Lohnentwicklung Niedriglohnsektor im Osten schrumpft

Vergangenes Jahr lag die Niedriglohn-Schwelle bei 2.284 Euro brutto. Vor allem Ostdeutsche liegen darunter. Doch im Vergleich zu vor zehn Jahren, stellt die Hans-Böckler-Stiftung fest, ist die Zahl der Niedriglohn-Empfänger im Osten deutlich zurückgegangen, bleibt mit knapp 30 Prozent aber weiter auf hohem Niveau. Für Lohnsteigerungen sorgt im Osten vor allem der deutliche demographische Wandel. Arbeitskräfte werden knapper, die Löhne legen deswegen zu.

Ein Staubsauger liegt auf dem roten Teppich vor dem Berlinale-Palast in Berlin.
Die neue Niedriglohnstudie zeigt: Der Osten holt auf – trotzdem bleibt Lohngefälle deutlich. Bildrechte: dpa

Kevin Knöchel kennt sich aus mit niedrigem Lohn. Er bekommt selbst nur zehn Euro die Stunde. Der 30-Jährige arbeitet bei einem Essenslieferdienst, bringt den Leipzigern per Fahrrad Pizza, Pasta oder Pommes nach Hause. Für Knöchel ist es nur ein Nebenjob, da er noch studiert. Und doch sagt er, müsste es mehr Geld sein: "Das sind ja gerade mal 40 Cent über dem Mindestlohn pro Stunde. Das ist schon ziemlich arg wenig, würde ich sagen. Allein mit dieser ganzen Gefahrenlage, finde ich das schon sehr kritisch, weil du die ganze Zeit im Verkehr unterwegs bist. Da kann immer was passieren. Deswegen müsste es eigentlich eine Gefahrenzulage geben, ehrlich gesagt."

Lage im Westen stagniert, im Osten deutlich verbessert

Doch von Zulagen kann Knöchel nur träumen. Er gehört zur Gruppe der Niedriglohnempfänger. Statistiker zählen dazu all jene, die weniger als zwei Drittel des mittleren Lohns in Deutschland erhalten – selbst wenn sie Vollzeit arbeiten. Vergangenes Jahr lag diese Niedriglohn-Schwelle bei 2.284 Euro brutto. Vor allem Ostdeutsche liegen darunter. Trotzdem hat sich die Lage deutlich verbessert.

Das zeigt eine umfassende Lohnanalyse, die Eric Sells vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung am Donnerstag vorgestellt hat: "Der Anteil der Niedriglohn-Empfänger im Osten ist deutlich zurückgegangen von 39 auf 29 Prozent. Während er im Westen, kann man sagen, weitgehend stagniert hat. Ich denke, das hat sehr viel damit zu tun, dass der demographische Wandel im Osten deutlicher zuschlägt als im Westen. Dort sind die Arbeitskräfte knapper geworden und die Löhne konnten dementsprechend auch etwas stärker zulegen."

Mindestlohn und Tarifverträge als treibende Faktoren

Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund sagt, der Niedriglohn-Sektor im Osten schrumpfe spürbar. Für Sachsens DGB-Vorsitzenden Markus Schlimbach liegt das auch an der Einführung des Mindestlohns. Vor allem aber habe man in der Lebensmittelindustrie diverse Tarifverträge erstritten. "Ich bin erfreut, dass es dieses Ergebnis gibt, dass sich die Einführung des Mindestlohns, dass sich unsere Anstrengungen für gute Tarifverträge gelohnt haben."

Das zeige, dass der Niedriglohnsektor abnimmt. "Aber wir müssen auch realistisch sehen: Es ist immer noch doppelt so viel wie im Westen. Und es betrifft natürlich auch weiter sehr viele Menschen. 30 Prozent der Vollzeit sozialversicherungspflichtig Beschäftigten haben trotzdem niedrige Löhne, und das ist eine wirkliche Belastung", erklärt Schlimbach.

Niedriglohnsektor vor allem im ländlichen Raum groß

Vor allem auf dem Land ist die Zahl der Niedriglohnempfänger weiterhin hoch. Während in der Stadt Dresden etwa 23 Prozent aller Beschäftigten unter die Niedriglohngrenze fallen, sind es im ländlichen Erzgebirgskreis 43 Prozent. Sozialwissenschaftler Eric Sell resümiert, trotz großer Fortschritte bleibe das Thema im Osten wichtig: "In der Tat ist es so, dass die Kreise, in denen mehr als 40 Prozent der Beschäftigten in diesem unteren Entgeltbereich liegen, alle im Osten liegen. Und da stechen besonders der Erzgebirgskreis, Görlitz, Saale-Orla, Vorpommern und Rügen, aber auch der Vogtlandkreis hervor."

Der Deutsche Gewerkschaftsbund hofft, dass ein höherer Mindestlohn weitere Fortschritte bringt. Essenauslieferer Kevin Knöchel wünscht sich einen Tarifvertrag mit 15 Euro Stundenlohn. Das fände er für sich angemessen: "Ich war gerade bei Kaufland einkaufen. Die Preise steigen wirklich enorm durch die Inflation. Deswegen: Der Lohn muss steigen. Der muss einfach steigen."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 06. Januar 2022 | 06:08 Uhr

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