Zulieferer Das ist die Rüstungsindustrie in Mitteldeutschland

Mit der zwischenzeitlichen Auftragsvergabe für das neue Bundeswehr-Sturmgewehr nach Thüringen ist auch die Rüstungsindustrie in Mitteldeutschland ins Rampenlicht gerückt. Eine Übersicht.

Generell hat die Rüstungsindustrie in Mitteldeutschland nur eine geringe Bedeutung. Mit dem vermeintlichen Zuschlag für die Produktion des Sturmgewehrs an Haenel und der Wartung von schweren Transporthubschrauber am Flughafen Leipzig/Halle hätte sie allerdings an Bedeutung zunehmen können. Doch nun sind beide Projekt vorerst gestoppt – und damit auch die weitere Entwicklung der Rüstungsindustrie in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Generell ist es in dem Bereich schwierig, zwischen ziviler und militärischer Produktion zu trennen. Bei vielen Unternehmen sind beide Bereiche verschmolzen. Grundsätzlich liegen die Zentren der Rüstungsproduktion in Deutschland vor allem in Bayern und Baden-Württemberg, aber auch in Bremen oder Kassel sowie – geographisch bedingt – in den Küstenstädten an Nord- und Ostsee.

Genaue Zahlen sind nicht bekannt

Genaue Erhebungen über den Umfang in Mitteldeutschland gibt es nicht. Der Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV) verweist aber auf einen Standort von Rheinmetall in Gera – dort werden laut Firmenwebseite allerdings vor allem Analysen und Konzepte erstellt. Auch Jenoptik stellt Komponenten für den Verteidigungssektor her. In Kölleda in Thüringen gibt es zudem eine Instandsetzungshalle von KMW, im thüringischen Rockensußra einen Panzerschrottplatz.

Der BDSV nennt zudem das Cybersicherheitsunternehmen Rohde & Schwarz aus Leipzig, das Raumfahrtunternehmen Ruag mit einem Standort in Coswig sowie die Munitionsfirma Nammo in Schönebeck. Daneben gebe es sicherlich noch eine ganze Reihe von Unternehmen, die in der Lieferkette als Zulieferer fungierten, hieß es vom BDSV.

Thüringen nicht abhängig von Rüstungsindustrie

Sabine Lötzsch ist im "Netzwerk Rüstungskonversion Thüringen" aktiv. Die Gruppe setzt sich für eine Umwandlung von Rüstungsproduktion in Firmen hin zu Produktion für zivile Segmente ein. Nach Angaben von Lötzsch würde eine entsprechende Umwandlung der Wirtschaft nicht erheblich schaden. Sie war selber lange Betriebsrätin bei Jenoptik und setzte sich mit Kollegen dafür ein, dass die Firma aus der Rüstungssparte aussteigt – allerdings ohne Erfolg. Außerdem erstellte das "Netzwerk Rüstungskonversion Thüringen" zusammen mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung einen "Rüstungsatlas Thüringen", in dem Betriebe aus dem entsprechenden Bereich vermerkt wurden.

Laut Lötzsch gibt es in Thüringen zwar keine Masse an Rüstungsfirmen. "Dennoch gibt es etliche kleine Unternehmen, die auch Zulieferungen im Rüstungsbereich machen." Größtes Unternehmen in Thüringen in dem Bereich sei weiter Jenoptik, das auch Teile für militärische Zwecke herstellen würde.

Tradition Thüringer Rüstungsindustrie bis ins 15. Jahrhundert

Auch nach Angaben von Uwe Cantner, Professor für Volkwirtschaftslehre an der Universität Jena gibt es in Thüringen einige Rüstungsunternehmen, diese seien aber eher kleinerer Natur, große Unternehmen hingegen fänden sich dort nicht. Die Rüstungsindustrie habe in Thüringen eine große Tradition seit dem 15 Jahrhundert, mit Suhl (Waffenstadt), Schmalkalden, Zella-Mehlis und Ilmenau. "Allerdings, eine Abhängigkeit Thüringens von der Rüstungsindustrie ist wohl nicht gegeben – Standorte wie Kassel oder an den Küstenregionen oder auch in Bayern und Baden-Württemberg zeigen da eher Abhängigkeiten", sagte Cantner dem MDR.

Größere und große Aufträge nach Thüringen an diese Unternehmen, wie beispielsweise Haenel in Suhl, würden diese Industrie in Thüringen stützen und gegebenenfalls auch ausbauen helfen. "Arbeitsplätze, Einkommen und ökonomische Wohlfahrt werden damit in Thüringen befördert, ohne Zweifel. Ob allerdings für Thüringen in und mit dieser Industrie die Zukunft liegt und liegen soll, das mag man bezweifeln", sagt Cantner weiter.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Lehmann sagte dem MDR, der Verteidigungsetat des Bundes steige, davon müsse auch der Osten profitieren. Er hatte nach eigenen Angaben eigentlich erwartet, dass von dem vermeintlichen Sturmgewehr-Zuschlag an Haenel "sicherlich auch die gesamte Region im Osten profitieren wird".

Rüstungsexporte aus Mitteldeutschland

Eine Kleine Anfrage von Grünen-Bundestagsabgeordneten hatte vergangenes Jahr ergeben, dass 2018 auch aus Mitteldeutschland Rüstungsgüter-Exporte in einem hohen zweitstelligen Millionenbereich genehmigt wurden. In Sachsen waren es in dem Jahr demnach Einzelgenehmigungen in Wert von fast 39 Millionen Euro, in Sachsen-Anhalt waren es knapp 15 Millionen Euro und in Thüringen rund zehn Millionen Euro. Allerdings: Darunter waren kaum Kriegswaffen, es handelt sich also vor allem um technische Komponenten.

Größere Sammelgenehmigungen wurden für Hersteller aus Thüringen etwa nach Katar, Korea oder Vietnam genehmigt, für Sachsen-Anhalt nach Israel oder Kamerun und für Sachsen nach Indien, Israel, Korea sowie Südafrika.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 20. Oktober 2020 | 20:15 Uhr

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