Abwicklung des VEB Motorradwerk Zschopau Überlebenskampf von MZ: Treuhand-Akten liefern neue Erkenntnisse

Recherchen der "Umschau" werfen ein neues Licht auf die Abwicklung von MZ. Das geht aus Akten der Treuhand hervor. Sie werden jetzt nach 25 Jahren unter Verschluss vom Bundesarchiv zugänglich gemacht.

erstes Motorrad der Großserie ETZ 125/150
Die ETZ-Modelle konnten MZ nicht retten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Namhafte Hersteller sind an MZ interessiert

Im Frühjahr 1991 hat die Treuhand die Unternehmensberatung PriceWaterhouse beauftragt, Käufer für MZ zu finden. Sieben Hauptinteressenten listet die Treuhand in einem internen Vermerk im August 1991 auf:

  1. Fa. Satya Negara Utama, Herr Sly, Indonesien
  2. Yeu Tyan Machinery Mfg. Co. Ltd., Taiwan
  3. Norton Motors Ltd., England
  4. Aprilia S.p.A., Italien
  5. Yamaha Motor Europe NV, Holland/Japan
  6. Bombardier - Rotax GmbH, Frankreich/Österreich
  7. Cagiva, Italien

Die Gespräche mit den ersten beiden Interessenten sind laut Treuhand-Akten sehr konkret: Die Indonesier wollen am Hauptstandort in Zschopau Motorräder in großen Stückzahlen herstellen und schon in zwei Jahren in die Gewinnzone kommen. Die Firma aus Taiwan plant, an einem Nebenstandort mit 600 Mitarbeitern Zulieferteile und neu entwickelte Motorräder zu bauen. Mitarbeiter von MZ erinnern sich, dass auch Vertreter von BMW im Werk waren, um eine Übernahme zu prüfen. Sogar die Gründung einer Motorrad-Sparte von Volkswagen in Zschopau soll im Gespräch gewesen sein. Doch am Ende ziehen sich alle Interessenten zurück.

Absatzmärkte brechen zusammen

Der Treuhand gelingt es aber nicht, die interessierten Unternehmen bei der Stange zu halten. Schon im Oktober ist in den internen Berichten aus dem Werk von Kaufinteressenten keine Rede mehr. Warum sie abgesprungen sind, ist in den vorliegenden Akten nicht vermerkt. Ein Grund könnte sein, dass die alten Absatzmärkte im Eiltempo zusammenbrechen und sich neue nicht so schnell erschließen lassen. Auch die letzte MZ-Baureihe ETZ wirft nicht die erhofften Gewinne ab.

Mitarbeiter bangen um ihre Zukunft

Rund 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind nach dem Ende der DDR bei MZ beschäftigt. Zu ihnen gehört auch André Hunger, Chef des MZ-Betriebsrats. Die Abwicklung vieler ostdeutscher Betriebe in jener Zeit beobachtet er mit Unverständnis. Damals empört ihn besonders die öffentliche Bewertung der Situation, auch im Hinblick auf "seine" Belegschaft: "Wenn man dann im Fernsehen hört, dass man es nur mit faulen Ossis zu tun hat, dann steht es mir bis sonstwohin. Das kann ich absolut nicht begreifen."

Kritik an der Treuhand

Auch das damalige Vorgehen der Treuhand kann André Hunger bis heute nicht nachvollziehen. Im Hause MZ gehen Berater ein und aus. Sie sollen die Sanierungsfähigkeit des Zschopauer Motorradwerks beurteilen. Gegenüber der Umschau bewertet das André Hunger heute, rund 30 Jahre später so: "Im Prinzip ist es beschämend. Die (Treuhand – Anm. d. R.) hatte keinerlei Ahnung. Die hatten uns dann Leute auf den Hals gehetzt, die uns Konzepte vorgestellt haben und dafür tausende D-Mark kassiert haben – für nichts und wieder nichts."

