Nach Ausruf der Gas-Alarmstufe Mitteldeutsche Politik und Wirtschaft besorgt - Verdreifachung des Gaspreises möglich

Mitteldeutsche Politiker und Wirtschaftsvertreter sind besorgt, dass nach der augerufenen Gas-Alarmstufe die Preise steigen und eine Mangellage entstehen könnte. Der Chef der Bundesnetzagentur hält sogar eine Verdreifachung des Gaspreises für möglich.

Aus Wut zerknüllt ein Mann seine Gasrechnung.
Der Präsident der Bundesnetzagentur, Müller, hält eine Verdreifachung des Gapreise für möglich. Bildrechte: imago/Petra Schneider

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hat am Donnerstagvormittag die zweite Krisenstufe des Notfallplans Gas ausgerufen. Politik und Wirtschaftsvertreter aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen blicken deshalb besorgt auf den kommenden Winter.

Dulig: "Müssen uns auf den Winter vorbereiten"

Die sächsische Regierung hat Verbraucher und Unternehmen im Freistaat zu einem sparsamen Gasverbrauch aufgerufen. Es gebe derzeit noch keine Mangellage, betonten Energieminister Wolfram Günther und Wirtschaftsminister Martin Dulig. Die Ausrufung der Alarmstufe 2 zeige aber, dass man sich in einer ernsten Lage befinde.

Man könne jetzt die Versorgungssicherheit gewährleisten, so Dulig. Aber: "Es gibt bisher keine Szenarien, die uns sicherstellen, dass wir im Winter ausreichend Gas zur Verfügung haben". Deshalb brauche man in den nächsten Wochen und Monaten eine Verhaltensänderung in der Bevölkerung und der Wirtschaft. Man müsse dringend sparen.

Wir müssen uns auf den Winter vorbereiten. Man kann jetzt nicht mit dem Prinzip Hoffnung arbeiten: Hoffentlich geht es gut. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass wir im Winter vor Problemen stehen.

Martin Dulig sächsischer Wirtschaftsminister

Der neuerliche Appell sei nötig, weil das aktuelle Geschehen bisher nicht zu einem geänderten Verhalten geführt habe. Der Gasverbrauch sei nicht signifikant zurückgegangen.

Nach Angaben von Günther hat Russland in den vergangenen Tagen die Durchleitung von Erdgas durch die Pipeline Nordstream 1 um 60 Prozent reduziert: "Das bedeutet, dass wir aktuell unser Gasspeicher nicht so auffüllen können, wie wir das wollen." Russlands Präsident Wladimir Putin spiele am Gashebel. Günther rechnet aber nicht mit einem sofortigen und akuten Anstieg der Gaspreise.

IHK Chemnitz: "Dogmatische Denkverbote über den Haufen werfen"

Die Industrie- und Handelskammer Chemnitz verlangte, jetzt alle Hebel in Bewegung zu setzen, um eine Gasmangellage insbesondere in Ostdeutschland zu verhindern. Zur Sicherung der Energieversorgung müssten "dogmatische Denkverbote" in Bezug auf Atomstrom oder Fracking über den Haufen geworden werden, hieß es. Besonders betroffene Unternehmen brauchten Liquiditätshilfen und Zuschüsse.

Sachsens Linke fordert Preisdeckel für Gas

Marco Böhme, der Sprecher der sächsischen Linksfraktion für Energiepolitik, hatte bereits vor der Stellungnahme Habecks deutliche Bedenken hinsichtlich der Preisweitergabe an die Verbraucher geäußert. Es könne nicht sein, dass arme Menschen und die Mittelschicht jetzt die Energiekonzerne retten sollen: "Sozial gerecht wäre ein staatlicher Preisdeckel für Gas, der allen Haushalten ein preisgünstiges, am Durchschnittsverbrauch orientiertes Kontingent zubilligt und Mehrverbrauch verteuert."

Dem Linken-Politiker zufolge solle man sich an Spanien und Portugal orientieren und zukünftig Brennstoff- und Treibstoffpreise deckeln. "Wir müssen eine weitere Kostenexplosion abwenden. Der Staat muss dafür sorgen, dass beispielsweise die Stadtwerke handlungsfähig bleiben."

Energieminister Willingmann ruft Unternehmen zu Einsparungen auf

Sachsen-Anhalts Energieminister, Armin Willingmann, sieht auch bei Unternehmen Möglichkeiten, Gas und Energie einzusparen. Willingmann sagte MDR SACHSEN-ANHALT, es gebe Betriebe, die mit Gas ihren eigenen Strom produzierten und gleichermaßen am öffentlichen Stromnetz hingen. Diese Firmen könnten sich am Markt bedienen und das nicht verbrauchte Gas in den Auktionshandel und somit in die Gasspeicher bringen.

Auch private Verbraucher können nach Ansicht des Ministers zum Energiesparen beitragen. "Schon 1 Prozent Temperatur-Reduktion in einem Privathaushalt oder Bürogebäude führt zu 6 Prozent Energieeinsparung", so Willingmann.

