Energiewende Unternehmer will Rotorblätter von Windrädern recyclen

MDR-Wirtschaftsjournalist Ralf Geißler
Bildrechte: Ralf Geißler

Nach 20 Jahren haben viele Windräder ausgedient. Viele Teile eines Windrades kann man recyceln – die bis zu 100 Meter langen Rotorblätter allerdings nicht. Bisher landen sie zerhäckselt in der Müllverbrennung oder auf Deponien. Ein Unternehmer aus Sachsen-Anhalt hat eine neue Idee: Er stellt daraus Terrassendielen her.

Rotorblatt eines Windrades
Momentan gibt es keine Verwendung für alte Rotorblätter von Windrädern. Bildrechte: dpa

In der Fabrik von Holger Sasse riecht es nach Holz. Der Unternehmer stellt in Aschersleben Bretter her. Allerdings nicht aus Bäumen. Seine Firma Novo-Tech verschmilzt Sägemehl mit einem Kunststoffgranulat zu wetterfesten Terrassendielen. Unablässig transportieren Fließbänder sie aus seiner Anlage: "Die sind sogar noch warm diese Bretter hier. So kommen die aus der Extrusion, wo man etwas erwärmt, eine Masse in eine Plastizität bringt, sie dann durch eine Düse drückt, um dann ein Brett daraus zu machen. Die oberen, die jetzt kommen, sind so 45 Grad."

Holger Sasse, Geschäftsführer Novo-Tech
Holger Sasse, Geschäftsführer Novo-Tech Bildrechte: MDR/Ralf Geißler

Sasses Bretter hälfen dem Regenwald. So erzählt es der 63-Jährige zumindest. Denn sie könnten im Außenbereich Tropenholz ersetzen. Mit seiner neuesten Idee will Sasse noch nachhaltiger werden. Denn statt Kunststoffgranulat könne man auch ausgediente Windräder zu Terrassendielen schmelzen: "Wir machen aus dem Windrad kleine Stückchen. Die kleinen Stückchen werden thermisch und mechanisch bearbeitet und dann zu einem Brett geformt."

Terrassenbretter mit 20 Prozent Windrad

Ein paar Tonnen hat Sasse schon hergestellt – versuchsweise. Nun baut er in Aschersleben eine zweite Fabrik. Dort könne er jeder Terrassendiele mindestens 20 Prozent Windrad beimischen: "Die Kapazität, die wir aufbauen, sind 43.000 Tonnen. Also das, was in Deutschland anfällt, das können wir alles wegmachen. Da braucht kein einziges Windrad mehr auf den Müllhaufen geschmissen werden."

Sasse klingt selbstbewusst. Wenn es klappt, löst er ein Problem der Energiewende. Denn für ausgediente Rotorblätter gibt es bislang keine Verwendung, bestätigt Petra Weißhaupt vom Umweltbundesamt: "Das hat damit zu tun, dass es sich um faserverstärkte Kunststoffe handelt. Es sind Kunststoffe, die aber nicht dem gewöhnlichen Kunststoffrecycling zugeführt werden können, wie wir es von Verpackungen und andere Kunststoffgegenständen kennen."

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Entsorgung der Rotorblätter kaum möglich

Selbst Müllverbrennungsanlagen nehmen Rotorblätter nur ungern. Denn in den Hochöfen schmelzen die darin enthaltenen Glasfasern und verklumpen. Wird das Rotorblatt nur zum Bretter-Herstellen geschmolzen, bleiben die Glasfasern stabil und doch ist die Expertin vom Umweltbundesamt skeptisch. Zwar gebe es Literatur, in der beschrieben wird, wie die zerkleinerten Stoffe als Füllstoffe eingesetzt würden, aber: "Ich habe persönlich noch nie die Ergebnisse dieser Herstellung gesehen und ich weiß auch nicht, wie die Qualitätssicherung sichergestellt wird", sagt Weißhaupt. So ein Rotorblatt sei vermutlich mit Speziallack geschützt, warnt Weißhaupt. Ob man Barfuß darauf laufen wolle?

Weiterverarbeitung der Windräder als Geschäftsmodell

Holger Sasse kennt diese Fragen. Der Unternehmer hält sie aber für gelöst. Er führt in ein eigens eingerichtetes Labor. Jedes Rotorblatt lasse er prüfen, er verwende nur unbedenkliches Material: "Wir untersuchen ganz tief runter, was da drin ist und das Schlimme ist, dass die Windwirtschaft keine Dokumentationen hat. Sie hat also keine Dokumentation über die Dinge, die da vor 20 Jahren in den Himmel gehängt wurden."

Sasse will deshalb Geld für Rotorblätter, die er nimmt – so wie jeder Entsorger auch. Das ist Teil des Geschäftsmodells. Er löst ein Müllproblem und schafft ein neues Produkt. Dieses wiederum, verspricht der Unternehmer, könne er dann erneut einschmelzen und nochmal recyceln.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 27. Oktober 2021 | 08:53 Uhr

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