Die Nachricht vom Ende

Die Vermittlung zwischen der Treuhand und den interessierten Unternehmen scheitert schließlich. Im November 1991 vermerkt die Treuhand dazu die Begründung: "Die Sanierungsfähigkeit ist nicht gegeben." Damit ist die Liquidation von MZ beschlossene Sache. Die Belegschaft erfährt das kurz vor dem Weihnachtsfest. Doch man will sich nicht geschlagen geben.

Biedenkopf soll helfen

Die MZler bitten den damaligen sächsischen Ministerpräsidenten um Hilfe. Kurt Biedenkopf besucht daraufhin das Werk. Er beschließt, beim Kampf ums Überleben zu helfen. Gegenüber der "Umschau" begründet er heute seine Unterstützung: "Weil wir der Meinung waren, dass das ein Symbol war für die Bevölkerung. Und dass das ein schönes Motorrad war. Es war ja nicht so, dass es Schrott war. Dass es ein schönes Motorrad war und dass das Motorrad noch eine Möglichkeit hat – und sei es unter sentimentalen Gesichtspunkten –, Kunden zu gewinnen."

Doch Kurt Biedenkopf ist auch klar, dass die Rückkehr auf die alten Märkte schwer sein muss. Auf einer Betriebsversammlung stellt er den Mitarbeitern eine Frage, die er schon den Beschäftigten bei Sachsenring Zwickau – dem Produzenten des Trabant – gestellt hat: "'Würden Sie Ihre eigenen Fahrzeuge denn noch selbst kaufen?' Da ging keine einzige Hand nach oben."

MZ weiterhin auf Talfahrt

Das Land Sachsen springt trotzdem als Bürge für MZ ein – mit zwei Millionen D-Mark. Zusätzlich verzichtet die Belegschaft freiwillig auf zehn Prozent ihres Lohns. Sechs weitere Monate lang dürfen die Zschopauer ihre Zweiräder produzieren. Dann folgt der ernüchternde Kassensturz, nachzulesen in einem internen Treuhand-Vermerk: "Einem Verkaufspreis von durchschnittlich 2850,- DM pro Motorrad stehen Kosten für MZ von 6000,- DM gegenüber."

Ende und Ausverkauf

Kurt Biedenkopf (2019)
Trotz des Einsatzes von Kurt Biedenkopf wurde die Produktion nicht rentabel. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mitte 1992 muss die Belegschaft akzeptieren, dass sich die Produktion nicht rentiert. Die Hilfe der Landesregierung ändert daran nichts. Für die "Umschau" zieht der ehemalige sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf noch einmal Bilanz: "Es zeigte sich immer mehr, dass der Markt uninteressiert war. Und dann können Sie es nicht mehr machen. Sie können den Markt nicht zwingen."

Die Treuhand veräußert einen Teil der Produktionsanlagen in die Türkei. Hier läuft die ETZ noch einige Jahre vom Band. In Zschopau selbst wird aus MZ "M-u-Z" – ein Nachfolgeunternehmen. In schneller Folge werden hier neue Motorräder entwickelt, die aber nicht an den Erfolg der alten Baureihen anschließen können. Nach einer erneuten Schließung und einem dritten Neuanfang 2009 geht 2013 die Geschichte der Motorradproduktion in Zschopau wohl endgültig zu Ende.

Bildergalerie Enduro - Gelände-Motorräder im Osten

Die Enduro-Maschinen aus dem MZ-Werk in Zschopau wurden bei den verschiedensten Rennen gefahren. Wir haben uns 2012 auf einer Ausstellung im Bergbaumuseum Oelsnitz anlässlich der International Six Days Enduro umgesehen.

