Porträt aus dem Tagebau "Ich sehe meine Zukunft trotzdem hier"

In zweiter Generation ist Kai Langer bei der Mibrag beschäftigt. Er koordiniert die Riesenbagger im Tagebau Schleenhain. Die Maschinen faszinieren ihn. Doch 2035 ist Schluss mit dem Kohleabbau südlich von Leipzig – und zugleich das Ende seines Jobs.

Schaufelradbagger
Ein Schaufelradbagger der Mibrag im Tagebau Vereinigtes Schleenhain. Bildrechte: MDR/Ine Dippmann

Wer auf der Bundesstraße 176 südlich von Leipzig unterwegs ist, schaut direkt hinein, in den Tagebau Vereinigtes Schleenhain. Ein riesiges Loch in der Erdoberfläche, die mancher Mondlandschaft nennt. Kai Langer nicht. Er blickt mit Stolz und Begeisterung in die Grube. Für ihn sei es faszinierend zu sehen, "was hier bewegt wird, was wir hier schaffen" – nach den Plänen der Mibrag (Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft). Zugleich sei dies "ja nur eine Momentaufnahme."

Und man sieht ja an unterschiedlichsten Naherholungsgebieten, wie schön das hinterher wird.  

Kai Langer Steiger
ein Mann im Porträt
Mibrag-Steiger Kai Langer Bildrechte: MDR/Kai Langer

Kai Langer kennt hier jeden Winkel. Schon sein Vater war bei der Mibrag. Durch ihn ist er auch zum Braunkohle-Unternehmen gekommen. Nach der Ausbildung zum Elektriker faszinierten ihn die riesigen Geräte im Braunkohletagebau. Auf dem Eimerkettenbagger saß er am liebsten, weil der so präzise auch den letzten Rest Kohle aus dem Boden holen kann.

24-Stunden-Betrieb für das Kraftwerk Lippendorf

Inzwischen leitet der 37-jährige als Steiger ein Team von rund 30 Männern an, die die Großgeräte im Tagebau steuern. Sein Arbeitstag beginnt um 5:00 Uhr mit der Schichtübergabe, eine halbe Stunde später verteilt er die Aufträge.

Wir koordinieren den Einsatz der Großgeräte nach unseren geotechnischen Vorgaben. Die Jungs aus meiner Mannschaft sitzen am Ende auf dem Baggerfahrerstand und wir konkretisieren das in unseren Tagesabsprachen.

Kai Langer Steiger

Derzeit wird rund um die Uhr gebaggert – außer sonntags. Bis zu 50.000 Tonnen Braunkohle werden jeden Tag gefördert, für das Kraftwerk Lippendorf nebenan. Das verfeuert am Tag rund 35.000 Tonnen Kohle.

Drei Beschäftigte pro Bagger

In einem Braunkohletagebau steht ein riesiger Schaufelradbagger. Er ist hellblau angestrichen worden und sieht aus, als sei er schon lange im einsatz. Tatsächlich wurde das Riesengerät 1987 in der DDR montiert.
Ein Schaufelradbagger der Mibrag Bildrechte: Mibrag

Am Vormittag fährt Langer zu den Abbaustellen und kontrolliert den Fortschritt. Während an dem einen Ende noch Erdschichten abgetragen werden, gräbt sich am anderen schon ein Bagger durch die Kohle. Ein Absetzer verfüllt inzwischen die nicht benötigte Erde dort, wo die Kohle schon abgebaut ist. Leute sieht man im Tagebau kaum. Langer zufolge sind drei Mitarbeiter für den Betrieb eines großen Schaufelradbaggers nötig, viel weniger als zu DDR-Zeiten. Die Technik erleichtert das Arbeiten. Aber das Ende der Riesenmaschinen hier ist absehbar.

Kein Verständnis für Kohle-Proteste

Auf eine Protestaktion von Klimaaktivisten im Jahr 2019 gegen den Kohlekompromiss und die Mibrag reagiert Langer mit Unverständnis und Kritik. Es fehle das Augenmaß, sagt er. So gebe es ja auch einen Versorgungsauftrag. "Wir werden gebraucht ... noch". Die Kohlegegner hatten damals mehrfach Bagger besetzt.

Klimaaktivisten in weißen Overalls im Tagebau Welzow-Süd
Klimaaktivisten bei Protesten 2019 Bildrechte: xcitePRESS/lk

Langer: Umweltschutzkritik "total unangemessen"

Dass der Kohleabbau zu Ende geht, begeistere ihn nicht. Auf Fragen nach dem Umweltschutz reagiert der großgewachsene Mann mit dem gepflegten Vollbart fast einsilbig; in vielen Auseinandersetzungen abgeschliffen, wie die Findlinge, die die Eiszeit aus Skandinavien hier hergeschoben hat.

Für uns ist hier 2035 Schluss. Deshalb ist es wichtig, dass jetzt Weichen gestellt werden, dass man 2035 überhaupt auf uns verzichten kann. Also jetzt noch weiter mit dem Finger auf uns zu zeigen, das halte ich für total unangemessen. 

Kai Langer Steiger

Die Langfristplanung der Mibrag wurde erst vor Kurzem an den Kohleausstieg angepasst.

Trotz Ausstiegs will Langer bleiben

Zum Zeitpunkt des beschlossenen Kohleausstiegs wird Langer 54 Jahre alt sein. Die riesigen Bagger werden in anderen Ländern weiter arbeiten – aber ins Ausland zu gehen, sei für ihn keine Option, sagt Langer.

Ich sehe meine Zukunft trotzdem hier.

Kai Langer Steiger

Auch sein Sohn findet die riesigen Bagger faszinierend, erzählt Langer. Doch arbeiten wird er hier mit ihnen nicht mehr.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 02. Mai 2021 | 06:35 Uhr

1 Kommentar

REXt vor 24 Wochen

Gut, bei der Bergmannsrente die er bekommt könnte das klappen, aber gibts die schon mit 54J? Spaßbäder u. andere Freizeitspaß wird es genug geben, neue Zug u. Busverbindungen auch, aber macht das jeden Tag Laune?
Wie schrieb Mediator vor kurzem noch, bis 2038 sind die meisten Bergleute in Rente, was für eine Fehleinschätzung, typisch für ihn.

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