Klimaneutralität Mitteldeutscher Netzbetreiber enivaM beklagt fehlenden Masterplan

Deutschland will bis 2045 klimaneutral werden. Beim Heizen, im Verkehr oder bei der Industrie darf kein zusätzliches CO2 ausgeblasen werden. Der mitteldeutsche Netzbetreiber enivaM hat dazu seine Sichtweise vorgestellt: Er fordert, dass der Ausbau erneuerbarer Energien schneller vorangehen und Energie auch aus dem Ausland importiert werden müsse.

Windkraftanlagen auf einem Feld
Der Ausbau der Windenergie kann dabei helfen, dass Deutschland klimaneutral wird. Bildrechte: IMAGO

Klimaneutralität – was bedeutet das eigentlich? Fragt man Stephan Lowis, den Chef des Stromnetzbetreibers enviaM, zeigt er ein paar Studien. Zum Beispiel jene der chemischen Industrie: Sie allein rechnet bis 2045 durch neue strombasierte Verfahren mit einem Strombedarf von 685 Terawattstunden pro Jahr. Um diese Menge klimaneutral zu erzeugen, müsste man 63.000 Windräder aufstellen, sagt Lowis, oder 24 Jahre lang 7 neue Windräder jeden Tag. Die Aufgabe sei also riesig.

Es gäbe da nur ein Problem: "Ich betone immer wieder: Es fehlt ein Masterplan zur Erreichung von Klimaneutralität. Bis heute liegt er nicht vor, ist er nicht designt worden und das fehlt", beklagt der enviaM-Chef. Die Politik habe zwar ein Ziel definiert, aber keinen konkreten Weg dahin beschrieben. Dabei müsse der Ausbau der Erneuerbaren viel schneller vorangehen.

Schneckentempo beim Netzausbau

Lowis hat noch eine andere Studie, eine von der Denkfabrik Agora Energiewende: Bis 2045 benötigt Deutschland demnach fast das Fünffache der heute installierten Ökostrom-Leistung. Zugleich müssten die Stromnetze verstärkt werden. Doch auch beim Netzausbau gehe es nur im Schneckentempo voran: "Vom Tag der Idee bis zum Bauen dauert es teilweise zehn, in ganz schlechten Fällen auch mal fünfzehn Jahre. Wir reden da nicht von Leitungen, die mehrere hundert Kilometer lang sind, sondern wir reden von Leitungen, die manchmal nur fünf bis fünfzehn Kilometer lang sind."

Wenn man die Genehmigungsverfahren nicht beschleunige, käme man nie zum Ziel. Dabei sei das Ziel, klimaneutral zu werden, aus seiner Sicht nicht nur nötig, sondern auch möglich, sagt Lowis. Durch mehr Windkraft auf See, durch den Austausch bestehender Windräder mit leistungsfähigeren Modellen, durch Kooperation mit dem Ausland.

Energie auch aus dem Ausland importieren

Lowis bezweifelt, dass Deutschland mit erneuerbaren Energien 100 Prozent Autarkie erreichen könne: "Deshalb müssen wir an zwei Stellhebeln drehen: Das eine ist die Speicherung von Energie. Aber natürlich müssen wir auch überlegen, inwiefern wir aus dem Ausland Energie importieren von unseren europäischen Nachbarn sicherlich."

Sein Blick geht aber auch über Europa hinaus. Grün erzeugter Wasserstoff als Energieträger ließe sich zum Beispiel auch aus Ländern importieren, die deutlich mehr Ökostrom erzeugen können als Deutschland. Vor Jahren gab es mal die Vision, nordafrikanische Länder einzubeziehen, den Sonnengürtel der Erde stärker zu nutzen. Die Sache geriet in Vergessenheit. Um die Idee wiederzubeleben bräuchte es auch hier einen Plan.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 25. August 2021 | 16:10 Uhr

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