Der Redakteur | 06.05.2022 Ölknappheit: Sollten wir alle unsere Ressourcen für Nahrungsmittel nutzen?

Alexander Möller aus Suhl fragt sich, ob es bei der Knappheit von Pflanzenöl in den Supermärkten nicht sinnvoll wäre, die Beimischung von Pflanzenöl im Diesel sein zu lassen? Und außerdem: Warum müssen ab 2023 mindestens vier Prozent der EU-Ackerflächen brach liegen?

Ein Rapsfeld
Wäre es nicht besser, der ganze Raps würde zu Speiseöl verarbeitet? Bildrechte: colourbox

Sollten wir angesichts der aktuellen Lage nicht alle Ressourcen, die wir haben, für die Nahrungsmittelproduktion nutzen? Doch so einfach ist es leider nicht. Das geht los beim Speiseöl. Unser Öl in der Flasche ist nicht dasselbe, was als Biodiesel oder Bioethanol unseren Kraftstoffen zugesetzt wird. Rund 30 Prozent unserer Biokraftstoffe werden aus Reststoffen produziert, die wir nicht wirklich in der Flasche haben wollen.

Lücken in den Produktionsketten

Und es gibt noch ein weiteres Problem: Würden wir von jetzt auf gleich statt Biokraftstoffe Speiseöl produzieren, würden wir an anderen Stellen in den Produktionsketten neue Lücken aufreißen. Zum Beispiel entstehen bei der Rohstoffverwertung immer sogenannte Koppelprodukte. In diesem Fall ist es Eiweißfutter, das wir durch den Import von Soja ersetzen müssten. Auch Glycerin, das sonst aus Erdöl produziert werden müsste, fällt bei der Biokraftstoffproduktion an. Das ist ein wichtiger Rohstoff in der Chemie-, Kosmetik- und Pharmaindustrie, sagt Franziska Müller-Langer vom Deutschen Biomasseforschungszentrum Leipzig. Sie sieht ganz andere Ansatzpunkte. Es gäbe nämlich weniger eine Konkurrenz zwischen Tank und Teller, sondern eher eine zwischen Teller und Trog, denn 60 Prozent der weltweit angebauten Biomasse gehen in den Futtertrog.

Mann befüllt den Tank seines Autos mit Pflanzenöl aus Raps 16 min
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16 min

Dr. Franziska Müller-Langer vom Deutschen Biomasseforschungszentrum Leipzig erklärt, warum es bei der Speiseölknappheit vor allem um eine Konkurrenz zwischen Nahrungs- und Futtermittelproduktion geht.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Fr 06.05.2022 16:45Uhr 15:37 min

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Das heißt: Hier könnten wir wirklich Meter machen und vermehrt das zu Nahrung verarbeiten, was auf den Feldern wächst. Das geht aber nicht über Verbote, sagt Franziska Müller-Langer, da ist ein gesellschaftliches Umdenken nötig und das wird Zeit brauchen.

60 Prozent der weltweit angebauten Biomasse gehen in den Futtertrog.

Dr. Franziska Müller-Langer, Deutsches Biomasseforschungszentrum Leipzig

Stilllegung von Agrarflächen

Ähnlich verhält es sich auch bei der Problematik der Vier-Prozent-Stilllegung wertvoller Ackerflächen, gegen die es schon Initiativen von Landwirten gibt. Diese Festlegung ist Bestandteil der EU-Agrarreform und damit auch wieder Teil eines komplexen Systems.

Die Flächenstilllegung soll vor allem der Erhaltung der Biodiversität dienen, welche unter der industrialisierten Landwirtschaft leidet. Ophelia Nick, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft sagt dazu: "Jeden Tag sterben Arten und zwar unwiederbringlich. Und um diesen Arten Rückzugsmöglichkeiten zu geben, sollen landwirtschaftliche Betriebe einen Teil ihren Flächen brach liegen lassen."

