Vor 21 Jahren gründete er das Geschäft, weil er selbst gerade keine Anstellung fand.

Mit viel Mühen und Energie baute er sich etwas auf, hat mittlerweile elf Mitarbeiter. In ein paar Jahren würde er gerne in Rente gehen, findet aber keinen Nachfolger. Das abstrakte Problem des Nachfolgermangels ist für ihn sehr konkret.

Rüdiger Bösel
Rüdiger Bösel sucht noch einen Nachfolger für sein Unternehmen in Blankenheim. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kontakte in regionale Wirtschaft vorhanden

"Wir hatten mal einen Gesellen zur Meisterschule geschickt, der hat uns dann aber verlassen. Wir haben Öffentlichkeitsarbeit geleistet. Wir haben an Messen teilgenommen, unter der Führung von ExNa“, zählt Bösel auf, was er schon alles unternommen hat, um seinen Betrieb übergeben zu können. "Das tut schon ein bisschen weh. Es ist natürlich emotional. Wir haben Höhen und Tiefen mit dieser Firma durch".

Dabei könnte ein Nachfolger auf einem guten Fundament aufbauen: Kontakte in die regionale Wirtschaft sind geknüpft, die Firma kommt weitestgehend ohne Montage aus und die beiden Gründer würden einen potenziellen Nachfolger noch einige Zeit anlernen und begleiten. Doch es fehlt an Interessenten. Und denen, die bislang kamen, fehlte die nötige Qualifikation. "Ein Meister oder ein Ingenieursstudium sollte es schon sein", sagt Bösel.

Elf Mitarbeiter hoffen auch auf Nachfolger im Unternehmen

Wenn sich kein geeigneter Kandidat findet, könnte das auch das Ende der Firma "Kaltenborner Bau GmbH" bedeuten. Dann müssten sich die elf Mitarbeiter neue Jobs suchen. Doch auch schon heute wirkt sich das Problem sehr konkret aus. Derzeit würden Investitionen und Neueinstellungen genau abgewogen oder zurückgestellt, da keiner wisse, wie es weitergeht. "Jetzt, wo – für unsere Verhältnisse – so viel Arbeit da ist, Geld da ist, fehlen für uns die Perspektiven", sagt Bösel. "Weil wir zurzeit niemanden finden, der hier die Verantwortung – mit uns die erste Zeit sicherlich zusammen – übernehmen will".

Quelle: MDR Umschau und MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 14. Juni 2021 | 17:45 Uhr

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