Nord Stream 2 Wird Deutschland jetzt abhängig vom russischen Gas?

Im Streit um "Nord Stream 2" haben sich Deutschland und die USA auf einen Kompromiss geeinigt. Grundlage: Russland darf die Pipeline nicht als Druckmittel einsetzen. Wird Deutschland damit abhängig vom russischen Gas?

Auf einer Plattform am Pipeline-Verlegeschiff «Castoro 10» vor der Südostspitze der Insel Rügen arbeiten Fachleute an der Verbindung zwei bereits im Vorjahr verlegter Leitungsstücke der Ostsee-Erdgaspipeline Nord Stream 2
Das Pipeline-Verlegeschiff "Castoro 10" vor der Südostspitze der Insel Rügen bei Verbindungsarbeiten von Leitungsstücken der Ostsee-Erdgaspipeline "Nord Stream 2". Bildrechte: dpa

USA – Deutschland 1:1. So könnte man kurz und knapp den Ausgang des Streits um "Nord Stream 2" beschreiben. Jede Seite wahrt das Gesicht: Deutschland, weil die USA ihren Widerstand aufgeben und die Pipeline ohne Sanktionen im vorpommerschen Lubmin landen kann. Und die USA, weil Biden, in dieser Sache im eigenen Land extrem unter Druck, auch punktet: Sollte Moskau den Ukraine-Konflikt verschärfen, muss Deutschland schärfere Sanktionen einleiten. Und Deutschland muss zahlen – für die Ukraine.

Wie abhängig ist Deutschland von Russland?

Seit Jahren steht der Vorwurf im Raum, Deutschland würde sich mit "Nord Stream 2" von Russland und seinen Gaslieferungen abhängig machen – oder noch abhängiger. Doch stimmt das?  

Seit den 1990er-Jahren haben sich die Gasimporte nach Deutschland verdoppelt. Lag der Anteil russischen Gases damals bereits bei 50 Prozent, so sank er bis 2016 auf 35 Prozent ab. Zwar lieferte Russland mengenmäßig mehr Gas, aber andere Länder erhöhten ihren Anteil. So verdoppelten die Niederlande ihre Lieferungen und Norwegen lieferte sogar viermal mehr Gas nach Deutschland als Anfang der 1990er-Jahre.

Der Gasmarkt ist in Bewegung

In den letzten Jahren sank der Anteil der Niederlande wieder und der von Russland stieg – aktuell auf 55 Prozent. Die Kritiker scheinen also richtig zu liegen. Dieses Auf und Ab der Zahlen zeigt vor allem eins: Der Gasmarkt ist in Bewegung und Abhängigkeiten lassen sich offenbar schnell ändern.

Ein Blick auf den deutschen Energiemix zeigt zudem: 35 Prozent der in Deutschland verbrauchten Energie stammen aus Öl, 25 Prozent aus Erdgas. Wenn davon etwa die Hälfte aus Russland kommt, heißt das: Knapp 13 Prozent des deutschen Energiebedarfs wird durch russisches Erdgas gedeckt.

Klimaziele beinhalten auch Abkehr von Erdgas

Ob sich mit "Nord Stream 2" daran viel ändern wird, bleibt abzuwarten. Zwar sollen durch deren rund 1.200 Kilometer lange Doppelleitung schon bald jährlich 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas von Russland nach Deutschland gepumpt werden, allerdings ist dieses Gas nicht ausschließlich für Deutschland bestimmt, sondern auch für andere Länder Westeuropas oder für Tschechien.

Und perspektivisch dürften die Gaslieferungen – auch aus Russland – eher ab- als zunehmen. Denn um seine Klimaziele zu erreichen, will Deutschland zunehmend auf den Verbrauch von Erdgas verzichten. Bis 2050 sollen in der EU überhaupt keine fossilen Energien mehr verbrannt werden dürfen – auch kein Erdgas. "Nord Stream 2" scheint also ein befristetes Projekt zu sein, es sei denn, man nutzt die Pipeline später zum Transport von flüssigem Wasserstoff, wie jüngst Fachleute in Russland vorgeschlagen haben. Das würde aber nur Sinn ergeben, wenn dieser Wasserstoff "grün" wäre und nicht in Russland durch Energie aus Erdgas hergestellt würde.

