Stromversorgung Steigender Strombedarf: Stadtwerke und Verbände kritisieren Bundesregierung

Bis 2030 wird der jährliche Stromverbrauch in Deutschland weiter steigen. Das geht aus der aktuellen Stromverbrauchsprognose der Bundesregierung hervor. Demnach würden 2030 bis zu 665 Terawattstunden verbraucht. Das sind zehn Prozent mehr als bisher erwartet. Energieverbände gehen von noch höheren Zahlen aus. Wie bereitet sich Mitteldeutschland darauf vor?

Windräder und Strommast
Unser Stromverbrauch wird bis 2030 weiter steigen. Bildrechte: IMAGO

2030 werden rund 14 Millionen Elektroautos auf Deutschlands Straßen fahren und sechs Millionen Wärmepumpen Gebäude heizen. Die Folge: Wir brauchen mehr Strom. Und zwar 645 bis 665 Terawattstunden pro Jahr. So zumindest die Prognose aus dem Bundeswirtschaftsministerium. Die hatte Wirtschaftsminister Peter Altmaier vergangene Woche in Berlin vorgestellt und damit die Prognose aus dem letzten Jahr um zehn Prozent nach oben korrigiert.

Eine Terawattstunde sind eine Milliarde Kilowattstunden. Zum Vergleich: Eine Person verbraucht pro Jahr 2.300 Kilowattstunden Strom.

Energieverbände prognostizieren noch höheren Strombedarf

Die Grafik zeigt den Stromverbrauch in Deutschland und eine Prognose für die Zukunft.
Das Bundeswirtschaftsministerium pronostiziert einen deutlich höheren Stromverbrauch bis 2030. Bildrechte: MDR

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) kritisiert die Prognose der Bundesregierung: "Es ist schon seit Langem klar, dass mehr Strom benötigt wird, wenn Millionen E-Autos und Wärmepumpen auf dem Markt sind", sagt Sprecher Jan Ulland, "die Bundesregierung hätte ihre Prognose schon viel früher anpassen können." Der BDEW rechnet damit, dass der Stromverbrauch bis 2030 auf 700 Terawattstunden ansteigen wird, der Bundesverband Erneuerbarer Energien (BEE) kommt sogar auf 740 TWh.

Der veranschlagte Strombedarf spielt unter anderem dann eine Rolle, wenn es um den Ausbau Erneuerbarer Energien geht. Bis 2030 sollen 65 Prozent unseres Stromverbrauchs durch Erneuerbare Energien gedeckt werden. Derzeit liegt der Anteil Schätzungen zufolge bei 42 Prozent. Der BEE befürchtet, dass die Erneuerbaren Energien in den nächsten Jahren nicht ausreichend ausgebaut werden, wenn die Bundesregierung den Strombedarf zu niedrig schätzt.

Wirtschaftsminister Altmaier sprach zwar davon, den Ausbau von Windenergie an Land und auf See sowie den Ausbau von Fotovoltaik-Anlagen beschleunigen zu wollen – genauere Pläne stellte er jedoch nicht vor. "Immerhin ein erster Schritt in die Realität der Energiewende", sagt Wolfram Axthelm, Geschäftsführer des BEE, betont aber die großen Mengen an Erneuerbaren Energien, die bis 2030 noch installiert werden müssten. Je länger mit dem beschleunigten Ausbau gewartet werde, desto eher drohe eine "Ökostromlücke".

Kritik der Stadtwerken am langsamen Ausbau der Erneuerbaren Energien

Auch in den Leipziger Stadtwerken ist man enttäuscht darüber, dass das Bundeswirtschaftsministerium seine Ziele für den Ausbau Erneuerbarer Energien nicht angepasst hat. "Das bedauern wir sehr", sagt Pressesprecher Frank Viereckl. In den Stadtwerken habe man den steigenden Stromverbrauch schon länger auf dem Schirm.

So bereitet sich Leipzig schon jetzt auf mehrere hypothetische Szenarien vor, in denen der Strombedarf unterschiedlich hoch ist. Die Stadtwerke Magdeburg arbeiten daran, ihren Kunden vermehrt Strom aus Wind- und Solarenergie bereitstellen zu können, die entsprechenden Anlagen sollen deutlich vor 2030 ans Netz gehen. Außerdem soll das Stromnetz verstärkt und ausgebaut werden.

Das werde sich dann aber auch spürbar in den Strompreisen niederschlagen, sagt Cornelia Kolberg, Pressesprecherin der Magdeburger Stadtwerke. "Die Strompreise werden den heute schon als hoch wahrgenommenen Rahmen nach oben verlassen."

Stadtwerke erwarten keine Strom-Versorgungsengpässe

Worauf sollten sich Verbraucherinnen und Verbraucher noch einstellen? Was passiert beispielsweise, wenn nach Feierabend alle gleichzeitig ihr E-Auto laden wollen? In Leipzig sei das kein Problem, sagt Frank Viereckl von den Stadtwerken, das Netz würde das selbst dann hergeben, wenn es nur noch E-Mobilität gebe.

Auch die Stadtwerke Magdeburg erwarten keine Versorgungsengpässe. Dennoch wird in Magdeburg an speziellen Stromlieferverträgen gearbeitet, die einen wirtschaftlichen Anreiz setzen, den Stromverbrauch in bestimmten Zeiträumen kurzfristig zu senken. Denkbar wären zum Beispiel niedrigere Strompreise zu Zeiten, in denen mehr Netzkapazität verfügbar ist, sodass es einen Anreiz gibt, sein E-Auto genau dann zu laden.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Fernsehen | 13. Juli 2021 | 19:30 Uhr

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