"Pflegemurks" statt Pflegereform? Ost-West-Gefälle: So unterschiedlich sind die Löhne in der Pflege

Endlich faire Löhne in Ost und West: Dafür sollte ein verbindlicher Flächentarifvertrag sorgen. Doch im neuen Pflegegesetz ist davon keine Rede mehr. Eine große Enttäuschung vor allem für Altenpfleger im Osten.

Spahns Versprechen: Mehr Lohn für Altenpfleger

“Pflegekräfte in Deutschland werden Jahr für Jahr immer besser verdienen.“ Das hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn versprochen. Doch nun macht sich Enttäuschung breit.

Auch bei Altenpfleger Marcus Ader aus Teuchern in Sachsen-Anhalt. Er kann auf fast zehn Jahre Berufserfahrung verweisen. Trotzdem lag sein Grundgehalt zuletzt bei 2.247 Euro für eine 35-Stunden-Woche. "Das ist frustrierend. Wenn man sieht, dass andere Berufe deutlich mehr Geld verdienen. Gerade die Altenpflege ist ja ein Beruf, der wichtig ist und immer wichtiger wird.“

Das ist frustrierend. Wenn man sieht, dass andere Berufe deutlich mehr Geld verdienen.

Marcus Ader, Altenpfleger

Marcus Ader
Marcus Ader arbeitet sein rund zehn Jahren in der Altenpflege unter anderem in Leipzig und Weißenfels. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Hinzu kamen für den jungen Vater familienunfreundliche Arbeitsbedingungen: Dreischichtsystem, Wochenendarbeit und permanente Überlastung wegen Personalmangels.

"Durch Corona ist es noch extremer geworden, man konnte Familie und Beruf nicht mehr vereinbaren“, so Marcus Ader. Wegen des niedrigen Lohnes und der schlechten Arbeitsbedingungen kündigte er schlußendlich bei seinem alten Arbeitgeber, einem großen Wohlfahrtsverband in Leipzig. Jetzt arbeitet Marcus Ader für eine Zeitarbeitsfirma als Leihpfleger in verschiedenen Einrichtungen in Sachsen-Anhalt. Der Wechsel hat sich gelohnt, denn der Familienvater verdient nun mit 3.000 Euro deutlich mehr, fährt einen Dienstwagen und er kann seine Arbeitszeit flexibler einteilen.

Eine Pflegerin betreut einen älteren Mann
1,7 Millionen Menschen arbeiten in Deutschland sozialversicherungspflichtig als Pflegekräfte. Bildrechte: Colourbox.de

Wie groß sind die Ost-West-Unterschiede bei Pflegelöhnen?

Altenpfleger in Ostdeutschland verdienen bundesweit am wenigsten. Das belegen Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung.

Am niedrigsten liegen die Löhne in Sachsen-Anhalt mit 2.532 Euro brutto. In Sachsen sind es nur wenige Euro mehr. In Thüringen beträgt das Mittel immerhin 2.715 Euro. Trotzdem rangiert Mitteldeutschland damit bundesweit am unteren Ende.

Im Vergleich dazu verdient eine Fachkraft für die gleiche Arbeit in Rheinland-Pfalz etwa 3.100 Euro, in Bayern 3.217 und in Baden-Württemberg sogar 3.326 Euro im Monat. Das sind rund 800 Euro mehr als eine Fachkraft in Sachsen-Anhalt als Lohn erhält.

Bruttomonatsgehalt Fachkraft Altenpflege
Bundesländer im Ost-West-Vergleich: Wie hoch sind die Bruttomonatsgehälter? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bei Pflegekräften in Ost und West sorgen diese Unterschiede für Unverständnis und Unmut.

"30 Jahre ist die Wende her. Das kann nicht sein, dass wir immer noch solche Unterschiede haben", moniert Marcus Ader, Altenpfleger aus Teuchern in Sachsen-Anhalt. "Das funktioniert nicht, weil die Generation, die nach mir kommt - ich bin ja gerade noch so in der Wende geboren - aber die anderen haben nichts mehr mit Ost und West zu tun.“

30 Jahre ist die Wende her. Das kann nicht sein, dass wir immer noch solche Unterschiede haben.

Marcus Ader, Altenpfleger aus Sachsen-Anhalt

Eine Pflegehausbewohnerin in einem Seniorenzentrum hält sich in ihrem Bett an einem Haltegriff fest.
Die Pflegelöhne in Ost und West steigen kontinuierlich und sie nähern sich an, trotzdem belegen Studien auch 30 Jahre nach der Deutschen Einheit erhebliche Unterschiede. Bildrechte: dpa

Zehn Prozent weniger Lohn in Ostdeutschland

Einen deutlichen Ost-West-Unterschied zeigt auch eine aktuelle Studie der Steuerberatungsgesellschaft ETL. Danach liegen die Pflegelöhne im Westen 10 Prozent über denen im Osten. Studien-Autorin Martina Becker sagt gegenüber MDR Aktuell: "Die durchschnittlichen Brutto-Stundenlöhne in der Region Ost betrugen 14,80 Euro und in der Region West 16,51 Euro. In diesen Durchschnittslöhnen waren alle Zulagen enthalten, wie zum Beispiel die Nacht- und Feiertagszuschläge, Job-Tickets et cetera.