Willingmann: Sachsen-Anhalt kann kein Kraftwerk aus der Bereitschaft zurückrufen

Willingmann betonte zudem, Sachsen-Anhalt habe keine Kraftwerke, die im Zuge der Energiekrise wieder hochgefahren werden müssten. Das letzte vom Netz genommene Braunkohle-Kraftwerk Deuben im Burgenlandkreis sei auch wegen seines sehr alten Zustandes abgeschaltet worden. Er sehe in Sachsen-Anhalt kein Kraftwerk, das aus der Bereitschaft zurückgerufen werden könne.

IHK Erfurt: Alarmstufen-Ausrufung zu früh

Die Industrie- und Handelskammer Erfurt kritisiert die Alarmstufe des Notfallplans Gas. Energie- und Klimareferent Karsten Kurth erwartet, dass trotz laufender Verträge einige Energieversorger ihre Gaspreise erhöhen werden. Aus Sicht der Kammer kommt die Alarmstufe zu früh. Viele Unternehmen im Kammerbezirk hätten die Vorbereitung auf einen Gasmangel noch nicht abgeschlossen. Zudem seien die Unternehmen auch noch dabei, ihre Lieferketten selbst zu überprüfen sowie die eigenen Kostenstrukturen anzupassen.

Die IHK Ostthüringen fordert, alle Hebel in Gang zu setzen, um einen Versorgungsstopp, explosionsartige Preisanstiege und Insolvenzen zu verhindern. Geschäftsbereichsleiterin Almut Weinert sagte, bereits in der Frühjahrs-Konjunkturumfrage hätten neun von zehn Betrieben die hohen Energiepreise als großes Geschäftsrisiko eingeschätzt.

Die AfD im Thüringer Landtag wirft der Bundesregierung Versagen vor. Das ermögliche Preissteigerungen, die über bestehende Verträge hinausgehen. Das mache die Energiepreise unberechenbar, sagte Dieter Laudenbach, der wirtschaftspolitische Sprecher der Fraktion. Die Industrie verlasse sich auf das Krisenmanagement des Staates.

Netzagentur-Chef: Verdreifachung der bisherigen Gasrechnung möglich

Der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, hält eine Verdreifachung der Verbraucherpreise für Gas für möglich. "Wenn man es hochrechnet, kommt es sehr darauf an, wie Sie heizen, wie Ihr Gebäude gebaut ist. Aber es kann zu einer Verdreifachung der bisherigen Gasrechnung kommen", sagte Müller. Seit der Drosselung der Lieferungen von russischem Gas in der vergangenen Woche sei das Preisniveau nochmals um 50 Prozent gestiegen.

"Viele Gasimporteure sagen, sie würden das gerne weitergeben", sagte Müller. Doch dazu müsste die Preisanpassungsklausel aktiviert werden. Ob das passiere, hänge sehr davon ab, wie sich die Gasflüsse weiterentwickelten. "Wir wissen, dass am 11. Juli ein Wartungsfenster droht. Da wird Nord Stream 1 komplett runtergefahren, und wir wissen nicht, was danach passiert."

Energiekonzern E.ON: Endkundenpreise müssen überprüft werden

Der Energiekonzern E.ON rechnet mit weiter hohen Großhandelspreisen beim Gas, lässt aber die Möglichkeit eigener Preiserhöhungen bei seinen Kunden noch offen. Man könne sich über einen längeren Zeitpunkt dem höheren Preisniveau nicht entziehen und müsse die Endkundenpreise entsprechend überprüfen, sagte der Konzern der Nachrichtenagentur Reuters. In welchem Umfang E.ON in diesem Jahr seine Preise daher weiter anpassen müsse, lasse sich derzeit noch nicht sagen.

Chemieverband: gerechte Lastenaufteilung zwischen Industrie und Privathaushalten

Die deutsche Chemieindustrie hat eine faire Lastenverteilung angemahnt. Die Verringerung der russischen Gaslieferungen stelle Gesellschaft und Industrie vor immer gewaltigere Herausforderungen, erklärte der Verband der Chemischen Industrie (VCI) der Deutschen Presseagentur. "Es gilt, ein transparentes Verfahren zu entwickeln, das die unvermeidlichen Lasten so gerecht und erträglich wie möglich auf alle Gasverbraucher verteilt", sagte Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup.

Greenpeace-Experte: Ausstiegsgesetz für Öl- und Gasheizungen

Energieexperte bei Greenpeace, Gerald Neubauer, empfindet die Ausrufung der Alarmstufe Gas als das richtige Signal und sieht konsequentes Energiesparen jetzt als "Gebot der Stunde", wie er der Nachrichtenagentur Reuters mitteilte. "Allerdings darf der Staat jetzt nicht länger fossiles Gas subventionieren und so den Gasverbrauch künstlich hoch halten." Es sei nun ein sofortiges Ausstiegsgesetz nötig für Öl- und Gasheizungen und eine nie dagewesene Ausbauoffensive für Gebäudesanierung, Wärmepumpen und Solarthermie – im privaten Bereich und in der Industrie.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 23. Juni 2022 | 10:30 Uhr

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