Lieferungen aus Russland Warum ein Ölembargo Ostdeutschland besonders stark treffen würde

Aktuell-Redakteure - Lucas Grothe
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Möglichst bald will Deutschland auf russisches Erdöl verzichten – teilweise wird sogar ein kurzfristiger Lieferstopp gefordert. Das stellt vor allem den Osten vor Probleme.

Die Anzeigetafel einer Tankstelle leuchtet am frühen Morgen in Leipzig.
Die Tankstellen in Mitteldeutschland werden über die Raffinerie Leuna versorgt – und die wiederum mit Öl aus Russland. Bildrechte: dpa

Wiederholt gibt es angesichts des Angriffs auf die Ukraine Forderungen nach einem Energieembargo gegen Russland. Dabei geht es um Gas, Öl und Steinkohle. Die Bundesregierung will beim Öl möglichst bald unabhängig von Russland sein und unterstützt inzwischen ein Ölembargo gegen das Land. Dessen Präsident Wladimir Putin kündigte kürzlich an, die Energieexporte von Europa nach Asien umlenken zu wollen. Einen konkreten Zeitplan nannte er aber nicht.

Woher kommt das Öl in Mitteldeutschland?

Ostdeutschland ist traditionell besonders von russischen Öllieferungen abhängig. Anders als Westdeutschland. Vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine kamen die Ölimporte Deutschlands zu rund 34 Prozent aus Russland. Im Osten sieht es allerdings ganz anders aus – der Landesteil wird fast ausschließlich mit Öl aus Russland versorgt.

Deutlich wird das bei der Infrastruktur für Ölimporte. Der Energieträger kommt aus der Pipeline Druschba ("Freundschaft") in Schwedt in Brandenburg an. Dort steht die Raffinerie des Unternehmens PCK und verarbeitet nach eigenen Angaben im Jahr zwölf Millionen Tonnen Rohöl zu Kerosin, Diesel, Benzin, Heizöl, Bitumen und Stoffen für die chemische Industrie. Das Problem: PCK gehört mehrheitlich zum russischen Energieunternehmen Rosneft.

Von Schwedt aus fließt ein weiterer Teil des Öls zur Total-Raffinerie in Leuna in Sachsen-Anhalt und wird dort ebenfalls weiterverarbeitet. Die Raffinerie produziert nach eigenen Angaben jedes Jahr rund drei Millionen Tonnen Benzin und deckt damit den Bedarf für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Zudem werde die chemische Industrie mit Methanol versorgt. Insgesamt würden pro Tag 30.0000 Tonnen Rohöl verarbeitet. Laut Bundesregierung geht jeweils rund ein Drittel des russischen Röhöls nach Schwedt, Leuna und Westdeutschland.

Wie abhängig Ostdeutschland von Importen aus Russland ist, zeigt auch der kürzlich vom Bundeswirtschaftsministerium erstellte "Fortschrittsbericht Energiesicherheit". Dort wird skizziert, wie die Bundesrepublik zeitnah von russischen Energielieferungen unabhängig werden kann. In dem Bericht heißt es: "Die kurzfristige Substitution von Rohöl in geeigneten Qualitäten insbesondere an den Raffinerie-Standorten Leuna und Schwedt, die Tankstellen, Fluggesellschaften, Privathaushalte und Unternehmen unter anderem mit Benzin, Diesel, Flugbenzin oder etwa Heizöl versorgen, stellt die Mineralölwirtschaft vor größere Herausforderungen, da sie ihr Rohöl über Pipelines aus Russland beziehen."

Welche Auswirkungen hätten ein Ölembargo oder ein Lieferstopp?

Genau vorhersagen kann das derzeit niemand. Klar ist nur: Ein Ölembargo oder Lieferstopp aus Russland würde den Osten sehr viel stärker treffen als den Westen. Joachim Ragnitz ist stellvertretender Geschäftsführer des ifo-Instituts in Dresden. Ragnitz erwartet in einem solchen Fall Versorgungsengpässe bei Benzin, Diesel, Kerosin und Heizöl. "Das würde zu Versorgungsengpässen, einer Verteuerung und Problemen bei der Logistik führen", sagt Ragnitz.

