Interview Wie der Handel mit Russland jenseits von Öl und Gas funktioniert

Russland leidet unter einer schweren Wirtschaftskrise. Der Rubel ist im Keller, noch immer gelten Sanktionen von EU und USA wegen der Annexion der Krim vor inzwischen sieben Jahren. Was bedeutet das für den Handel mit dem Riesenreich? Und was bedeutet das für die Exportnation Deutschland? Auch Klopapier war 2020 ein großes Thema. Darüber haben wir mit Gerit Schulze, Russland-Direktor der deutschen Außenhandels-Agentur Germany Trade & Invest (GTAI) in Moskau, gesprochen.

Klopapier
Klopapier war auch ein großes Thema im deutsch-russischen Geschäft. Bildrechte: Colourbox

Herr Schulze, für die DDR war die Sowjetunion früher der Handelspartner Nr. 1. Wie sieht der Handel mit Russland heute aus?

Gerit Schulze: 2020 war Russland für Deutschland der Handelspartner Nummer 14. Wir haben mit fast allen Nachbarländern ein größeres Handelsvolumen als mit Russland. Und die Corona-Krise hat den Warenaustausch nochmal erheblich negativ beeinflusst. Im letzten Jahr lag das Volumen bei 45 Milliarden Euro. Das war ein Viertel weniger als im Jahr vor Corona und der tiefste Stand seit zehn Jahren.

Liegt das nur an Corona und den Sanktionen?

Gerit Schulze: Die Sanktionen spielen natürlich eine Rolle, aber auch die allgemeine wirtschaftliche Situation in Russland wirkte sich negativ aus. Zum Beispiel die Rohstoffpreise für die wichtigsten russischen Exportprodukte. Die deutschen Exporte sind 2020 dabei weniger stark eingebrochen als die russischen Lieferungen nach Deutschland. Das liegt vor allem auch an den stark gesunkenen Preisen für Öl und Gas.

Machen denn diese Rohstoffe immer noch den Hauptteil der Importe aus Russland aus?

Gerit Schulze: Ja, die russischen Lieferungen nach Deutschland sind tatsächlich noch immer sehr rohstofflastig. Laut Statistik entfällt mehr als die Hälfte auf mineralische Brennstoffe wie Öl, Gas und auch immer noch Kohle.
Hinzu kommen weitere Rohstoffe wie Diamanten, Gold, Eisen, Kupfer oder Aluminium. Erst dann folgen auch verarbeitete Produkte, wie z.B. Papierwaren. So haben russische Lieferanten 2020 ausgeholfen, deutsche Supermärkte mit Toilettenpapier zu beliefern. Weiterhin exportiert Russland Agrarchemikalien, aber auch Kautschuk und Kunststoffe. Insgesamt sind das Produkte mit nur geringer Wertschöpfung.

Und wie ist es andersherum? Was liefert die Exportnation Deutschland nach Russland?

Gerit Schulze: Das deutsche Liefervolumen nach Russland deckt eigentlich das gesamte Spektrum unserer Industrie ab. In erster Linie sind das Maschinen, Anlagen und auch Fahrzeuge. Die Bandbreite ist dabei sehr groß. Sie reicht von Verpackungsmaschinen, Landtechnik und Werkzeugmaschinen bis hin zu Großanlagen für die russische Rohstoffindustrie und eben Autos. Vor allem deutsche Premiumwagen sind in Russland nach wie vor sehr beliebt. Während der russische Automobilmarkt im letzten Jahr stark eingebrochen ist, konnten die deutschen Hersteller in Russland ihre Position gut behaupten. Neben Maschinen und Anlagen sind weiterhin chemische Produkte sehr gefragt. In erster Linie Pharmazeutika, Produkte der Feinchemie, Klebstoffe, Schmierstoffe, Reinigungsmittel, auch Kosmetika und auch Lebensmittel.

Die Sanktionen betrafen aber doch vor allem auch den Agrarsektor?

Gerit Schulze: Das russische (!) Lebensmittelembargo betrifft Fleisch, Milch und Milchprodukte sowie Obst und Gemüse aus der EU und Nordamerika. Nichtsdestotrotz liefert Deutschland weiterhin in großem Umfang Lebensmittel nach Russland, vor allem Süßwaren, die nicht unter das Embargo fallen oder Kakao und Kaffeezubereitungen, Geschmacksstoffe und Getränke. Deutsches Bier ist z.B. nach wie vor in russischen Supermärkten verfügbar und auch sehr beliebt. Weitere Produktgruppen, die aus Deutschland geliefert werden, sind optische Geräte, Medizintechnik, Möbel und Baumaterialien.