MdB, Parlamentarische Staatssekretärin für Ernährung und Landwirtschaft 15 min
Bildrechte: Ophelia Nick
15 min

Dr. Ophelia Nick, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft erklärt, warum es für die Nahrungsmittelproduktion wenig bringt auf die geplante Flächenstilllegung zu verzichten.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Fr 06.05.2022 16:45Uhr 15:23 min

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Darunter sind Flächen, die ohnehin nicht sonderlich hohe Erträge bringen wie Feldrandflächen oder Gewässerrandstreifen. Daher geht das Bundesministerium davon aus, dass es am Ende tatsächlich nur zwei Prozent "Verlustflächen" sind.

Zwar ist der Ansatz gut gemeint, mit dem Verzicht auf die Stilllegung einen Beitrag zur Ernährung der Weltbevölkerung zu leisten, aber das wird ähnlich wenig bringen wie das Weglassen des Biospritanteils im Benzin oder Diesel.

Jeden Tag sterben Arten und zwar unwiederbringlich und um diesen Arten Rückzugsmöglichkeiten zu geben, sollen landwirtschaftliche Betriebe einen Teil ihren Flächen brach liegen lassen.

Dr. Ophelia Nick, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft

Unabhängigkeit nicht nur bei Energie und Nahrungsmitteln

Erdöl und Erdgas zeigen, wie gut eine gewisse Unabhängigkeit ist. In anderen Ländern hingegen, die von Landwirtschaftsprodukten aus der Ukraine abhängig sind, geht es ans Eingemachte. Deshalb sei es wichtig, so Ophelia Nick, zum Beispiel afrikanische Länder in die Lage zu versetzen, die Grundversorgung ihrer Bevölkerung aus eigener Kraft stemmen zu können. Auf diese Weise sollen sie nicht mehr auf Importe aus einigen wenigen Ländern angewiesen sein, deren Ausfall nicht so schnell kompensierbar ist.

Auch Indien verbietet angesichts einer andauernden Hitzewelle gerade Lebensmittelexporte und will erstmal die eigene Bevölkerung versorgen. Das schafft möglicherweise neue Probleme.

An der Hitze und der damit verbundenen Dürre ist der Klimawandel schuld, der solche Extremwetter verursacht. Das bedeutet aber nicht, dass wir nun aufhören sollten, weltweit Handel zu treiben, aber zumindest die ortstypischen Basisprodukte auf den Tellern sollten alle Länder selbst anbauen.

Gegen die Verschwendung von Lebensmitteln

Und es gibt noch einen Punkt, der im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft oberste Priorität hat: Weltweit wird nach wie vor rund ein Drittel aller produzierten Nahrungsmittel nicht gegessen. Nicht nur der Endverbraucher wirft zu viel weg. Schon bei der Ernte geht der erste Teil verloren, der Rest in der Produktion, bei der Lagerung, auf dem Transport und im Supermarkt natürlich auch. Wir als verwöhnte Endverbraucher in einem der reichsten Länder der Welt möchten auch um 20 Uhr noch frischen Salat in der Auslage haben, der keine Chance hat, an diesem Abend komplett verkauft zu werden. Am nächsten Morgen will die welken Blätter dann schon niemand mehr haben.

Franziska Müller-Langer verweist auf ganze Schiffsladungen mit Lebensmitteln, die verderben, weil die Schiffe irgendwo festhängen. Auch werden Bestände vernichtet, weil damit spekuliert wird. Das sind Dinge, die global angegangen werden müssen.

Und wenn wir dann noch begreifen, dass wir aktuell die Lücken in unseren Regalen vor allem deshalb haben, weil das gehamsterte Zeug schon in unseren Kellern liegt, ist auch schon ein wichtiger kleiner Schritt getan. Zumindest in Sachen Versorgungssicherheit in Deutschland. 

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 06. Mai 2022 | 16:45 Uhr

1 Kommentar

wer auch immer vor 13 Wochen

Eindeutig eine Überbevölkerung auf diesem Planeten. Und solange die Einsicht nicht von selber kommt ist Keinem zu helfen.
Jetzt nur noch : mein Geld für mein Leben!

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Martin Bergner 3 min
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