Stuttgart 21, BER, Citytunnel und Co Warum kosten öffentliche Bauprojekte meistens mehr als eingeplant?

Wenn der Staat baut, wird es fast immer teurer als geplant. Das haben zum Beispiel der Berliner Flughafen, Stuttgart 21 oder die Elbphilharmonie gezeigt. MDR AKTUELL-Hörer René Pahlig fragt sich, warum öffentliche Bauprojekte selten zu den angegeben Kosten gebaut werden und ob sich die Behörden nicht nach Kostenvoranschlägen richten müssen.

Bauarbeiten am Magdeburger Citytunnel
Auch der Magdeburger Citytunnel wird deutlich teurer werden als ursprünglich berechnet. Bildrechte: MDR/ Stephan Schulz

Es ist ein Projekt, das sich schon Jahre hinzieht: Seit 2006 plant und seit 2015 baut die Stadt Magdeburg einen Citytunnel für den Verkehr unweit des Hauptbahnhofs. Veranschlagte Baukosten bislang: 198 Millionen Euro. Fünfmal mehr als einst kalkuliert.

Dass öffentliche Bauten fast immer mehr kosten als gedacht, hat aus Sicht des Bundes der Steuerzahler einen zentralen Grund. Bei Prestige-Projekten kalkuliere die Politik bewusst knapp, sagt Präsident Reiner Holznagel. Denn nur, wenn die Vorhaben nicht zu teuer erscheinen, bekäme man für sie auch Mehrheiten. "Am Anfang steht ein Projekt, das wahrscheinlich auch wichtig ist und das alle wollen und brauchen. Damit es schnell durchgeht, werden die Kosten klein und der Nutzen groß gerechnet und die Bauzeit ebenfalls als gering betrachtet. Dann sind alle ganz euphorisch und es wird losgebaut. Am Ende treten diese Versprechungen alle nicht ein. Wir haben es grundsätzlich immer mit Fehlplanungen zu tun."

Tunnelarbeiten in Magdeburg 9 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Steigende Baupreise durch Inflation

Doch Fehlplanungen sind es nicht allein. Auch die Inflation spielt eine Rolle. Geplant werden öffentliche Bauten auf Basis des Baupreisindex vom Statistischen Bundesamt. Doch ein Bau dauert oft viele Jahre, Genehmigungsverfahren ziehen den Start in die Länge. Derweil aber entwickelten sich die Baupreise weiter, sagt Daniel Anger vom Bauindustrieverband Ost. Und dann kämen noch unerwartete Ereignisse hinzu: "Das haben wir schon gesehen in der Corona-Pandemie, merken es jetzt aber auch im Russland-Ukraine-Konflikt: Teilweise kann wegen gekappten Lieferketten Material nicht mehr geliefert werden beziehungsweise nur zu einem höheren Preis und das steigert natürlich auch die Baukosten für öffentliche Bauprojekte, die teils schon geplant sind."

Laut einer Studie der Hertie School of Governance werden Großprojekte in Deutschland im Durchschnitt 73 Prozent teurer als kalkuliert. Auf die oft zu optimistische Planung folgt die Ausschreibung konkreter Bauleistungen. Hier sieht Henrik Scheller vom Deutschen Institut für Urbanistik ein Problem. Die öffentliche Hand suche immer das günstigste Angebot. Doch günstig mache es wahrscheinlicher, dass bestimmte Leistungen fehlen oder Mängel auftreten.

Nachbesserungen würden dann wieder kosten: "Wir plädieren sehr dafür, Wirtschaftlichkeitsanalysen über den gesamten Lebenszyklus von solchen Baumaßnahmen anzustellen. Tatsächlich nicht den Günstigsten zu wählen, auf den es meist hinausläuft und auch alternative Beschaffungsmöglichkeiten gut abzuwägen im Planungsprozess."

Konkurrenz durch Privatwirtschaft

Zu guter Letzt, sagt Scheller, hätten wachsende Baukosten auch mit Fachkräftemangel zu tun. Früher hätten in den Verwaltungen ausreichend Expertinnen und Experten gesessen, die ein Bauangebot kritisch hinterfragen konnten. Jetzt fehle in den Behörden schlicht Personal: "Weil natürlich auch die Gehaltsstrukturen im öffentlichen Dienst in keinster Weise konkurrenzfähig sind mit der Privatwirtschaft. Viele Berufseinsteiger entscheiden sich ganz bewusst für die Privatwirtschaft, weil sie da mehr verdienen können als in der öffentlichen Bauverwaltung."

Ein Trost mag sein, dass öffentliche Bauten auch im Ausland schon mal mehr kosten als gedacht. Die Oper von Sydney wurde einst für 7 Millionen Dollar geplant. Gekostet hat sie am Ende 102 Millionen. Heute ist sie ein Wahrzeichen. Auf diesen Status kann der Magdeburger Citytunnel eher nicht hoffen. Aber immerhin: Ende des Jahres soll er fertig werden.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 30. März 2022 | 06:00 Uhr

19 Kommentare

Eulenspiegel vor 26 Wochen

Also hier sind viele Aspekte genannt worden. Also wirklich Ausschließen kann man bei dem Umfang der Aufträge davon nichts wirklich. Ein wichtiger Aspekt der bei allen Projekten eine Große Rolle spielt fehlt aber.
Da gibt es das Gesetz der Sparsamkeit bei öffentlichen Aufträgen. Wenn also ein öffentlicher Auftraggeber nicht den billigsten Anbieter nimmt so muss er das sehr genau begründen. Das heißt viel zusätzliche Arbeit. Und dazu muss er mit Vorwürfen wie Steuerverschwendung rechnen bevor der Auftrag ausgeführt wird. Das wissen die Unternehmen natürlich.
Darum stellt sich die Frage immer was wäre ein gerechter Preis?
Denn die Kostenvoranschläge können diese Frage ja nicht beantworten.
Wenn also ein Projekt sagen wir 20 % teurer wird so wissen wir im Grunde nicht ob es sich da um Steuerverschwendung geht oder ob diese 20 % mehr einfach dann ein realistischer Preis ist.

Denkschnecke vor 26 Wochen

Von einigen wird hier der öffentlichen Hand vorgeworfen, mit Steuergeldern unempfindlich umzugehen - "ist ja schließlich nicht das eigene Geld", z.T. sogar mit dem Vorwurf krimineller Machenschaften.
Meine eigene Erfahrung ist, dass ich als Bauherr bei einem umfassenden Innenausbau von der Bauleitung (!) als erstes (!) gefragt wurde, ob die Gewerke denn generell mit oder ohne Rechnung arbeiten sollten. Und das blieb nicht das einzige Mal, dass die Rechnung angesprochen wurde. Von gewöhnlichen lokalen Handwerksbetrieben.
Schwarzarbeit ist womöglich der verbreitetste Betrug am Steuerzahler: Da kann sich der eine oder andere private Bauherr durchaus mal an die eigene Nase fassen.

Denkschnecke vor 26 Wochen

Hä? Wer sagt denn sowas? Ein gewisses niedriges Niveau an Inflation ist für die wirtschaftliche Stabilität sinnvoll, und die EZB hat schon immer eine Zielmarke von 1,5-2%.

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