Reaktivierung von Kohlekraftwerken Alte Kohleblöcke könnten Strom aus Gaskraftwerken ersetzen

Ralf Geißler, Wirtschaftsredakteur
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Gaslieferungen aus Russland sind in der Zukunft unsicher: Russland selbst könnte den Hahn zudrehen und der Druck auf die Bundesregierung, auf das Gas zu verzichten, steigt. Es könnten aber alte Kohleblöcke wieder hochgefahren werden, um das mögliche Defizit auszugleichen.

Wasserdampf steigt aus den Kühltürmen des Braunkohlekraftwerks Jänschwalde auf.
Zwei der Kohleblöcke des Kraftwerkes Jänschwalde in Brandenburg könnten wieder reaktiviert werden. Bildrechte: dpa

Ostdeutschlands größtes Kohleunternehmen Leag produziert schon jetzt auf Hochtouren. Die Kraftwerke in Sachsen und Brandenburg lieferten so viel Strom, wie sie können, sagt Sprecher Toralf Schirmer. Mehr gehe nicht.

Es sei denn, man würde zwei Blöcke reaktivieren. Sie wurden im Zuge des Kohleausstiegs in die sogenannte Sicherheitsbereitschaft versetzt, bevor sie ganz abgeschaltet werden sollen. Es sind zwei Blöcke im Kraftwerk Jänschwalde.

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Die könne man wieder hochfahren, sagt Schirmer. Technisch wäre das möglich: "Sicherheitsbereitschaft heißt, dass der Block in einer Betriebsbereitschaft gehalten wird. Das heißt, da funktionieren auch noch betriebliche Systeme, mit denen wir in der Lage sind, den innerhalb von zehn Tagen nach einem möglichen Aufruf wieder zur Verfügung zu stellen und Strom produzieren zu lassen. Insofern ist auch die Kohle, die dafür notwendig wäre, in unseren Mengenplanungen mit eingepreist."

Ob man diese Reserve nutzen wolle, müsse die Politik entscheiden, findet Schirmer. Derzeit sei vorgesehen, den ersten der beiden Blöcke Ende September endgültig abzuschalten. Danach lasse er sich auch nicht mehr reaktivieren.

Gaslieferungen unklar

Wäre es nicht klug, wenigstens die Bereitschaft zu verlängern? Dominik Möst, Professor für Energiewirtschaft an der TU Dresden, sieht das so: "Auf jeden Fall denke ich, dass das eine Option sein sollte, weil man in der aktuellen Lage nicht abschätzen kann, welche Gasmengen zukünftig zur Verfügung stehen. Entsprechend kann Kohle hier einen Beitrag zur gesicherten Leistung und zur Strombereitstellung leisten."

Insgesamt gibt es in Deutschland mindestens fünf Braunkohleblöcke, die man reaktivieren könnte. Sie gehören der Leag und dem Energiekonzern RWE. Unterm Strich könnten sie fünf bis zehn Prozent des Stromes ersetzen, den derzeit Gaskraftwerke liefern.

Für den Klimaschutz sei das vertretbar, sagt Möst. Die EU mache ja Vorgaben, wie viel CO2 in Europa in bestimmten Zeiträumen ausgestoßen werden dürfe. Was man jetzt extra emittiere, müsse man dann später einsparen: "Eine heute längere Laufzeit von Kohlekraftwerken würde sich per se in Europa nicht unbedingt auf mehr Emissionen auswirken, sodass man durchaus sagen kann: Heute benötigt man diese Flexibilität, heute wäre es eine hilfreiche Kapazität im Markt. Deswegen spricht nichts dagegen, die einfach länger laufen zu lassen", erklärt Möst.

Kohleausstieg 2038 steht fest

Eine generelle Abkehr vom Kohleausstieg lehnt Möst allerdings ab und die will auch das Kohleunternehmen Leag nicht. Sprecher Toralf Schirmer sagt, es reiche nicht aus, die Kraftwerke länger laufen zu lassen. Man müsse auch die Bergbauplanung anpassen, womöglich Tagebaue länger betreiben und weitere Dörfer abreißen. "Was aber planerisch sehr lange Zeiträume bräuchte und auch gesetzlich nochmal Änderungen verlangen würde. Ganz zu schweigen, dass wir auch eine gesellschaftliche Akzeptanz dafür brauchen. Ich glaube, das alles zusammen ist nicht zu haben. Insofern ist das ein Szenario, mit dem wir nicht planen", sagt Schirmer.

In den Planungen der Leag sei 2038 Schluss mit der Kohle, resümiert Schirmer. Kurzfristig könne man aber mit Reserveblöcken noch ein bisschen mehr Strom liefern.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 05. April 2022 | 06:09 Uhr

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