Personalmangel "Wir suchen Verstärkung!"

Immer mehr Betriebe haben zu wenig Personal. Und das liegt nicht nur an Corona. Die Folge: verkürzte Öffnungszeiten oder mehr Ruhetage. Wie können Betriebe mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter rekrutieren?

Schild an einem Schaufenster einer Modeboutique: WIR SUCHEN MOTIVIERTE FLEXIBLE TEILZEITKRAFT UND AUSHILFE (M/W) FUER DEN VERKAUF
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Es ist Dienstagmorgen und Bäckermeister Ricardo Fischer füllt seine Auslagen. Endlich läuft das Geschäft seiner Filiale im Leipziger Waldstraßenviertel wieder. Hat fünf Tage in der Woche bis zu zwölf Stunden geöffnet. In der letzten Zeit standen Kundinnen und Kunden unter Umständen vor geschlossenen Türen. Fischer berichtet, dass es sowieso Personalengpässe gegeben habe. Nachdem dann noch eine Verkäuferin krank geworden sei, konnte der Laden nur noch halbtags besetzt werden.

Ricardo Fischer ist Bäcker aus Berufung. In sozialen Netzwerken verfolgen Tausende seine Tipps, wie ein gutes Brot gelingen kann. In der analogen Welt haben immer weniger junge Leute Interesse an dem Handwerk. Fischer sucht händeringend nach neuen Kolleginnen und Kollegen. 23 Angestellte arbeiten derzeit für ihn. Mit zwei festen Standorten und mehreren Marktständen, wird es da manchmal knapp. Als Fischer Ende der neunziger Jahre in die Lehre ging, herrschte noch ein anderer Wind auf dem Arbeitsmarkt.

Ricardo Fischer
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Als ich angefangen habe mit meiner Ausbildung, hat man sich mit 19 weiteren Bewerbern um eine Stelle beworben. So könnte man es vielleicht beschreiben. Heute ist es umgekehrt, habe ich den Eindruck, dass sich eben auf einen Bewerber quasi 20 Firmen bewerben.

Ricardo Fischer Bäcker

In Deutschland sind derzeit rund 1,2 Millionen Stellen unbesetzt. In Ostdeutschland sind es 265.000. Und eine Entlastung ist nicht in Sicht. Die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer hören in den kommenden Jahren auf zu arbeiten. Allein im Jahr 2030 werden fast eine halbe Million Menschen mehr in Rente gehen, als umgekehrt ins Erwerbsleben starten. Währenddessen strömen immer mehr junge Menschen in die Universitäten. Für eine Ausbildung entscheiden sich wenige.

Um seine Mitarbeiter im Betrieb zu halten, hat Fischer das Backhandwerk auf den Kopf gestellt. Gebacken wird jetzt am Tag, statt in der Nacht – ohne allzu viele Überstunden. Und bei denen, die neu einsteigen ins Bäckerhandwerk steigen die Ansprüche. Auch durch die aktuelle Mindestlohndebatte. Ricardo Fischer spüre in Bewerbungsgesprächen, dass die Bewerberinnen und Bewerber mehr wollen, als noch vor ein paar Jahren: "Da wird dann höher verhandelt und gesagt: Ich möchte da nicht für den Mindestlohn arbeiten gehen, sondern möchte dann schon mehr, gerade bei Fachkräften." Er findet das richtig. Wer die dreijährige Ausbildung zur Bäckereifachkraft gemacht habe, habe mehr als den Mindestlohn verdient.

Dass sich langfristig die Unternehmen anpassen müssten, das sieht auch Dirk Werner vom Institut der Deutschen Wirtschaft: "Wir haben ganz klar einen Bewerbermarkt, wo die Beschäftigten sich ihre Stellen viel stärker aussuchen können, als das früher der Fall war", erzählt er im Gespräch mit Exakt. Um attraktiv zu bleiben, müssten die Unternehmen Strukturen schaffen, die für potentielle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen Mehrwert böten. Das könne eine flexiblere Arbeitszeit oder mehr Homeoffice sein.