Russland ist eher von Deutschland abhängig

Nicht Deutschland ist von Russland abhängig. Es ist eher umgekehrt: Russland braucht Deutschland. Es ist anteilsmäßig der europaweit größte Abnehmer russischen Erdgases – aber damit eben auch der wichtigste Kunde von Russlands Staatskonzern und Exportmonopolist Gazprom.

Mehr als die Hälfte der Gazprom-Exporte ging im vergangenen Jahr nach Deutschland. Erdöl- und Erdgaslieferungen machen insgesamt mehr als die Hälfte des russischen Exports aus, Steuern aus dem Öl- und Gasgeschäft wiederum stehen für den Löwenanteil der Einkünfte des russischen Staates. Es sind vor allem Energieexporte, die Deutschland nach China und den Niederlanden zum drittwichtigsten Exportpartner Russlands machen.

Mehr als zwei Drittel der russischen Exporte nach Deutschland waren 2017 Erdgas, Öl und Steinkohle

Als Handelspartner ist Deutschland für Russland wichtiger als andersherum. Von allen deutschen Importen kamen 2017 drei Prozent aus Russland. Umgekehrt gehen nur zwei Prozent der deutschen Exporte nach Russland. Für das Land ist die Bundesrepublik mit einem Anteil von 8,6 Prozent ihres gesamten Außenhandels der zweitwichtigste Partner hinter China. Und mehr als zwei Drittel der russischen Exporte nach Deutschland waren Erdgas, Öl und Steinkohle.

Die Angst, Russland könnte im Krisenfall Deutschland den Gashahn zudrehen, scheint unbegründet. Laut einer Simulation des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln könnte Deutschland ein Totalembargo mindestens fünf Monate lang ohne Versorgungsengpässe überstehen. Außerdem will sich Deutschland weiterhin die Option für Gasimporte aus anderen Ländern offenhalten. Im Koalitionsvertrag beschlossen CDU/CSU und SPD, die Einfuhr von verflüssigtem Erdgas (LNG) über Schiffe voranzutreiben.

Nutzen von "Nord Stream 2" überbewertet

Vor diesem Hintergrund scheint vielen Experten die Angst vor "Nord Stream 2" übertrieben, aber auch dessen Nutzen überbewertet. Denn es gibt weiterhin ausreichend Alternativen, um Gas nach Deutschland und in die EU zu transportieren, wie die Sojus-Trasse aus den 1970er-Jahren, die durch die Ukraine führt und deren Leitungen und insbesondere Verdichterstationen saniert werden müssten. Es gibt die Pipeline "Jamal-Europe" durch Weißrussland und Polen, "Nord Stream 1" über die Ostsee, "TurkStream" durchs Schwarze Meer und "Tesla" später weiter nach Österreich. Sie alle werden weiterhin genutzt.

Hart umkämpfter Weltmarkt

Im Streit um "Nord Stream 2" dürften die USA sich wohl weniger um die deutsche Energiesicherheit sorgen. Vielmehr geht es um knallharte Macht- und Wirtschaftspolitik. Seit über 70 Jahren sind die USA und Russland die größten Erdgasförderer der Welt. 1950 lagen die USA auf Platz 1, die damalige Sowjetunion auf Platz 2, wobei die USA damals sage und schreibe 50 Mal mehr Erdgas förderte als der kommunistische Konkurrent. Nach und nach holten die Sowjets auf und übernahmen 1983 erstmals die Führung. Um die Jahrtausendwende wechselte diese einige Male, ehe Russland leicht davon zog. Seit 2009 sind wieder die USA weltweit die Nr. 1.  

Russland ist weltweit größter Gas-Exporteur

Aber: Während die USA ihr Gas größtenteils im Inland verbrauchen, ist Russland der größte Exporteur – und das mit großem Abstand. Die USA exportieren gerade ein Drittel der russischen Menge. Und das wollen die Amerikaner ändern.  Sie drängen mit ihrem Gas auf den europäischen Markt.

