Innenstädte in Corona-Zeiten Stirbt der Einzelhandel im zweiten Lockdown?

Verwaiste Schaufenster, vernagelte Türen, gähnende Leere: Ist das die Zukunft der Innenstädte nach Corona? Glaubt man dem offenen Brief dutzender Einzelhändler, stehen die Fußgängerzonen vor dem Aus. Doch ganz so düster ist die Lage nicht, hört man sich in mitteldeutschen Städten um.

Ein Ladengeschäft mit der Aufschrift "Wir schließen" in der Erfurter Innenstadt
Viele Einzelhändler in Mitteldeutschland fürchten wegen des Lockdowns um ihre Zukunft. Viele Probleme waren aber schon vorrher da. Und mancherorts wird dagegen aktiv vorgegangen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kurz vor dem Lockdown herrschte geschäftiges Treiben in den mitteldeutschen Innenstädten. Kunden kauften schnell noch die letzten Weihnachtsgeschenke, bevor alles dicht war. Seit Mittwoch sind die Türen des Einzelhandels deutschlandweit zu, in Sachsen schon seit Montag letzter Woche.

Droht "das Ende der Innenstädte"?

28 Einzelhändler warnten die Bundesregierung in einem offenen Brief vor Tristesse in den Stadtzentren. Bei einem erneuten Lockdown drohe dem Handel eine Erosion, die menschlich, kulturell und auch wirtschaftlich nicht nur desaströse Folgen, sondern irreparable wirtschaftliche Auswirkungen nach sich zöge, heißt es in dem Brief, der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Kommt der Lockdown, wäre es "das Ende der Innenstädte, wie wir sie heute kennen".

Es ist offensichtlich: Können Geschäfte nicht öffnen, verkaufen sie keine Ware. Fixkosten bleiben jedoch bestehen, das Personal muss bezahlt werden. Kein Wunder, dass der Unmut bei den Inhabern steigt. Doch das große Innenstadtsterben aufgrund des Corona-Lockdowns, wie es die 28 Einzelhändler in ihrem Brief befürchten, steht nicht unmittelbar bevor. Geschäftsleute, Innenstadt-Initiativen, City-Managements und Stadtverwaltungen in Mitteldeutschland zeichnen ein vielfältigeres Bild – geprägt von Sorge, aber auch Hoffnung auf das neue Jahr. Der MDR hat sich in vielen kleinen und großen Städten umgehört.

In einem Geschäft hängt ein Schild mit der Aufschrift „Bitte 1,5m Abstand halten!“ zwischen Weihnachtsdekoration.
Viele Händler machen im Weihnachtsgeschäft die größten Umsätze des Jahres. Der Lockdown fällt damit in eine äußerst ungünstige Zeit. Bildrechte: dpa

"Wir fühlen uns alleingelassen"

Anja Kupfer betreibt ein Modegeschäft im thüringischen Sömmerda. Nachhaltige Kleidung, gute Beratung und liebevoll dekoriertes Interieur sind das Markenzeichen des Geschäfts. Seit 30 Jahren gibt es den Laden. Aus diesem Dezember gehe sie mit einem Minus heraus, sagt Anja Kupfer, ein Novum. Ans Aufgeben will sie aber nicht denken. Die Inhaberin geht mit der Zeit. Nun gibt es eine professionelle Webseite mit Online-Shop, im Sortiment finden sich regionale Produkte wie Socken aus Dresden oder Blusen aus Apolda.

Während Anja Kupfer seit letzter Woche ihre Türen schließen muss, bleibt das Geschäft von Thomas Hollenbach in Sömmerda weiterhin geöffnet. Als Optiker darf er auch während des Lockdowns seine Kunden bedienen. Fünf Minuten zu Fuß trennen beide Läden.

"Wir sitzen alle im selben Boot. Dass wir uns jetzt neu erfinden müssen, ist klar. Wir müssen mit der Zeit gehen", sagt Hollenbach. Viele Geschäfte geben sich Mühe, um guten Service anzubieten und Einkaufserlebnisse zu ermöglichen, die es im Versand-Handel nicht gibt. Doch trotz aller Anstrengungen profitiert in der Corona-Krise der Online-Markt, die lokalen Einzelhändler bleiben auf der Strecke, findet Anja Kupfer. "Wir fühlen uns alleingelassen."