Welchen Einfluss haben denn die Sanktionen für die deutschen Exporteure?

Gerit Schulze: Die Sanktionen bedeuten oft keine direkten Lieferverbote, außer für Waren oder Produkte, die bei der Erschließung von Öllagerstätten in der Tiefsee, in der Arktis und bei der Schieferölförderung eingesetzt werden oder die sowohl militärisch als auch zivil genutzt werden können. Die EU- und US-Sanktionen wirken vor allem indirekt, indem z.B. Banken vorsichtiger geworden sind bei Projekten oder der Finanzierung von Exportgeschäften. Die Prüfverfahren dauern jetzt viel länger. Das betrifft vor allem Güter, die unter das sogenannte “Dual-Use-System“ fallen, also eventuell auch militärisch genutzt werden könnten. Viele Projekte werden verschoben oder ganz abgesagt, weil man nicht weiß, wie es mit den Sanktionen weitergeht und welche Branchen vielleicht in Zukunft betroffen sein werden.

Haben die Sanktionen Auswirkungen auf den Rubel?

Gerit Schulze: Tatsächlich ist es ein Problem, dass der Rubel so stark abgewertet hat. Ein Beispiel: Wenn eine Maschine für eine Million Euro im Jahr 2012 nach Russland geliefert wurde, dann kostete sie damals umgerechnet 40 Millionen Rubel. Inzwischen wären dafür 90 Millionen Rubel fällig. Das heißt, der Preis der Maschine hat sich in der Landeswährung verdoppelt. Und das macht es schwerer, deutsche Produkte auf dem russischen Markt zu verkaufen. Ein weiterer Nebeneffekt der Sanktionen sind die gefallenen Preise für Öl und Gas, die auch die Wirtschaftsbeziehungen stark beeinflussen. Wenn die Preise für Öl und Gas hoch waren, dann waren auch die deutschen Exporte nach Russland hoch. Wenn die Preise eingebrochen sind, sind auch die Exporte zurückgegangen.

Liegt das auch daran, dass man praktisch von den Exporten die Importe bezahlt?

Gerit Schulze: Genau. Wenn viele Rohstoffe exportiert werden, hat Russland natürlich auch mehr Geld in der Staatskasse und kann das verteilen. Die Unternehmen haben mehr Einnahmen und können auf diese Weise eben auch mehr investieren und deutsche Maschinen kaufen. Insofern wirken sich die Öl- und Gaspreise direkt aus, weil diese beiden Produkte das wichtigste Exportgut der Russischen Föderation sind.

Wie sieht es denn beim Import von Konsumgütern oder verarbeiteten Produkten aus Russland nach Deutschland aus? Zu DDR-Zeiten war ja der Lada als Auto beliebt, man hatte das Gefühl, es gibt da einen funktionierenden Automobilsektor. Jetzt scheint die russische Wirtschaft für deutsche Endverbraucher wenig bieten zu können – ist die russische Wirtschaft also sehr rückständig?

Gerit Schulze: Das würde ich so nicht sagen. Die Investitionen, die in den vergangenen Jahren getätigt wurden, zielten zunächst darauf, den russischen Markt zu bedienen. Wir hatten Anfang der 2000-er Jahre in Russland einen sehr stark wachsenden Markt mit Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts von 5 bis 6 Prozent pro Jahr. Die Realeinkommen der Bevölkerung waren jedes Jahr um 10 Prozent gestiegen, sodass hier eine richtige Dynamik war. Russland hat große Automobilfabriken auch ausländischer Hersteller, wie VW, Ford oder  koreanische Hersteller. Renault hat ein großes Werk in Moskau. Insofern werden in Russland durchaus auch westliche Fahrzeuge produziert. Dabei gab es zunächst gar keinen Bedarf, diese zu exportieren, weil erst der wachsende Binnenmarkt bedient werden musste. Inzwischen sieht es etwas anders aus. Der Kfz-Markt in Russland schrumpft und deswegen haben diese Fabriken jetzt Überkapazitäten mit der Folge, dass teilweise diese in Russland produzierten Fahrzeuge nach Europa exportiert werden. Das sind aber keine russischen Modelle, also kein Lada, sondern es sind in der Regel Modelle westlicher Hersteller wie Volkswagen oder Skoda. Das gleiche gilt für einige Zubehörteile aus der Kfz-Industrie. Die haben hier große Kapazitäten aufgebaut und der Markt nimmt das zurzeit nicht mehr ab. Deswegen werden diese Produkte jetzt teilweise exportiert – auch nach Europa.