An der US-Küste stehen vier große Terminals bereit, um Erdgas zu verflüssigen und in alle Welt zu verschiffen. Dabei wird das Gas auf ca. minus 160 Grad heruntergekühlt und auf sechs Prozent seines ursprünglichen Volumens verdichtet. Im Zielhafen muss das Flüssiggas dann wieder in einen gasförmigen Zustand gebracht werden, Fachleute sprechen von Regazifizierung. Dieser Prozess und der Transport über Tausende Kilometer macht US-amerikanisches teurer als russisches Gas – und damit hierzulande nicht wettbewerbsfähig.

Amerikanisches Erdgas gilt als besonders "schmutzig"

Amerikanisches Erdgas gilt als besonders "schmutzig", denn 50 Prozent der Förderung erfolgen durch Fracking. Es zieht nicht nur die unmittelbare Natur in den Fördergebieten in Mitleidenschaft, sondern schädigt auch die Atmosphäre. Denn gerade beim Fracking sollen große Mengen an Methan austreten, das sehr viel klimaschädlicher ist als etwa das bekannte Treibhausgas Kohlendioxid. Schon im Dezember 2017 bestätigte eine Studie der NASA: Der globale Anstieg von Methan-Emissionen seit dem Jahr 2006 geht zum größten Teil auf die Öl- und Gasindustrie zurück, insbesondere auf den massenhaften Einsatz von Fracking.

Zwar gelangt auch bei der Förderung und beim Transport russischen Erdgases Methan in die Atmosphäre, für Experten sind diese Mengen aber längst nicht so groß wie beim Fracking. Vor diesem Hintergrund wirkt es schon befremdlich, dass sich gerade Bündnis90/Die Grünen so vehement gegen "Nord Stream 2" positionieren, aber nicht – zumindest nicht in gleichem Maße - gegen Frackinggas aus den USA.

Dennoch sind in vielen Häfen Europas Terminals für LNG, wie das Flüssiggas auch genannt wird, entstanden. Die größten befinden sich im belgischen Zeebrugge, in Barcelona und Huelva in Spanien, im französischen Fos-Cavou und in Montoir-de-Bretagne oder in Gate in den Niederlanden. Mit Fördergeldern der EU wurden unlängst auch LNG-Terminals im kroatischen Krk, im litauischen Kleipeda und im polnischen Swinemünde in Betrieb genommen. Das in diesen Häfen ankommende LNG-Gas stammt dabei nicht nur aus den USA, sondern (noch) überwiegend aus Algerien, Norwegen oder Katar, Länder, die ohne Fracking auskommen. Doch die USA erhoffen sich in Europa größere Geschäfte - auch in Deutschland, wo in Brunsbüttel und in Stade bereits LNG-Terminals existieren.

USA kooperiert mit Polen – als Tor nach Osteuropa

Große Hoffnung setzen die Amerikaner vor allem auf Polen. Das Land will ab 2022 seine Gasimporte aus Russland nach und nach einstellen. Das neue Terminal in Swinemünde soll helfen, nicht nur Polen, sondern ganz Osteuropa von russischem Gas unabhängiger machen.

Die Vereinigten Staaten kooperieren eng mit Polen, sagt Justyna Bokajlo, Politikwissenschaftlerin vom Institut für internationale Beziehungen an der Uni Breslau: "Wir sind das Tor zu einer Burg, die sich Mittel- und Osteuropa nennt, und vielleicht sogar ein Tor, um die Politik der gesamten Europäischen Union zu beeinflussen". Mit den aktuell vereinbarten Hilfen für die Ukraine beteiligt sich auch Deutschland finanziell an diesem Vorhaben.

Russland seit 50 Jahren zuverlässiger Lieferant für Deutschland

Deutsch-Russische Gasgeschäfte waren den USA schon früher ein Dorn im Auge. 1970 unterzeichneten die Bundesrepublik und die Sowjetunion das erste Erdgas-Abkommen. Ein Tauschgeschäft: Sowjetisches Erdgas wurde geliefert gegen Leitungs-Rohre aus dem Westen. Tausende ostdeutsche Arbeiter schweißten sie in der Ukraine zusammen.