Einzelhändler verkaufen im Lockdown Gutscheine

Der Optiker Thomas Hollenbach kann das verstehen. Deswegen verkauft er Gutscheine anderer Händler in Sömmerda, die im Lockdown die Türen dicht machen müssen. Kunden konnten bereits während der ersten Schließungen im Frühjahr Gutscheine kaufen, um sie später einzulösen. Damit blieben viele Händler liquide. Hollenbach sagt, man müsse den Geschäften doch helfen. Man sei eine Schicksalsgemeinschaft, jeder in seinem Gewerk. Auch Insolvenzen drohten, befürchtet er. Den einen oder anderen werde es erwischen. "Da müssen wir uns nichts vormachen. Aber da steckt oft viel Engagement und Herzblut dahinter, die Leute beißen sich durch."

Für den Handel sind die Lockdowns existenzbedrohend, sagt Hannes Wolf. Er ist Vorsitzender der Initiative Innenstadt Jena e.V. Die coronabedingten Beschränkungen legten die Lupe auf bereits vorhandene Probleme: Geschäfte, die Mode und Modeaccesoires verkaufen, standen schon vorher unter Druck. Sie machen 60 bis 70 Prozent der Läden in der Jenaer Innenstadt aus. Es gebe zu viele Anbieter und Waren, sagt er, die Online-Konkurrenz sei enorm und der Wettbewerb verschärfe sich, während die Margen sänken.

Eine geschlossene Bäckerei in einem leerstehenden Gebäude
Händler in den Innenstädten haben Angst vor einer Art Kettenreaktion: Wenn die ersten Geschäfte in einer Straße schließen, bleibt die Laufkudschaft weg und weitere Läden müssen aufgeben. Bildrechte: imago/Hohlfeld

Angst vor Kettenreaktion, wenn erste Läden schließen

In Jena gibt es noch die Hoffnung auf eine Aufbruchsstimmung nach der Pandemie, die Befürchtung jedoch ist ein "Sog in den Untergang". Denn die Erfahrung zeige: Wenn in einer Ladenstraße zwei Geschäfte schließen, bringt das auch die Nachbarläden in Schwierigkeiten, weil Laufkundschaft fehlt - eine Art Kettenreaktion.

Nun hoffen die Einzelhändler auf die Novemberhilfen. Doch die 10.000 Euro Abschlag, die bisher ausgezahlt wurden, helfen nur kleinen Unternehmen. Für Gaststätten etwa gleicht das die Verluste nicht aus. Wolf fürchtet ein "bitteres Ende" ab März, wenn die Unternehmer ihre Rücklagen aufgebraucht haben.

Auch in anderen mitteldeutschen Städten rechnet man mit Insolvenzen. Friederike Wachtel ist Citymanagerin in Dresden. Sie wisse jetzt schon von zahlreichen Insolvenzen, die durch den ersten Lockdown begründet seien. "Wir werden uns künftig mit Leerstand auseinandersetzen müssen", ist ihre Prognose.

Nicht nur in großen Städten blickt man pessimistisch auf die nächsten Wochen. Im thüringischen Rudolstadt ist Jens Adloff von der dortigen Stadtentwicklungsgesellschaft ratlos. Gerade die Perspektive, dass der Lockdown über den 10. Januar hinausgehen könnte, trübt die Stimmung. "Gelegentlich hört man auch die Aussage, dass man danach nicht mehr aufmachen wolle", sagt Adloff.  Fast schon aus Trotz hätten die Geschäfte in Rudolstadt kurz vor dem Lockdown nochmal extra lange geöffnet. Er spricht von Galgenhumor.

Ein DHL-Paketzsteller legt Paket in ein Fach einer Packstation.
Der Online-Handel profitiert vom Lockdown. In vielen Packstationen wird der Platz für Pakete knapp, Kurierdienste warenen vor möglichen Verzögerungen bei der Zustellung vor Weihnachten. Bildrechte: imago images / Sven Simon

Sömmerda: Netzwerk-Initiative stärkt den Zusammenhalt

Was Versand-Konzerne nicht vorweisen können, wollen die Händler in Sömmerda leisten: füreinander da sein, zusammenhalten, einander unterstützen, wo es geht. Das ginge auch gar nicht anders, sagt Optiker Hollenbach: "Wir sind in so einer Kleinstadt auch verdammt dazu, zusammenzuarbeiten". Die starken Profiteure der Situation seien die Online-Riesen, im Gegensatz zu den kleinen Händlern, die um ihr Überleben kämpften.

