Meinung Patrice Poutrus: Meine Lebenswende

Mann mit Jacke und Schal
Bildrechte: Marco Fechner/MDR

Bis 1989 waren die DDR bzw. Ostdeutschland Dreh- und Angelpunkt meines Lebens. Ich wurde hier geboren und wuchs in der Nähe der Berliner Mauer auf. In Ostberlin ging ich zur Schule und absolvierte meine erste Berufsausbildung als Elektronikfacharbeiter. Ich fühlte mich in dieser Zeit dem SED-Staat stark verbunden und war deshalb stolzer Thälmann-Pionier und erhielt die Jugendweihe. Mit 18 Jahren wurde ich Mitglied der SED und diente von 1981 bis 1984 als Unteroffizier der NVA. Während der Militärzeit gründete ich mit meiner Jugendliebe eine Familie. Wir wurden sehr bald Eltern von zwei Söhnen und erhielten vom fürsorglichen Staat relativ zügig eine Wohnung. Meine Frau studierte an der Humboldt-Universität und wurde Lehrerin, ich hauptamtlicher Funktionär der FDJ, zuerst in meinem Ausbildungsbetrieb, dem VEB Werk für Fernsehelektronik und dann in der Berliner Bezirksleitung der FDJ. Spätestens seit dem Militärdienst entstand bei mir aber auch die Vorstellung, dass eine verbesserte, reformierte und schließlich demokratische DDR auf die Dauer eine derart bedrohliche Grenze nicht mehr brauchen würde. Aus vielerlei Gründen endeten meine Bemühungen um eine bessere DDR in trügerischen Versuchen als Jungendfunktionär "Schlimmeres zu verhüten" und dabei möglichst anständig zu bleiben. Ob mir das gelang, mag und kann ich nicht zweifelsfrei beurteilen. Schon deshalb nicht, weil ich bis heute die möglichen Folgen meines Tuns als junger Kader des SED-Staates nicht vollends übersehen kann und mein vermehrtes Wissen über die DDR-Geschichte diese Zweifel nicht ruhen lässt.

Das Jahr 1989 war für mich in mehrfacher Hinsicht eine schwere Enttäuschung. Durch die gefälschten Kommunalwahlen und die öffentliche Zustimmung der SED zum Massaker auf dem Tianʼanmen-Platz in Peking wurde unübersehbar, dass mit der Führung des SED-Staates keine der überfälligen Reformen erreichbar waren. Mit der stetig anwachsenden Ausreisebewegung in die Bundesrepublik und den sich steigernden Massenprotesten wurde mir allmählich klar, dass es mit der Partei- und Staatsführung der DDR keinen reformierten Sozialismus geben konnte. Schließlich offenbarte die lange geforderte und dann überraschend vollzogene Öffnung der Grenzen am 9. November 1989, dass der SED-Staat keinerlei Souveränitätspotenziale mehr besaß.

Bittere Lektion

Die Führung der SED konnte nicht mehr regieren wie bisher und die ostdeutsche Bevölkerung wollte auch nicht mehr so regiert werden wie bislang. Das aber war aber laut kommunistischer Revolutionstheorie das untrügliche Kennzeichen für eine revolutionäre Situation. Dennoch hatte ich das so nicht kommen sehen; ich habe das so auch nicht wirklich gewollt und war deshalb Ende 1989 tief enttäuscht - enttäuscht vom real existierenden Kommunismus, von der DDR (als vermeintlicher Alternative zur Bundesrepublik) und vor allem von mir selbst. Ich gehörte nicht zu den Siegern der Geschichte, wie ich es noch in der Schule, beim Militär und in der SED gelernt hatte und mir immer auch wünschte und sich einzugestehen, dass nicht nur das Politbüro der SED gescheitert war, sondern auch meine Hoffnung auf eine bessere DDR, war eine bittere Lektion.