Der Deal war auch ein politisches Projekt, sagt der Historiker Frank Bösch, Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam: "Tatsächlich stützte die Gaspipeline die Beziehungen über Krisen hinweg. Auch nach dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan wurden die Gas-Geschäfte ausgebaut, auch gegen das Veto der Amerikaner."

Tatsächlich stützte die Gaspipeline die Beziehungen über Krisen hinweg.

Frank Bösch, Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam

Deutsch-Russische Gasgeschäfte schon Reagan ein Dorn im Auge

Schon Präsident Reagan hätte die Gas-Geschäfte mit den Sowjets gerne gestoppt. Doch das habe er nie geschafft. Im Gegenteil: Die Lieferungen nach West-Europa stiegen bis 1990 immer weiter an. "Die Beziehungen blieben krisenfest, weil es natürlich um sehr, sehr große Zahlungen aus mehreren Ländern ging. Und die Sowjetunion war auf diese Devisen aus dem Westen angewiesen", betont Frank Bösch, der auch eine Professur für Europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts innehat.

Einen Nachteil an den Lieferungen gen Westen hatten übrigens ausgerechnet die verbündeten Ostblockstaaten. Für sie stiegen mit dem West-Geschäft der Sowjets die Preise für die eigenen Gas-Importe. 

Könnte Nord Stream 2 sogar die Gaspreise senken?

Im Auftrag des "Nord Stream 2"-Konsortiums hat die Universität Köln untersucht, welche Auswirkung die Fertigstellung und Nutzung der Energietrasse für die Gaspreise hierzulande haben könnte. Die Wissenschaftler kommen zu dem Ergebnis, dass die neue Pipeline zusammen mit der Sojus-Trasse den Wettbewerb stärken und sich positiv auf die Preise auswirken könnte.

So heißt es in der Studie: "Da LNG-Importe im Großen und Ganzen teurer sind als Pipeline-Importe aus Russland, hat die Nutzung von 'Nord Stream 2' somit einen preisdämpfenden Effekt auf den europäischen Gasmarkt. Dies gilt auch für die Staaten, die nur indirekt Gas über die Pipeline beziehen. Hierzu zählt insbesondere Deutschlands östlicher Nachbar Polen: Bei einer Nutzung von 'Nord Stream 2' liegt der durchschnittliche, mengengewichtete Gaspreis in Polen im Jahr 2030 ca. fünf Prozent unter dem Gaspreis, der sich ohne die zusätzliche Bezugsroute einstellen würde. Somit profitiert Polen in ähnlichem Umfang von 'Nord Stream 2' wie Deutschland, die Niederlande oder Dänemark.“

Wettbewerb zwischen russischem Pipelinegas und LNG-Importen

Insgesamt sei der EU-Gasmarkt flexibel, auch dank anderer Bezugsquellen, z.B. über LNG-Terminal. Und auch die Ukraine als Transitland würde mit "Nord Stream 2" nicht an Bedeutung verlieren: "Auch mit 'Nord Stream 2' besteht weiter Bedarf für die ukrainische Route. Diese trägt ebenfalls zu niedrigeren Erdgaspreisen in Europa bei, da sie einen stärkeren Wettbewerb zwischen russischem Pipelinegas und LNG-Importen ermöglicht. Aus europäischer Sicht ist daher der Betrieb beider Korridore ökonomisch sinnvoll", so das Fazit der Studie.

Übrigens: Der Bau eines weiteren Flüssiggasterminals in Deutschland, im niedersächsischen Wilhelmshaven, ist kürzlich gescheitert. Nicht, weil sich Deutschland gegen das Projekt stemmte, sondern weil es der künftige Betreiber nicht schaffte, langfristig ausreichende Liefermengen vertraglich zuzusichern, die einen rentablen Betrieb garantieren. Für die Flüssiggaslieferanten ist es aktuell offenbar lukrativer, ihre Fracht Richtung Asien zu schicken.     

Quelle: MDR-Wirtschaftsredaktion, Frank Frenzel

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Radio | 22. Juli 2021 | 11:00 Uhr

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