Fehlende Zertifizierung Immer mehr Solaranlagen wegen Bürokratie nicht in Betrieb

Nagelneue Solaranlagen, die bereit sind, in Betrieb zu gehen – das aber nicht dürfen, weil die Zertifizierung fehlt. Davon gibt es derzeit einige in Deutschland, vor allem kleinere Anlagen auf Dächern von landwirtschaftlichen Betrieben oder Industriegebäuden.

Der EnBW-Solarpark «Weesow-Willmersdorf» im Landkreis Barnim, östlich von Berlin.
Oft braucht es Monate, Solaranlagen in Betrieb genommen werden können, obwohl sie schon lange fertig sind. Bildrechte: dpa

Solaranlagen, die eigentlich schon längst in Betrieb gehen könnten, aber nicht dürfen, weil sie noch keine Zertifizierung haben – auf diese Situation hatte kürzlich der Bundesverband Solarwirtschaft aufmerksam gemacht. MDR-AKTUELL-Hörer Kurt Hertwig aus Markersdorf hat das in den Nachrichten gehört und sich daraufhin direkt bei uns gemeldet: "Für mich ist das unverständlich, da die Anlagen ja meist mit Steuermitteln errichtet wurden und die Strompreise, kann man schon sagen, stündlich steigen. Mich würde interessieren, um wie viel Megawatt es sich dabei handelt." Wir sind seiner Frage nachgegangen.

Monatelanges Warten auf die Zertifizierung

Auf dem Dach der Gollmann Kommissioniersysteme GmbH in Halle: Geschäftsführer Daniel Gollmann steht zwischen den Modulen und geht gemeinsam mit dem Installateur ein letztes Mal die Pläne der neuen Solaranlage durch. Insgesamt sind hier 1.442 Module verlegt. Seit April warten sie darauf, ans Netz zu gehen.

Der Grund: Vor Inbetriebnahme musste die Anlage zertifiziert werden. Ein langwieriger Prozess, bei dem Hersteller, Installationsfirmen, Netzbetreiber und Zertifizierungsstellen zahlreiche Dokumente austauschen, teils mit langen Bearbeitungszeiten. "Das war uns ja nicht im Ansatz klar", erzählt Geschäftsführer Gollmann. "Wir hatten wirklich damit gerechnet, im Sommer unseren eigenen Strom produzieren zu können und haben halt ein halbes Jahr lang zugesehen, wie die Module auf dem Dach stehen, ohne was machen zu können."

Bürokratie erschwert Betrieb von Solaranlagen

Daniel Gollman teilt diese Erfahrung mit vielen anderen Unternehmerinnen und Unternehmern. Denn immer mehr würden gerne ihre Dächer für Solarstrom nutzen, berichtet Carsten Körnig, Geschäftsführer des Bundesverbandes Solarwirtschaft. Eigentlich sei das erfreulich, aber: "Wir stellen leider fest, dass in der jüngeren Vergangenheit immer mehr bürokratische Hemmnisse aufgetürmt werden, dass also den Unternehmen immer schwerer gemacht wird für die Energiewende tätig zu werden."

Eine Regelung der Bundesnetzagentur, nach der jetzt auch bei kleinen Solaranlagen Zertifikate verlangt werden, sei das jüngste Beispiel dafür. "Die Grenze, ab der solche Nachweise erforderlich sind, wurde ohne Not sehr stark abgesenkt, zuvor mussten Solarkraftwerke erst der Megawattklasse diese Nachweise beibringen, und jetzt sind bereits Anlagen betroffen ab einer Leistung von 0,13 Megawatt, also deutlich geringer."

Das bedeute erheblichen Mehraufwand bei allen Beteiligten und einen Stau bei den Zertifizierungen, so Körnig. Er hört von Wartezeiten bis zu einem Jahr. Wie viel Kilowatt Stromleistung dabei brachliegen, lasse sich allerdings nicht beziffern.

Netzbetreiber befürwortet Zertifizierung

Bei der Mitnetz Strom, dem größten Netzbetreiber in Mitteldeutschland, liegt die Zahl der Anlagen, die darauf warten, ans Netz zu gehen, im zweistelligen Bereich. Das berichtet Jörg Stechert, zuständig für Dienstleistungen im Bereich Einspeisungen. In Kilowatt kann auch er das nicht übersetzen – zumal sich die Lage ständig ändere: Neue Anträge kämen hinzu, andere würden abgearbeitet.

Die neue Zertifizierungsgrenze hält Stechert aber für richtig. Denn die Bundesregierung wolle alle Großkraftwerke abschalten, die bisher die Leistung bringen. "Und da ist wirklich das Schwarmnetz, also Photovoltaik, Wind, Biomasseanlagen, dann dazu da, das Netz wirklich stabil zu halten. Deshalb ist es schon wichtig, dass wirklich alle Anlagen dementsprechend in der Mittelspannung eingebunden werden in die Zertifizierung."

Um das Zertifikat zu bekommen, müssen sich die Anlagen Beispiel auf eine bestimmte Weise bei einem Spannungseinbruch verhalten. Das soll die Netzstabilität verbessern. Der Bundesverband Solarwirtschaft würde sich wünschen, dass die Netzbetreiber Kulanz zeigen: Sie sollten den Strom sofort einspeisen und sich das Zertifikat nachreichen lassen. Bei der Mitnetz Strom sei das aber keine Option, sagt Jörg Stechert. Wenn, dann müsse das schon deutschlandweit gelten. Sonst entstünde eine Ungleichbehandlung.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 26. Oktober 2021 | 08:25 Uhr

17 Kommentare

aus Sachsen und denkt vor 4 Wochen

Nee, Herr Leistner. Eine EINSPEISUNG ist erst nach Zertifizierung möglich. Es geht im Artikel um Anlagen, die nicht ANS NETZ gehen können, weil die Zertifizierung fehlt. Wie ElBuffo schrieb, kann man ohne Probleme den Strom selbst "verbrauchen", also nutzen.

Jedimeister Joda vor 4 Wochen

Den Unterschied gönnt man den privaten Stromerzeugern nicht. Um weit von einer Zertifizierung weg zu sein muß eine Inselanlage gebaut werden. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Egal nur das große Maul und wenn esdrauf ankommt zieht der Staat richtig Steuern ab. Joda

part vor 4 Wochen

Netzbetreiber verdienen nichts am Sonne abschöpfen von Privatpersonen, für sie sind diese nur ein gesetzlich garantiertes Übel. Deshalb die bürokratische Mauer. Ich habe da gelesen, es soll ältere Stromzähler geben, die laufen rückwärts, auch ohne Anmeldung und Zertifizierung, wenn die Anlage in Betrieb ist.

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