Energiewirtschaftsexperte antwortet Kann Putin Gasleitungen überhaupt einfach so stilllegen?

Deutschland soll russische Gasimporte mit Rubel bezahlen, fordert Putin. Sonst drehe er den Gashahn zu. Ist das technisch so einfach überhaupt möglich? Wir fragen Dominik Möst, Energiewirtschaftsprofessor an der TU Dresden.

Ein Techniker steht in der Kompressorstation der Ostseepipeline Nord Stream 2
Technisch wäre das Kappen von Gasleitungen kein Problem, aber wirtschftlich für Putin ein enormer Schaden, sagt Energiewirtschaftsprofessor Dominik Möst. Bildrechte: dpa

Putin will Rubel für Gas, Deutschland besteht auf Vertrag

Der russische Präsident Wladimir Putin will für russisches Erdgas nur noch Rubel akzeptieren. Schon mit seiner Ankündigung stieg der Rubel wieder im Kurs. Der Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck nannte die Forderung Putins einen "Vertragsbruch". In den Verträgen seien als Zahlungsmittel Dollar und Euro vereinbart.

Bundeskanzler Olaf Scholz lehnte eine Zahlung in Rubel ab und verwies wie Habeck auf die Verträge: "Das ist ja etwas, was dann auch gilt. Und da steht ja meistens Euro oder US-Dollar." Die Forderung Putins ist eine weitere Eskalationsstufe im Wirtschaftskrieg zwischen Westen und Russland. Ob es tatsächlich zu einem Stopp der Energielieferungen kommt, ist ungewiss. 

Die MDR-Wirtschaftsredaktion hat mit dem Energiewirtschaftsprofessor Dominik Möst von der TU Dresden darüber gesprochen, was im Falle eines Lieferstopps konkret passieren würde, wie schnell ein solcher Lieferstopp tatsächlich umgesetzt werden könnte und was Russland dann mit seinem überschüssigen Gas macht.

Interview mit Dominik Möst, Energiewirtschaftsprofessor an der TU Dresden

Gibt es den zuletzt so oft zitierten "Gashahn" wirklich?

Dominik Möst: Letztendlich ja. Der Gas-Fluss lässt sich ganz einfach steuern. Dann wird einfach ein Ventil beim Regelwerk zugemacht. Das geht relativ schnell und dann ist die Leitung abgeschaltet. Aus meiner Sicht ist das aber ein Szenario, was auch jetzt noch sehr, sehr unwahrscheinlich ist.

Dominik Möst
Dominik Möst ist Energiewirtschaftsprofessor an der TU Dresden. Bildrechte: Dominik Möst

Was macht Russland im Falle eines Lieferstopps mit dem Gas?

Dominik Möst: Die Gasförderung wird sicherlich weiterlaufen, da wird Gas anfallen. Wenn ich das nicht speichern kann, muss ich mir dann schon die Frage stellen: "Was mache ich mit dem Gas?" Ein Teil der Mengen wird sicherlich Abnehmer in China finden. Aber natürlich auch nur dort, wo die entsprechende Transportinfrastruktur dann auch in dem dafür notwendigen Umfang vorhanden ist. In den letzten Jahren hat es zwar eine Öffnung Richtung China gegeben, aber das heißt nicht, dass jedes Förderfeld in Russland einen unmittelbaren Pipeline-Anschluss nach China hat.

Darüber hinaus muss man sagen: Diese Umleitung gilt dann auch nicht für die das gesamte Gas. Die Gesamtmengen in dieser aktuellen Dimension, wie sie nach Europa fließen, lassen sich nicht komplett in andere Kanäle umleiten.

Die Gesamtmengen in dieser aktuellen Dimension, wie sie nach Europa fließen, lassen sich nicht komplett in andere Kanäle umleiten.

Was passiert mit dem überschüssigen Gas?

Dominik Möst: Natürlich gibt es zuletzt die Option, die allerletzte Option, das Gas in die Atmosphäre entweichen zu lassen. Daher stellt sich immer die Frage: Ist es wirklich eine Strategie, die jemand dann ernsthaft verfolgen will? Meine Einschätzung dazu ist tendenziell eher nein. Also, theoretisch sind das denkbare Optionen, die aber natürlich nicht unbedingt im Sinne von Russland sein können, weil damit unmittelbar Wert vernichtet wird.

Sie vermuten also nicht, dass es zum einem Lieferstopp kommt?

Dominik Möst: Russland hat ein Interesse, seinerseits die Verträge zu bedienen, weil dort enorme Einnahmen dahinterstecken. Aber letztendlich kann man nicht in den Kopf von Herrn Putin reinschauen und deswegen denke ich, man tut schon gut daran, jetzt auch möglichst schon so weit, wie es geht, Vorsorge zu treffen.

Und in Europa muss man sich die Frage stellen, ob man sich einen Boykott leisten kann. Das sind solche großen Mengen, von denen wir insgesamt reden, die sich zumindest in diesem kurzfristigen Zeithorizont nur schwer vollständig substituieren lassen. Sicherlich kann man davon Teile ersetzen, aber komplett auf diese Lieferungen zu verzichten im Gasbereich, das halte ich schon persönlich für eine extrem große Herausforderung, wenn nicht sogar unmöglich – zumindest für den nächsten Winter.

MDR-Wirtschaftsredaktion

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL – Das Nachrichtenradio | 23. März 2022 | 16:00 Uhr

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