Köchin in Restaurantlüche am Herd. 10 min
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Corona verschärft Trends am Arbeitsmarkt

Dass fehlendes Personal zu Chaos im Betrieb führt, konnten einige Reisende in den Herbstferien am Berliner Flughafen erleben. Vom Gepäckdienst bis zum Check-in: Überall fehlen Arbeitskräfte. So mancher verpasst deshalb seine Flieger. In der Corona-Pandemie haben laut einer Umfrage 44 Prozent der Beschäftigten in der Bodenabfertigung den Job verlassen. Wo sind sie jetzt?

Zum Beispiel in einem neuen Paketzentrum von DHL in der Nähe von Berlin. Milena Miethling hat bis Januar für den Berliner Flughafen gearbeitet. Sie war vier Jahre lang in der Passagierabfertigung tätig, bis sie durch die Corona Pandemie in Kurzarbeit musste. Dann kam das große Nachdenken.

Milena Miethling
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Die Arbeitsbedingungen am Flughafen waren über Jahre stetig schlechter, weil wenig Personal, viel Arbeit, viel Zeitdruck. Der Zeitdruck war immer da. Aber jetzt durch die Corona-Krise, wurde es noch schlimmer. Ob es bei den Airlines war, ob es bei den Abfertigungsfirmen war, es wurde immer schlechter. Und man hat immer mehr Angst und Bedenken: Wie geht es weiter?

Milena Miethling DHL

Bei ihrem neuen Arbeitgeber sieht Milena Miethling mehr Krisensicherheit, sie hat jetzt außerdem Verantwortung für mehrere Mitarbeiter, die die Paketcontainer beladen. Der neue Job macht ihr Spaß.

Dirk Werner vom Institut der Deutschen Wirtschaft glaubt allerdings nicht, dass diese Verschiebungen am Arbeitsmarkt durch die Pandemie bleiben werden. Vielmehr hätten sie dazu geführt, dass Trends sich verschoben hätten. Das habe aber die gleichen Auswirkungen auf alle Branchen.

Betriebe setzen auf Arbeitskräfte aus dem Ausland

Besonders hart von der Krise getroffen wurden Restaurants. Monatelang mussten sie schließen, viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gingen in Kurzarbeit oder orientierten sich um. In den vergangenen zwei Jahren ist die Zahl der Beschäftigten im Gastgewerbe bundesweit um rund 270.000 zurückgegangen. In Dresden musste Gastronom Moyd Karrum seine Innengastronomie, das Carolaschlösschen, monatelang schließen. Er kämpft um seine Kollegen. Für ihn sind sie das Herzstück seines Betriebs: "Die Gastronomie lebt von den Menschen, die da arbeiten. Gastronomie ist nicht nur Tapete und Licht. Gastronomie ist jeder einzelne Kollege, der mit den Gästen arbeitet. Nur wenn sie ein schönes Haus haben, dann können sie auch ein Museum aufmachen."

Es ist für Moyd Karrum mittlerweile zur Hauptaufgabe geworden, Personal zu finden und zu halten. 80 Prozent seiner Arbeitszeit ginge es darum, Mitarbeiterpflege zu betreiben. Bei der Suche nach gutem Personal ergreift der Gastronom die Initiative. Er wirbt an Schulen um den Nachwuchs, bietet seinen Mitarbeitenden flexible Arbeitszeitmodelle an und er bemüht sich auch um neue Azubis aus dem Ausland. Auf letztere sei er angewiesen. Und er sieht diesen Trend auch in anderen Branchen.

Moyd Karrum
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Ich rede über alle Bereiche, Pflegekräfte, Gastronomie, Logistik. Was auch immer. Wir brauchen Leute, die auch die einfachen Jobs machen können.

Moyd Karrum Gastronom

Die Zahlen geben ihm Recht: Ohne Zuwanderung in den Arbeitsmarkt würden laut Studien im Jahr 2031 in Deutschland 3,6 Millionen Arbeitskräfte fehlen. Das würde das Aus nicht nur für viele Gastronomiebetriebe bedeuten.

Die neue Regierung will das Problem jedenfalls angehen. Im Sondierungspapier halten SPD, FDP und Bündnis 90/ Die Grünen unter anderem fest, dass sie den Mindestlohn anheben wollen, Arbeitszeit unter bestimmten Voraussetzungen flexibler gestaltet werden soll und das Fachkräfteeinwanderungsgesetz praktikabler werden soll.

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Quelle: MDR exakt

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt | 27. Oktober 2021 | 20:15 Uhr

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