Gerade rund um die Leuna-Raffinerie haben sich viele Chemiebetriebe angesiedelt, die auf Ölprodukte angewiesen sind. "Diese Industrie steht bei vielen Produkten am Anfang der Wertschöpfungskette", so Ragnitz. Ein Produktionsstopp könne einen Dominoeffekt und massive Produktionsausfälle auch in weiteren Branchen auslösen – zumindest vorübergehend.

Felix Müsgens ist Professor für Energiewirtschaft an der Brandenburgischen Technischen Universität in Cottbus. Er sagt, dass Ölimporte durch das Angebot auf dem Weltmarkt zwar leichter zu ersetzen seien als Gasimporte. Komplett ausgeglichen werden könnten die Lieferungen aber nicht. "In der Folge dürften die Preise für Benzin, Diesel und Heizöl weiter steigen", sagt Müsgens.

Wie könnte das Öl im Osten ersetzt werden?

Das Problem ist: Ein kurzfristiger Ölausfall würde große logistische Herausforderungen für den Osten bedeuten. Denn die innerdeutsche Infrastruktur bei Öllieferungen ist noch immer Ost-West-geteilt. Während der Osten über die Druschba-Pipeline versorgt wird, kommt das Öl im Westen über eine Pipeline aus Südeuropa im bayrischen Ingolstadt an – oder über den niederländischen Hafen Rotterdam und dann über Schiffe weiter auf dem Rhein. Pipelines zwischen Ost und West existieren praktisch nicht. Das Öl müsste aufwendig mit Tanklastern (nach Leuna auch mit Zügen) aus dem Westen in den Osten gebracht werden.

Eine zweite Möglichkeit liegt in zwei Pipelines an der Ostsee: Im Hafen Rostock und im Hafen Danzig in Polen. Dort könnte theoretisch von Öltankern aus Öl in die weiter südlich verlaufenen Druschba-Pipeline gepumpt werden. Allerdings ist Öl nicht gleich Öl. Erdöl etwa aus Saudi-Arabien hat eine etwas andere Zusammensetzung als aus Russland. Letzteres ist zähflüssiger – was für manche chemische Prozesse von Vorteil ist. Unklar ist, ob die Raffinerien bei Öl aus anderen Weltregionen erst umgerüstet werden müssten. Laut einem Greenpeace-Gutachten von Mitte April gibt es durchaus Ölsorten, die nicht aus Russland kommen, und trotzdem in den Raffinerien im Osten verarbeitet werden können.

Wie sind die Pläne der Bundesregierung?

Die Bundesregierung schloß noch bis Ende April ein kurzfristiges Ölembargo gegen Russland aus und setzte stattdessen auf eine mittelfristige Umstellung der Lieferungen. Der Plan sah bisher vor, dass die Lieferungen bis Jahresmitte halbiert und bis Jahresende ganz ersetzt werden sollen.

Inzwischen unterstützt die Bundesregierung doch ein Ölembargo. Sie erwägt als letztes Mittel für die Raffinerie in Schwedt eine Enteignung, sollte es zu einem kurzfristigen Lieferstopp oder einem Ölembargo kommen. Grundlage soll eine Novelle des Energiesicherungsgesetzes sein, die bis Mitte Mai beschlossen sein könnte. Habeck scheint davon auszugehen, dass die Hürde Rosneft bald zu nehmen ist.

Allerdings wird das besonders im Osten wohl - zumindest temporär - massive Auswirkungen haben. In einem internen Bericht für den Energieausschuss des Bundestages, der dem MDR vorliegt, hatte das Ministerium für Wirtschaft und Klimaschutz Ende April geschrieben, man erwarte bei einem Lieferstopp von russischem Öl nach Deutschland deutlich höhere Preise für Kraftstoff und Heizöl sowie regional und temporäre "Mangelsituationen".

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 14. April 2022 | 15:00 Uhr

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