Es brauchte einige Zeit, bis ich sie annehmen konnte. Irgendwann am Anfang der 1990er Jahre verließ ich die SED, die ihren Namen inzwischen mehrfach gewechselt hatte. Im Winter 1989/90 begann ich wieder in meinem alten Ausbildungsbetrieb zu arbeiten. Wahrscheinlich hätte ich diese Arbeit, wie viele tausende andere Ostberliner, bald verloren. Aber bevor es dazu kam, begann ich 1990, mit 29 Jahren, Geschichte und Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu studieren, denn mit dem Ende des SED-Staates waren die früheren Zulassungsbeschränkungen aufgehoben und so schien der Weg für einen Neuanfang frei. Was folgte waren fünf Jahre wirklich tiefgreifender Veränderungen für mich und ebenso für meine Familie, die wir nicht ohne Furcht, Schmerz und Verlust überstanden haben, aber wir sind letztlich doch gut durch diese schwierige Zeit gekommen. Aus all dem Erzählten wird hoffentlich auch deutlich, dass für mich nicht die Deutsche Einheit, sondern in erster Linie der Herbst 1989 der zentrale Einschnitt in meinem Leben war.

Zwischen "Wir sind das Volk!"-Rufen ein Schild: "Ich bin Volker"

Ich wurde letztes Jahr dann auch gefragt, an welches Plakat von der Demo am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz ich mich erinnere. Da fielen mir einige ein, aber mit ungebrochener Freude erinnere ich den Mann, der zwischen den "Wir sind das Volk!"-Rufen ein Schild hochhielt, auf dem stand: "Ich bin Volker". Nicht mehr verpflichtet zu sein, für eine Partei, für eine Klasse, für einen Staat, für ein Gesellschaftssystem oder auch für eine Utopie zu sprechen, das war und ist für mich der besondere Moment von damals und davon komme ich nicht mehr los. Und ich bin sogar überzeugt, dass Ossis wie Wessis nur aus dem Teufelskreis von Opfermythen und Menschenfeindlichkeit ausbrechen können, wenn endlich die vorhandenen Verschiedenheiten nicht mehr als Makel betrachtet werden.

Schon in der DDR machte es einen Unterschied, ob Frau oder Mann aus Ost-Berlin, aus dem Thüringer Wald, der Sächsischen Schweiz, der Börde, dem Havelland, dem Oderbruch, von der Mecklenburger Seenplatte oder der Ostsee kam und das ist heute in Ostdeutschland kaum anders. Von den politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Differenzen mag ich nicht anfangen zu sprechen. Besonders bedrückt mich in diesem Zusammenhang, dass bei der Rede von "den Ostdeutschen" alle jene Menschen nicht vorkommen, die von hier geflohen sind oder auch verjagt wurden, egal welche Staatsbürgerschaft sie besaßen oder besitzen. Wie ich auch nicht erklären will, dass "die Wessis" wohl nicht mehr als eine wohlfeile Projektion ist. All die hier angedeuteten regionalen und gesellschaftlichen Unterschiede existieren nicht weniger in den Ländern der "alten Bundesrepublik".

Die Verhältnisse waren, sind und bleiben kompliziert

Die Verhältnisse waren, sind und bleiben kompliziert. Vereinfachungsangebote wie Generation, Volk, Religion und Kultur führen letztlich wieder nur zu der unweigerlich rassistischen Frage nach der Abstammung eines Menschen und erklären nicht den Aufstieg der rechtsradikalen AfD, sondern orchestrieren diesen lediglich. Also wenn ich heute ein Plakat malen sollte - und auch danach wurde ich gefragt - dann würde darauf stehen: "Ich bin Citizen Patrice. Kommt klar, ihr einfältigen Patrioten!"

Patrice Poutrus, geboren in Ostberlin, erst Elektronikfacharbeiter, heute Zeithistoriker und Migrationsforscher. Er setzt sich mit DDR-Geschichte und Migrationsgeschichte gleichermaßen auseinander, promovierte über den Zusammenhang zwischen Herrschaftssicherung und Konsumentwicklung in der DDR, war Fellow am Simon Wiesenthal Institut für Holocaust Studien in Wien und lehrt heute an der Universität in Erfurt. 

Dieses Thema im Programm: Das Erste | Wir Ostdeutsche - 30 Jahre im vereinten Land | 28. September 2020 | 20:15 Uhr

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