Nachrichten & Themen
Mediathek & TV
Audio & Radio
SachsenSachsen-AnhaltThüringenDeutschlandWeltLeben
Altersarmut macht ihm Sorgen und den Grund dafür sieht der Wissenschaftler nicht nur in der steigenden Inflation und oft niedrigen Renten: Christoph Butterwegge, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Köln. Bildrechte: IMAGO images / Future Image

AltersarmutArmutsforscher: Zu kleine Renten spalten die Gesellschaft

von MDR exakt

Stand: 27. Mai 2022, 05:00 Uhr

Die Inflation in Deutschland erreicht neue Rekorde, die Lebensmittel- und Energiepreise steigen: Wer wenig Geld hat, hat gerade schwer zu kämpfen. Doch der Armutsforscher Christoph Butterwegge sieht ein grundlegenderes Problem bei Menschen mit niedrigen Renten – verursacht durch die Politik und mit Folgen für die ganze Gesellschaft.

"Schon jetzt sind Seniorinnen und Senioren die Altersgruppe, deren Armutsrisiko am stärksten zunimmt", sagt der Armutsforscher Christoph Butterwegge. "Und wir müssen aufpassen, dass die Altersarmut nicht noch weiter steigt." Um dies zu verhindern, müssten allerdings die politischen Weichen gestellt werden.

Der Professor für Politikwissenschaft am Institut für vergleichende Bildungsforschung und Sozialwissenschaften an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln erklärt, dass, wenn "man weiter den Arbeitsmarkt dereguliert und prekäre Beschäftigungsverhältnisse überhandnehmen lässt, dann wird es natürlich im Alter auch schwieriger, für die Menschen eine auskömmliche Rente zu haben." Ähnliches gelte für die Altersvorsorge: Werde diese weiter privatisiert, also den Menschen selbst überlassen wie bei der Riester-Rente, "dann besteht das Risiko, dass gerade Geringverdienerinnen und Geringverdiener für ihr Alter nicht vorsorgen können."

Um dies zu verhindern "muss der Sozialstaat ausgebaut werden, so dass Menschen im Alter in Würde leben können", sagt Butterwegge. Wenn Krisen wie die aktuellen hinzukommen – Inflation, steigende Energie- und Lebensmittelpreise – dann sei es für ältere Menschen besonders schwierig. "Weil sie eben das Haus selten verlassen. Das heißt, sie heizen relativ viel. Sie sind auch eher für Kälte anfällig als junge Menschen." Wenn sich im selben Maße die Preise erhöhten wie bisher, dann seien alte Menschen mit kleinen Renten die Hauptbetroffenen.

Können Menschen mit kleinen Renten noch alltägliche Ausgaben bestreiten?

Für die Rentner gehe es dann darum, ausreichend heizen und essen zu können, so Butterwegge. Von einem Urlaub sei dann keine Rede mehr und sie könnten in dieser reichen Gesellschaft überhaupt nicht mehr mithalten.

Das wiederum führe zur Vereinsamung der Betroffenen, denn ohne Geld gebe es kaum Beteiligungsmöglichkeiten: "Man kann ja kaum irgendwohin gehen, ohne dass man Geld ausgeben muss. Also der Besuch eines Kinos, eines Theaters, mal in ein Restaurant zu gehen. All das fällt weg, wenn das Geld dafür nicht reicht", sagt Butterwegge im Interview mit MDR exakt. So könnten eventuell auch Freunde nicht mehr getroffen werden.

Zwei politische Ursachen für die Altersarmut

Professor Butterwegge sieht als Gründe für die zunehmende Altersarmut zwei wesentlich Ursachen. Zum einen die Deregulierung des Arbeitsmarktes und Schaffung eines breiten Niedriglohnsektors durch die Liberalisierung der Leiharbeit, die Lockerung des Kündigungsschutzes oder die Schaffung von Mini- und Midijobs. In diesem Sektor arbeiten "inzwischen 20 bis 25 Prozent aller Beschäftigten".

Die zweite Ursache sei die Verschlechterung der gesetzlichen Rente. "Dass man Kürzungs- oder Dämpfungsfaktoren in die gesetzliche Rentenanpassungsformel eingearbeitet hat, dass man das Rentenniveau abgesenkt hat." Diese beiden politischen Prozesse mussten aus Butterwegges Sicht zu einer Verstärkung der Altersarmut führen.

Die Folgen der Altersarmut

Für den Armutsforscher ist es dagegen schwer nachvollziehbar, warum "praktisch über Nacht ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr zur Verfügung gestellt werden konnte, während über die Grundrente zur Bekämpfung der Altersarmut jahrelang gestritten wurde". Am Ende kam für die Grundrente ein Paket von 1,3 Milliarden pro Jahr heraus.

"Wenn die Menschen das Gefühl haben, ihre Lebensleistung wird nicht mehr gewürdigt, dann gibt es eigentlich auch keinen Grund, sich für diese Gesellschaft zu engagieren", resümiert Butterwegge. Dann sei eine der Folgen der zunehmenden Altersarmut, dass die Gesellschaft auseinanderzufallen drohe und der Zusammenhalt schwinde.

Quelle: MDR exakt/ mpö

Mehr zum Thema Rente und Armut

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 25. Mai 2022 | 20:15 Uhr

Mehr aus Wirtschaft

Mehr aus Deutschland