Abseits der anonymen Großstädte, in denen die Modegeschäfte austauschbar wirken und so oder so ähnlich in jeder anderen Metropole der Welt stehen könnten, haben Einzelhändler in kleinen und Mittelstädten schon vor Corona in der Krise gesteckt. Manche Städte haben sich dem gestellt und Managements etabliert, Netzwerkinitiativen gegründet oder sind Kooperationen eingegangen.

Die "EFRE-Netzwerkinitiative" etwa ist ein Projekt der Industrie- und Handelskammer und dem Freistaat Thüringen. Mit drei weiteren Städten bildet Sömmerda ein Netzwerk, um sich zu erfolgreichen Konzepten in Stadtzentren auszutauschen und nachhaltige Lösungen für funktionierende Innenstädte zu entwickeln. "Der Zusammenhalt ist durch die Corona-Pandemie gewachsen", sagt Lena Kob von der Stadt Sömmerda. Es habe sogar eine Neueröffnung Anfang Dezember gegeben – trotz Corona.

Einzelhandel Wernigerode
Gähnenede Leere in den Innenstädten: Die Autoren eines offenen Briefs zeichnen ein düsteres Bild für die Zeit nach dem Lockdown. Doch viele Probleme hat es schon lange vor der Coronapandemie gegeben. Bildrechte: MDR/Elke Kürschner

Innenstädte erleben schon seit Jahren einen Wandel

Die Angst vor dem Ergrauen ehemals florierender Innenstädte trieb auch die Stadt Heidenau um. "Unsere Innenstadt stirbt aus", warnte ein FDP-Stadtrat in Heidenau schon vor zehn Jahren. Seit 2014 kümmert sich das Zentrumsmanagement der Stadt gemeinsam mit dem Interessensverein Stadtzentrum Heidenau um die Belebung der Innenstadt. Tatsächlich habe in den vergangenen Jahren ein großer Wechsel in den Geschäften stattgefunden, erzählt Katrin Geißler vom Zentrumsmanagement der Stadt Heidenau. Hier gibt es keinen Buchladen, kein Spielzeug- und kein Fahrradgeschäft mehr. Die Thälmann-Straße ist in den vergangenen drei Jahren zur "Gesundheitsmeile" geworden, wo zum Beispiel Hörgeräte, Massagen, Ergotherapie und Logopädie angeboten werden und sich über den Ladengeschäften Ärzte mit ihren Praxen niedergelassen haben. "Was uns fehlt, ist Gastronomie", gesteht Katrin Geißler ein. Aber sie ist optimistisch. In der Innenstadt wird gebaut und perspektivisch dafür gesorgt, dass 2.000 bis 3.000 Menschen zusätzlich hier wohnen werden.

Städte verändern sich auch ohne Corona, jetzt nur schneller

Attraktive Innenstädte mit Freisitzen und schmucken Geschäften entstehen nicht von allein. Dafür seien die Händler auch selbst verantwortlich, findet Jürgen Block. Er ist Geschäftsführer der Bundesvereinigung City- und Stadtmarketing Deutschland e.V. und vertritt 480 Mitglieder. Verwahrloste Umkleidekabinen, lieblose Schaufenster oder wenig serviceorientiertes Personal: "Für diese Art von Einzelhandel gibt es aus meiner Sicht keine Zukunft, auch nicht mit Corona-Hilfen", sagt er. Natürlich könnten die Händler nichts dafür, dass sie jetzt schließen mussten. Doch man müsse den Blick auf langfristige Entwicklungen richten, die sich seit mindestens zehn Jahren in fast allen Innenstädten abzeichnen.

Die Verantwortung liege daher auch beim Händler selbst, so Block. Geschäfte müssten sich vor Ort durch ihren Service abheben, durch ihre Attraktivität und das Versprechen, ein Shoppingerlebnis zu erzeugen. "Das tun aber längst nicht alle", sagt Block. Diesen Strukturwandel, der eingesetzt hat, werde man auch nicht stoppen können.

Strukturwandel, ein Wort, das nach Zukunft, Innovation und Verbesserung klingt. Doch es verschleiert auch den Wegfall. Für manche etablierte, traditionelle Läden bedeutet es das Aus. Ob mit oder ohne Corona. Läden schließen, Inhaber gehen pleite, hippe Konzepte lösen Tradiertes ab. Die Corona-Hilfen würden bei manch ohnehin schon wirtschaftlich angekratzten Geschäften die Insolvenz nur verschieben, vermutet Jürgen Block. Er befürchtet ein Ausdünnen, so oder so. Durch den Wegfall des Weihnachtsgeschäfts müssten zahlreiche Geschäfte aufgeben. Die Corona-Hilfen könnten Existenzen zwar kurzfristig retten. Doch "für manche ist es ein langsames Sterben", sagt er.