Enduro in der DDR
Diese MZ GT 500 wurde Anfang der 1980er-Jahre in Zschopau gebaut - im VEB Motorradwerk. Aus 360 Kubikzentimetern holte die Maschine 46 PS bei 110 Kilogramm Gewicht. Bildrechte: MDR/Conrad Weigert
Enduro in der DDR
Der Kasten Bier gehörte vermutlich nicht zur Standard-Ausrüstung des Enduro-Fahrers. Aber nach einem stundenlangen Rennen war der Fahrer dieser 250-er MZ GE bestimmt froh, seine 29 PS neben dem Kasten parken zu dürfen. Bildrechte: MDR/Conrad Weigert
Enduro in der DDR
Je älter, desto schwerer. Genau 140 Kilogramm bringt diese 19 PS-ES/G 250 auf die Waage. Im Baujahr 1956 war an Leichtbau noch nicht zu denken. Bildrechte: MDR/Conrad Weigert
Enduro in der DDR
Marke Eigenbau ist diese Enduro-Maschine aus dem Jahr 1985. Unter Leitung von Manfred Gaube wurde sie zusammengeschraubt. Leichtbau stand im Vordergrund. 36 PS bei 100 Kilogramm Gewicht. Bildrechte: MDR/Conrad Weigert
Enduro in der DDR
Diese MZ GT 500 wurde Anfang der 1980er-Jahre in Zschopau gebaut - im VEB Motorradwerk. Aus 360 Kubikzentimetern holte die Maschine 46 PS bei 110 Kilogramm Gewicht. Bildrechte: MDR/Conrad Weigert
Enduro in der DDR
Bernd Auerswald aus Hohndorf im Erzgebirge zählt diese GZ 250 aus dem Motorradwerk Zschopau zu seinem Eigentum. 42 PS bei 110 Kilogramm sorgten ab 1987 für Antrieb. Bildrechte: MDR/Conrad Weigert
Enduro in der DDR
1988 hatte die MZ GT 500 schon 49 PS - allerdings dann auch schon aus reichlich 365 Kubikzentimetern Hubraum. Abgespeckt hatte die Maschine nicht und wog immer noch 110 Kilogramm. Bildrechte: MDR/Conrad Weigert
Enduro in der DDR
Die entsprechende Montur vorausgesetzt, konnte der Spaß abseits der Piste beginnen. Bildrechte: MDR/Conrad Weigert
Enduro in der DDR
"Six Days-Trophy Winner"-Aufkleber zieren diese MZ ETS 250 G. Der obere Aufkleber behauptet, dass mit der Maschine die Trial-Wettbewerbe 1963-67 gewonnen wurden. Das stimmt aber nicht, denn die 32 PS-Maschine wurde erst 1969 gebaut. Wer hat hier geschummelt? Bildrechte: MDR/Conrad Weigert
Enduro in der DDR
Baujahr 1967/68 ist dieses Sammlerstück von Klaus Wieland. Diese MZ ETS schöpfte aus 348 Kubikzentimetern 32 Pferdestärken. Bildrechte: MDR/Conrad Weigert
Enduro in der DDR
Mitte der 1960er-Jahre waren die Maschinen noch schwer. Knappe 140 Kilogramm wog diese MZ, eine ETS/G 250. Die Motorräder waren damals das Maß der Dinge. Bildrechte: MDR/Conrad Weigert
Enduro in der DDR
Der Frontscheinwerfer wurde im Enduro-Rennen kaum gebraucht. Der Schutz verkündet groß die Herkunft der MZ ES/G 250. Bildrechte: MDR/Conrad Weigert
Enduro in der DDR
Ein "Dampfhammer" aus dem Jahr 1958. So wurden AWOs (vom sowjetischen "Awtowelo") im Volksmund wegen ihres Klangs genannt. Diese 300er-Geländemaschine hatte 21 PS. Bildrechte: MDR/Conrad Weigert
Enduro in der DDR
VEB Simson Suhl - auf dem Tank der 300er-Geländemaschine prangen noch die Insignien des Herstellers, den es heute nicht mehr gibt. Bildrechte: MDR/Conrad Weigert
Enduro in der DDR
Giftgrün und immer noch 138 Kilogramm schwer, Baujahr 1978 ist diese ETS/1 - G 5 250. Die Maschine wühlte sich mit 29 PS durch den Schlamm der Enduro-Rennstrecken. Bildrechte: MDR/Conrad Weigert
Enduro in der DDR
Sieger-Lorbeer mit DDR-Beflaggung für den Besten in der Klasse bis 250 Kubikzentimeter im Jahr 1969 bei der Geländefahrt "Rund um Zschopau". Bildrechte: MDR/Conrad Weigert
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Umschau | 10. September 2019 | 20:15 Uhr

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