Trotz des nach wie vor deutlichen Unterschieds holen die Ost-Regionen auf. Lag die Differenz 2018 noch weit über 15 Prozent, waren es zuletzt nur noch rund zehn Prozent.

Eine Pflegefachkraft geht mit einer Bewohnerin durch das Seniorenheim.
Die Löhne von Pflegekräften lagen im Coronajahr 2020 unter dem deutschen Durchschnittsverdienst. Bildrechte: dpa

Höhere Corona-Prämien für den Osten

Bei den so genannten Corona-Prämien, die 2020 gezahlt wurden, kehrt sich das Verhältnis zugunsten der ostdeutschen Regionen um. Bis zu 1.500 Euro konnten Angestellte einmalig extra erhalten. Laut ETL-Studie fiel die Prämie im Osten üppiger aus als im Westen. Am meisten bekamen Pflegekräfte in Sachsen-Anhalt: mehr als 1.200 Euro. Am wenigsten Prämie wurde in Bayern gezahlt: knapp 760 Euro.

Steuerberaterin und Ökonomin Martina Becker erklärt, dass dort häufiger in Teilzeit gearbeitet werde. "Teilzeitbeschäftigte erhalten natürlich im Durchschnitt weniger Corona-Prämie als Vollzeitbeschäftigte. Dies ist auch im Gesetz so verankert. Das könnte ein Grund sein, warum die Corona-Prämien so unterschiedlich ausgefallen sind."

Die Hände eines Senioren halten einen Gehstock. Eine junge Frau stützt ihn.
Laut einer aktuellen Studie erhielten in Ostdeutschland wesentlich mehr Pflegekräfte die sogenannte Corona-Prämie als in Westdeutschland. Bildrechte: Colourbox.de

"Pflegemurks" statt Pflegereform

Unterm Strich bleiben erhebliche Unterschiede beim regulären Lohn in der Pflege. Ein bundesweit einheitlicher Pflegetarifvertrag hätte das ändern können. Doch der kommt nun nicht.

CDU und SPD hatten in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart: Die Bezahlung in der Altenpflege nach Tarif solle gestärkt werden. Tarifverträge müssen flächendeckend in Deutschland zur Anwendung kommen.

Kurz vor der Wahl wurde nun ein entsprechendes Pflegegesetz verabschiedet. Auf der Website des zuständigen Bundesgesundheitsministeriums wird dessen Ziel klar formuliert: "Die Altenpflege wird besser bezahlt und der Beruf attraktiver. Denn ab September 2022 werden nur noch solche Pflegeeinrichtungen zugelassen, die ihr Personal nach Tarif bezahlen.“

Die Hand einer jungen Person hält die Hand einer älteren.
Was bringt das Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetz (GVWG)? Bildrechte: Colourbox.de

Das klingt nach einem großen Wurf. Doch der Sozialwissenschaftler Prof. Stefan Sell kritisiert das Pflegegesetz scharf. Er spricht von "Pflegemurks". Gegenüber MDR Aktuell bemängelt er die gemachten Versprechungen des Bundesgesundheitsministers: "Wenn Jens Spahn nun verkündet, dass viele Pflegekräfte mit dem neuen Gesetz mehr Geld verdienen werden, dann ist das gelinde gesagt eine Botschaft der Hoffnung mit einem großen Enttäuschungspotential."

Die Reform führe keinesfalls dazu, dass der Lohn der Pflegekräfte automatisch steigt. Denn das Gesetz schließe sogenannte Gefälligkeitstarifverträge zwischen Pseudogewerkschaften und Pflegeanbietern nicht aus, die weiterhin keinen fairen Lohn zahlen wollen.

Markus Schlimbach
Laut Markus Schlimbach, dem Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes Sachsen, werden die Ost-West-Lohnunterschiede trotz Pflegereform zementiert. Bildrechte: dpa

Auch Markus Schlimbach, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Sachsen, hält das Gesetz für eine Mogelpackung. Die Hoffnung, dass die Löhne endlich flächendeckend steigen werden, sei mit dem Gesetz bitter enttäuscht worden.

"Es ist nur vorgeschrieben, dass man einen Tarifvertrag anwendet, aber nicht einen allgemein verbindlichen, nicht einen Flächentarifvertrag. Das kann jeder Betreiber sich selbst aussuchen, mit wem er verhandelt und was er dann als Tarifvertrag anerkennt. Damit wird kein Standard geschaffen. Dann können Dumping-Tarifverträge das ganze Lohn-Niveau wieder nach unten ziehen."

Was dem Gesetz fehlt, ist ein allgemein verbindlicher Tarifvertrag für ganz Deutschland. Jeder Betreiber kann weiter seinen eigenen Tarifvertrag ausgestalten und die Unterschiede zwischen Ost und West würden dadurch weiter zementiert, so Markus Schlimbach.  

Das Gesetz zur Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung im originalen Wortlaut hier: Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetz (GVWG)

Quelle: MDR UMSCHAU

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 20. Juli 2021 | 20:15 Uhr

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