Fußgängerzone Einzelhandel Riesa
Der Handel in der Innenstadt von Riesa ist seit Jahren schwierig - wegen sinkender Einwohnerzahlen und wegen der Konkurrenz auf der grünen WIese vor den Toren der Stadt. Bildrechte: dpa

Corona verschärft vorhandene Probleme

Der Handel in der Riesaer Innenstadt ist seit Jahren schwierig. Die Einwohnerzahl sinkt. Ein großes Einkaufscenter auf der grünen Wiese, der Riesa-Park, gräbt den kleinen Geschäften in der Fußgängerzone die Kundschaft ab. Man kämpft schon lange gegen Leerstand an.

In den vergangenen Jahren hat die Werbegemeinschaft Innenstadt Riesa (WIR) mit Aktionen wie der Cocktail-Meile oder dem langen Einkaufssonnabend die Riesaer auf die Hauptstraße gelockt, sagt André Eigebrecht, Vorsitzender der Werbegemeinschaft. Solche Aktionen mussten in diesem Jahr ausfallen. "Entscheidend wird nun, wie lange der Lockdown anhält." Vier Wochen könne man überbrücken. Doch je länger die Geschäfte geschlossen bleiben müssten, desto wahrscheinlicher sei es, dass der eine oder andere nach dem Lockdown nicht mehr öffnen könne. Fast alle warteten auf die Hilfen des Staates. Noch habe aber niemand wegen der Corona-Maßnahmen aufgegeben.

In einigen Städten versuchen die Händler und Verwaltungen auf den rasenden Zug des Online-Handels aufzuspringen. In Radebeul haben sie mit gezielten Aktionen im Frühjahrslockdown schnell kleinere Unterstützungsmaßnahmen eingeleitet, teilt das Citymanagement in Radebeul mit. Der ortsansässige Fußballclub nutzte die Gelegenheit und etablierte einen Online-Marktplatz. Alle Händler konnten ihre Angebote kostenfrei einstellen und ihren Lieferservice bewerben. Auch die Stadt Mühlhausen hat einen Online-Marktplatz eingerichtet. Der Oberbürgermeister Dr. Johannes Bruns sagt, er versuche Strategien zu entwickeln, um den lokalen Handel zu unterstützen und den Wandel zu gestalten.

"Handel ist Wandel", sagt daher auch die frisch gewählte Oberbürgermeisterin von Zwickau, Constance Arndt. Sie hat bis vor ihrer Wahl in diesem Herbst selbst im Modehandel gearbeitet. In die Klagen derjenigen, die jetzt das Ende der Innenstädte kommen sehen, will sie nicht einstimmen.

Menschen laufen in der Innenstadt Leipzig. Am Markt steht ein Polizeiwagen.
Der Wandel im innerstädtischen Einzeelhandel wurde nicht durch die Coronapandemie ausgelöst - er wird nun aber enorm beschleunigt. Bildrechte: Andrea Recknagel

Ausbleibende Weihnachtsumsätze zwingen zu Kreativität

Der Winter-Lockdown kommt aus Händlersicht zum ungünstigsten Zeitpunkt. Normalerweise würde der Einzelhandel einen Großteil seines Jahresgeschäfts in der Vorweihnachtszeit machen, sagt Nicole Risse, Sachbearbeiterin beim Citymanagement in Quedlinburg. Verkaufsoffene Sonntage und ein Advents-Special zogen bislang kauffreudige Kunden in die Stadt.  Die Stadtverwaltung wollte in diesem Jahr einen zusätzlichen Anreiz für den Einkaufsbummel setzen. Dies wurde auch gut angenommen. Doch die enormen Umsatzausfälle im innerstädtischen Einzelhandel konnte die Initiative des Citymanagements nicht abfedern.

In Weimar ist man daher kreativ geworden. Jürgen Hoffmann ist Vorsitzender des Weimarer Innenstadtvereins. Er und sein Team haben überlegt, was man bieten könne, was Amazon nicht kann: "In Weimar wird deshalb der Weihnachtsmann bestellte Ware ausliefern". Zwar ohne Schlitten, aber auch ohne einen milliardenschweren Konzern im Rücken.

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | Thüringenjournal F: 20/351 - Einzelhandel im Corona-Lockdown | 17. Dezember 2020 | 19:00 Uhr

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