Faktencheck Sind die Sanktionen gegen Russland der Grund für die hohe Inflation?

Die EU hat bereits sechs Sanktionspakete gegen Russland beschlossen. Tino Chrupalla, der Vorsitzende der AfD, sagte in einem Interview im Deutschlandfunk, dass Deutschland sich mit den Wirtschaftssanktionen vor allem selbst schade und sie der Grund für die steigenden Lebensmittel- und Energiepreise seien. Stimmt das? Ein Faktencheck.

Vor einem vollen Einkaufswagen rechnen Zwei Personen mit einem Taschenrechner und halten einen Bon
Vor allem die Preise für Lebensmittel und Energie steigen immer weiter. Bildrechte: dpa

Hohe Inflation ist nicht erst seit dem Ukraine-Krieg ein Thema. Steigende Preise habe es schon vorher gegeben, sagt Oliver Holtemöller, Vizepräsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle. "Das ging auch vor einem Jahr schon los, als noch gar nicht die Rede war von einem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine. Wir sehen auch in anderen Ländern, die gar nicht so sehr von russischen Energielieferungen abhängen, hohe Inflationsraten. Das hat ganz viele Gründe im Moment", erklärt Holtemöller.

Dazu gehörten etwa die Folgen der Corona-Pandemie, wie zum Beispiel Probleme bei den Lieferketten, erklärt Clemens Fuest vom ifo-Institut in München: "Da haben wir in China zur Zeit Lockdowns durch die Pandemie. Die bedeuten, dass bestimmte Produkte eben nicht geliefert werden und dass bestimmte Häfen nicht geöffnet sind."

Aus China kommen unter anderem Güter für die Landwirtschaft. Das sind etwa Vorprodukte, die benötigt werden, um Dünger herzustellen. Wenn diese Produkte nun knapp sind wegen der Lieferschwierigkeiten und die Nachfrage danach aber trotzdem hoch ist, steigen die Preise.

Steigende Preise durch niedrige Zinsen

Und dann sei da noch die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank, sagt Gunther Schnabl. Er leitet das Institut für Wirtschaftspolitik an der Universität Leipzig. Die Zentralbank habe die Zinsen seit der Finanzkrise 2008 sehr niedrig gehalten, das ließ die Inflation steigen, erklärt Schnabl.

In der Corona-Krise habe sich dieser Prozess noch einmal beschleunigt. "Zuerst war diese Inflation, die dadurch erzeugt wurde, nur bei den Immobilienpreisen sichtbar. Die Immobilienpreise sind sehr stark angestiegen. Aber seit Mitte letzten Jahres hat der Inflationsdruck dann auch die Konsumentenpreise erfasst", sagt Schnabl. Damit meint er die Preise für Lebensmittel und Energie.

Wirtschaftssanktionen nur einer von vielen Gründen

Die beschlossenen Wirtschaftssanktionen gegen Russland kämen nun noch obendrauf, sagt Schnabl. Sie ließen die Preise zusätzlich steigen. Welchen Anteil die Sanktionen an den steigenden Preisen genau haben, lasse sich nicht sagen, da sind sich alle drei Wirtschaftsexperten einig.

Wenn AfD-Chef Chrupalla also sagt, die Sanktionen sorgen für hohe Preise, dann hat er nur teilweise recht. Denn er vernachlässigt viele andere Gründe, die es schon lange vor dem Ukraine-Krieg und den Sanktionen gab.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 21. Juni 2022 | 06:00 Uhr

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