Aktuell wird über Nordstream 2 und einen möglichen Baustopp diskutiert. Wegen Nawalny werden schärfere Sanktionen gegen Russland gefordert. Wie wirken sich solche Diskussionen auf die Wirtschaftsbeziehungen aus?

Gerit Schulze: Die Unsicherheit bei den Investoren sehen wir auf jeden Fall, weil jederzeit neue Sanktionsrunden drohen können. Deswegen halten sich Investoren auch zurück. 2020, also letztes Jahr, hatten wir erstmals seit 2014 einen negativen Wert bei deutschen Direktinvestitionen in Russland. Die deutschen Unternehmen haben also mehr Investitionen aus Russland abgezogen, als sie neu investiert hatten. Laut Bundesbank wurden unterm Strich 380 Millionen Euro aus Russland abgezogen. Das zeigt, dass die Investoren sehr zurückhaltend sind. Wir sehen im Moment eigentlich kaum neue Projekte ausländischer Unternehmen in Russland. Anders ist es bei den Unternehmen, die schon vor Ort sind. Deutsche Unternehmen im Land sind eigentlich zufrieden mit ihrer Geschäftsentwicklungen in Russland. Sie investieren weiter in ihre Produktionsstätten, bauen neue Logistikkomplexe, die Handelskonzerne gehen  in die Regionen und bauen neue Supermärkte  Bei diesen Unternehmen sehen wir auf jeden Fall Expansion. Aber neue Unternehmen kommen kaum ins Land. Sie werden abgeschreckt von möglichen weiteren Sanktionsrunden, die ein gewisses Risiko bergen für künftige Geschäfte.

Immer wieder wird ja behauptet, gerade beim Import von Öl und Gas sei Deutschland von Russland abhängig. Teilen Sie diese Einschätzung?

Gerit Schulze: Es gibt sicher bestimmte Abhängigkeiten. Deutschland bezieht mehr als die Hälfte seines Erdgasbedarfs von 90 Milliarden Kubikmeter Erdgas aus Russland. Jeweils ein Viertel liefern die Niederlande und Norwegen. Da ist sicherlich eine gewisse Abhängigkeit da. Das gleiche gilt für Erdöl, wo Deutschland ein Drittel der Importe aus Russland bezieht. Bei Titan bezieht Airbus 65 Prozent seiner Lieferungen aus Russland. Das heißt, für den Flugzeugbau auch in Deutschland wird Titan aus Russland benötigt. Künftig könnten Abhängigkeiten auch in anderen Bereichen wachsen, z.B. bei Seltenen Erden und Lithium für die Batterieproduktion, die in Deutschland jetzt stark anläuft. Auch da will sich Russland als Lieferant positionieren. Natürlich ist das immer ein Geben und Nehmen, denn auch Russland ist abhängig von deutschen Lieferungen. Bei Arzneimitteln z.B. hängt das Land zu mehr als der Hälfte von ausländischen Lieferungen ab, was das Wertvolumen an Medikamenten anbelangt. Deutschland ist der mit Abstand wichtigste Lieferant. Also besteht auch eine Abhängigkeit in die andere Richtung. Ebenso ist das Russland bei den Ausrüstungen für seine großen Flüssiggasprojekte angewiesen auf ausländische Anlagenbauer. Oder in der Petrochemie, in die Russland ebenfalls groß investiert, um mehr Rohstoffe zu verarbeiten und eine höhere Wertschöpfung zu erzielen. Auch hier sind deutsche Maschinen- und Anlagenbauer immer gut im Geschäft. Also da besteht schon auch eine gewisse Abhängigkeit. Die russische Pharmaindustrie muss viele Wirkstoffe aus dem Ausland beziehen. In der Lebensmittelindustrie zählt Deutschland zu den führenden Lieferanten bei Geschmacks- und Konservierungsstoffen. Und dann haben wir die Möbelindustrie zum Beispiel, die bestimmte Pigmente oder Farben braucht, um das Holz zu bearbeiten. Es bestehen also gegenseitige Verflechtungen. Wobei die Abhängigkeit von Russland nicht größer ist als von anderen Ländern.

Das Interview führte Matthias Weidner.

Quelle: MDR Umschau

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 04. Mai 2021 | 20:15 Uhr

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